Frühe Bildschirmzeit beeinflusst Lernen und Gedächtnis langfristig26. Juni 2026 Bei Kleinkindern wirken sich längere Bildschirmzeiten besonders schädlich aus. (Foto: © Андрей Журавлев – stock.adobe.com) Bildschirme sind auch im Leben kleiner Kinder mittlerweile fast allgegenwärtig. Daher gewinnen Fragen zu ihren langfristigen Auswirkungen auf das Lernen zunehmend an Dringlichkeit. Neue Studienergebnisse zeigen nun, dass längere Bildschirmzeiten im Alter von einem und sechs Jahren mit schlechteren schulischen Leistungen in Verbindung stehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die American Academy of Pediatrics empfehlen, vor dem Alter von 18 bis 24 Monaten auf Bildschirmnutzung zu verzichten und bei Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren die Bildschirmzeit auf weniger als eine Stunde pro Tag zu beschränken. Dennoch überschreiten viele Kleinkinder diese Grenzwerte, und die Erkenntnisse darüber, wie sich die Bildschirmnutzung auf die kognitive Entwicklung auswirkt, sind bislang uneinheitlich. Ursachen hierfür sind, dass die meisten diesbezüglichen Studien Querschnittsstudien sind, sich auf Kinder im Schulalter konzentrieren oder auf wiederholte Messungen über die gesamte frühe Kindheit hinweg verzichten. Ein Forscherteam des Inserm (Frankreich) und der National University of Singapore (Singapur) hat daher eine Längsschnittstudie konzipiert, die mehrere Entwicklungsstadien abdeckt. Ziel der Forschenden war es, potenziell sensible Zeiträume der Bildschirmnutzung zu identifizieren und dabei familiäre sowie umweltbedingte Einflüsse zu berücksichtigen. Dazu analysierten sie anhand von Daten aus der Geburtskohorte „Growing Up in Singapore Towards healthy Outcomes“ (GUSTO) die von den Eltern angegebenen Bildschirmzeiten zu sechs Zeitpunkten und bewerteten mehrere Jahre später die schulischen Leistungen sowie das Arbeitsgedächtnis der Kinder. Säuglingsalter und Schuleintritt sind besonders sensible Phasen Insgesamt begleitete die Studie 502 Kinder vom Säuglingsalter bis in die mittlere Kindheit. Dabei stellten die Forschenden fest, dass eine längere Bildschirmnutzung während bestimmter Entwicklungsphasen mit schlechteren späteren schulischen Leistungen und einem schwächeren Arbeitsgedächtnis verbunden war. Die Zusammenhänge zeigten sich am konsistentesten bei der Bildschirmnutzung im Säuglingsalter und im Alter um den Schuleintritt, was den Studienautoren zufolge darauf hindeutet, dass diese Phasen besonders sensible Zeitfenster für die kognitive Entwicklung darstellen könnten. Kinder mit einer insgesamt höheren Bildschirmnutzung während der gesamten Kindheit zeigten zudem tendenziell schlechtere schulische Leistungen. Den Forschenden zufolge deuten die Ergebnisse darauf hin, dass der Zeitpunkt der Bildschirmnutzung ebenso wichtig sein könnte wie die Gesamtdauer der Nutzung, wobei die frühe Kindheit eine kritische Phase zu sein scheint, in der Bildschirmgewohnheiten dauerhafte Auswirkungen auf das Lernen und das Gedächtnis haben könnten. Bildschirmzeit verdrängt Lerninteraktion „Die Effektstärken, die wir im Alter von einem Jahr beobachteten, waren die größten unter allen von uns untersuchten Zeitpunkten“, resümieren die Autoren. „Das deutet darauf hin, dass das frühe Kleinkindalter ein Zeitfenster erhöhter Empfindlichkeit sein könnte, in dem das sich entwickelnde Gehirn besonders anfällig dafür ist, dass Lerninteraktionen durch Bildschirmzeit verdrängt werden. Wir waren zudem überrascht festzustellen, dass die Bildschirmnutzung im Alter von zwei und drei Jahren zwar keine signifikanten Zusammenhänge aufwies, diese Zusammenhänge jedoch im Alter von sechs Jahren – wenn Kinder in die formale Schulbildung eintreten – wieder auftraten. Es geht also nicht nur um die frühen Jahre, auch die Bildschirmnutzung im späteren Kindesalter spielt weiterhin eine Rolle.“ Kleine Veränderung mit großer Wirkung Die Ergebnisse stützten den Grundsatz, dass „weniger besser ist“, wenn es um die Bildschirmzeit von Kindern gehe, so die Autoren. Auch wenn ein einzelnes Kind durch eine zusätzliche Stunde täglicher Bildschirmnutzung möglicherweise keinen spürbaren Schaden erleidet, könnten bereits geringfügige Verschiebungen auf Bevölkerungsebene dazu führen, dass eine bedeutende Anzahl von Kindern schlechtere schulische Leistungen erzielt. Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die auf eine Reduzierung der Bildschirmzeit abzielen, könnten davon profitieren, frühzeitig – bereits im Säuglingsalter – zu beginnen und gleichzeitig die Grenzen im schulpflichtigen Alter zu bekräftigen. Die Autoren betonen, dass zukünftige Forschungsarbeiten nicht nur die Dauer der Bildschirmnutzung untersuchen sollten, sondern auch Faktoren wie die Qualität der Inhalte, die Art des Gerätes und das gemeinsame Fernsehen mit den Eltern, die die Entwicklungsergebnisse beeinflussen könnten. (ej/BIERMANN)
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