Bahnbrechende Gentherapien gegen Erbkrankheiten16. Juni 2020 Prof. Alessandro Aiuti (Foto: Fondazione Telethon) Für seine Erfolge bei der Entwicklung von Gentherapien wird der Mailänder Arzt und Forscher Prof. Alessandro Aiuti, der am San Raffaele-Telethon Institut für Gentherapie (SR-Tiget) und an der Vita Salute San Raffaele Universität arbeitet, mit dem Else Kröner-Fresenius-Preis für Medizinische Forschung 2020 ausgezeichnet. Der Preis ist mit 2,5 Millionen Euro dotiert. Die aktuelle Coronavirus-Pandemie verdeutlicht, wie gefährlich uns Virusinfektionen werden können. Unabhängig von der derzeitigen Situation gibt es Personen, deren Körper wehrlos ist gegen Infektionen, weil ihr Immunsystem diese nicht bekämpfen kann – sie leiden an Immunschwächekrankheiten wie ADA-SCID (Adenosine-Deaminase-Severe Combined ImmunoDeficiency) oder dem Wiskott-Aldrich-Syndrom. Bei der seltenen Immunkrankheit ADA-SCID, die ausschließlich junge Kinder betrifft und in Europa jährlich etwa 15-mal auftritt, sorgt ein Defekt des ADA-Gens im Erbgut für eine Störung der Lymphozyten-Entwicklung. Der Körper der jungen Patienten ist dadurch wehrlos gegen Infektionen. „Ohne wirksame Therapie überleben die Kinder selten länger als zwei Jahre, da für sie jede Infektion gefährlich werden kann“, erläutert Prof. Alessandro Aiuti. Therapiestandard ist eine Knochenmarktransplantation, doch nur für eine Minderheit von Patienten steht ein passender Spender zur Verfügung. „Solche Kinder profitieren inzwischen von unseren Fortschritten im Bereich der Gentherapie. Bisher haben wir mit der von uns entwickelten Therapie 36 Kinder aus 19 Ländern behandelt. Bei mehr als 80 Prozent hat die Behandlung so angeschlagen, dass keine Enzym-Ersatztherapie oder Transplantation benötigt wird. Diese Errungenschaft wurde durch den außerordentlichen Einsatz und das außergewöhnliche Engagement der SR-Tiget-Forscher und des klinischen Teams im Verlauf von 25 Jahren ermöglicht“, erläutert Aiuti. Alle Patienten sind immer noch am Leben. Für diese Erfolge und seine anderen Arbeiten auf dem Gebiet der Gentherapie wurde Aiuti nun mit dem Else Kröner-Fresenius-Preis für Medizinische Forschung 2020 der Else Kröner-Fresenius-Stiftung (EKFS) ausgezeichnet. Der internationale Forschungspreis ist mit 2,5 Millionen Euro einer der höchst dotierten medizinischen Wissenschaftspreise weltweit. „Der noch junge Preis wird in diesem Jahr zum dritten Mal vergeben. Er ehrt Forscherinnen und Forscher für bahnbrechende Beiträge in den biomedizinischen Wissenschaften. Ein großer Teil des Preisgeldes fließt in die Forschung des Preisträgers und soll dazu beitragen, auch in Zukunft weitere wegweisende Ergebnisse und medizinische Durchbrüche zu erzielen“, betont Prof. Michael Madeja, wissenschaftlicher Vorstand der EKFS. Die Juryvorsitzende Prof. Hildegard Büning, Präsidentin der European Society for Gene and Cell Therapy (ESGCT), begründet die Jury-Entscheidung: „Alessandro Aiuti ist ein wirklich herausragender Arzt und Wissenschaftler. Seine Arbeit hat maßgeblich zur Entwicklung und der erfolgreichen Behandlung von seltenen, genetisch bedingten Erkrankungen wie SCID beigetragen. Auch Patienten mit anderen vererbbaren Krankheiten können nicht zuletzt dank seiner Beiträge vermutlich in Zukunft erfolgreich behandelt werden.“ Nach erfolgreichen klinischen Studien wurde die für ADA-SCID-Patienten entwickelte Gentherapie in Europa als Arzneimittel zugelassen. Sie gilt als eine der wichtigsten Ergebnisse der Entwicklung von Gentherapien weltweit. Bei der Behandlung werden dem Patienten bestimmte Blutstammzellen (CD34+) entnommen und ihre DNA modifiziert. Dafür werden die Zellen außerhalb des Körpers mithilfe eines viralen Vektors behandelt. Dieser bringt die korrekte Version des Gens für das ADA-Enzym in das Erbgut der entnommenen Zellen ein. Die genetisch veränderten Zellen werden per Infusion zurück in den Blutkreislauf des Patienten gebracht. Ein Teil der modifizierten Zellen siedelt sich dann wieder im Knochenmark an. Der Patient verfügt nun über korrekt funktionierende Blutstammzellen, die Lymphozyten zur Abwehr von Infektionen produzieren – und das vermutlich ein Leben lang. Alessandro Aiuti will mit dem Preisgeld der EKFS die Erfolgsgeschichte fortschreiben, die Therapien weiter optimieren und Mechanismen der Heilung besser beschreiben. Eine weitere große Herausforderung sieht der Wissenschaftler darin, das erworbene Wissen über die erfolgreichen Gentherapien aus Mailand auf möglichst viele andere genetische Erkrankungen zu übertragen. Neben der Therapie für ADA-SCID hat das San Raffaele Telethon Institut für Gentherapie auch Gentherapien für vier weitere Erbkrankheiten entwickelt, darunter das Wiskott-Aldrich-Syndrom und die metachromatische Leukodystrophie. Insgesamt wurden bis heute mehr als 100 Patienten aus 35 verschiedenen Ländern behandelt.
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