Australien: Social-Media-Verbot bislang wenig erfolgreich26. Juni 2026 Drei Monate nach Inkrafttreten des Social-media-Verbotes für unter 16-Jährige in Australien sind immer noch mehr als 80 Prozent der Teenager auf mindestens einer Plattform unterwegs. (Foto: © Luiza – stock.adobe.com) In Australien scheint das Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige nur schleppend anzulaufen. Drei Monate nach Inkrafttreten des Verbotes gaben mehr als 85 Prozent der an einer Befragung teilnehmenden Jugendlichen an, auf mindestens einer der Plattformen angemeldet zu sein. Als weltweit erstes Land hat Australien 2024 ein Verbot sozialer Medien für unter 16-Jährige beschlossen. Am 10.12.2025 trat das Gesetz in Kraft. Die Plattformanbieter sind dafür verantwortlich, das Alter der Nutzenden zu prüfen – wie sie das machen, bleibt ihnen überlassen. Um zu überprüfen, inwieweit das Verbot erfolgreich durchgesetzt wird, befragten die Autoren der aktuellen Studie etwa 400 Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren zu ihrem Nutzungsverhalten sozialer Medien – sowohl zur Nutzung kurz vor Inkrafttreten der Regelung als auch drei Monate danach. Jugendliche finden Wege, Verbote zu umgehen Das Ergebnis: Insgesamt blieben mehr als 85 Prozent der Befragten auf mindestens einer der für sie verbotenen Plattformen – die meisten mit einem eigenen Account, wobei insbesondere Jüngere auch Accounts Anderer nutzten. Die tägliche Nutzungszeit veränderten sich kaum: Nach wie vor verbrachten die befragten Jugendlichen je nach Alter durchschnittlich zwischen zweieinhalb und fast vier Stunden mit sozialen Medien. Zwei Drittel der Befragten gaben an, von den Plattformen zu einem Altersnachweis aufgefordert worden zu sein – meistens als eigene Angabe ohne konkreten Beweis oder in Form eines hochgeladenen Bildes. Die Ergebnisse der australischen Forschenden wurden im Fachjournal „The British Medical Journal“ veröffentlicht. Die Autoren schreiben selbst, dass für ein aussagekräftigeres Ergebnis mehr Jugendliche hätten befragt werden müssen, da der gemessene Unterschied vor und nach dem Verbot geringer ausfiel als angenommen und die Nutzungszeiten stark variierten. Zudem böten Selbstberichte keine objektiven Informationen, sondern könnten Verzerrungen mit sich bringen. Auch Dr. Isabel Brandhorst, Leiterin der Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen am Universitätsklinikum Tübingen, rät, die Ergebnisse nicht überzuinterpretieren. Dass die Umsetzung des Gesetzes Zeit brauche und nicht innerhalb weniger Monate erfolgreich sein werde, sei zu erwarten gewesen, erklärte die Wissenschaftlerin. Allerdings gäben die Ergebnisse der australischen Regierung Hinweise darauf, wo noch nachzuschärfen sei. „Die Studie zeigt auch, dass Jugendliche Wege finden, Social Media an dem Gesetz vorbei zu nutzen. Es braucht daher mehr als ein Gesetz.“ Verbote schaffen keine Sicherheit Diesem Standpunkt schließt sich auch Dr. Tibor Jager, Professor für IT-Sicherheit und Kryptographie an der Bergischen Universität Wuppertal an: „Wer eine Sperre umgehen möchte, kann etwa einen VPN-Dienst, fremde Accounts oder das Handy von Eltern oder älteren Geschwistern nutzen. Und erfahrungsgemäß finden Jugendliche oft noch weitere kreative Wege, technische Hürden zu umgehen. Wer eine Plattform nutzen will, wird einen Weg finden.“ Tatsächlich sieht der Experte in einer funktionierenden Altersverifikation mehr Risiko als Nutzen: „Altersverifikation könnte Jugendliche auf Plattformen mit noch problematischeren Inhalten verdrängen, die außerhalb des Einflussbereichs der Altersverifikation liegen. Dann würde die Altersverifikation genau das Gegenteil dessen erreichen, was sie eigentlich erreichen will.“ Der IT-Experte hält die Suche nach einer rein technischen Lösung daher „für einen Irrweg. Sicherheit entsteht durch sichere Rahmenbedingungen, nicht durch Verbote.“ Als Beispiel nennt Jager den Straßenverkehr. Es sei selbstverständlich, dass Kinder und Jugendliche am Verkehr teilnehmen. „Wir schützen sie nicht, indem wir sie von der Straße fernhalten, sondern indem wir die Straße sicherer machen. Dazu gehören Ampeln, Zebrastreifen, Tempolimits vor Schulen und sichere Radwege. Gleichzeitig lernen Kinder etwas über die Risiken und wie sie sich im Straßenverkehr verhalten müssen.“ Dasselbe Prinzip sollte auch für soziale Medien gelten, fordert Jager. „Wir sollten die digitalen Umgebungen sicherer gestalten und Kinder und Jugendliche befähigen, Risiken zu erkennen.“ Expertenkommission: Digitale Welt an Kinder anpassen, nicht umgekehrt In Deutschland nimmt derzeit die Diskussion darüber Fahrt auf, wie die Regulierung sozialer Medien hierzulande erfolgen soll. Nachdem sich mehrere Verbände – darunter die Bundesschüler*innenkonferenz und der Bundeselternrat – in einer gemeinsamen Erklärung gegen eine Altersgrenze ausgesprochen haben, hat nun auch die Expertenkommission der Bundesregierung 56 Handlungsempfehlungen vorgelegt. Darin empfiehlt sie eine ganzheitliche Strategie, die auf der Trias aus Schutz, Befähigung und Teilhabe basiert. Zentral ist dabei ein verantwortungsbasiertes Modell, das Eltern, Bildungseinrichtungen, den Staat und insbesondere Plattformanbieter (z. B. durch „Jugendschutz by Design und by Default“) gleichermaßen in die Pflicht nimmt. Zu den Kernforderungen der Kommission gehören: der systematische Aufbau von Medien- und KI-Kompetenz über alle Bildungsphasen hinweg, etwa durch ein „KI-Seepferdchen“ im Grundschulalter. eine risikoorientierte Plattformregulierung, die unter anderem Altersüberprüfungen und ein Verbot suchtverstärkender Funktionen für Minderjährige vorsieht. die Stärkung der digitalen Polizeiarbeit (z. B. durch eine Kinderonlinewache) sowie die Integration von Medienthemen in die gesundheitliche Vorsorge. Ziel ist es, durch eine koordinierte Gesamtstrategie sicherzustellen, dass die digitale Welt an den Bedürfnissen der jungen Generation ausgerichtet wird und nicht umgekehrt.
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