Bakterienpräparat könnte Gewichtserhalt nach Formula-Diät unterstützen4. Juni 2026 Ein Bakterienpräparat könnte als Nahrungsergänzungsmittel dabei helfen, das Gewicht nach einer Diät zu halten. Symbolbild: Fotomoment001/stock.adobe.com Ein Nahrungsergänzungsmittel aus einem pasteurisierten Darmbakterium, Akkermansia muciniphila, könnte bei übergewichtigen Menschen einer neuen Studie zufolge den Gewichtserhalt nach einer Formula-Diät erleichtern. Die Ergebnisse sind vielversprechend – aber noch unzureichend für eine Behandlungsempfehlung. Menschen mit Adipositas, die erfolgreich an Gewicht verlieren, wollen ihr neues Gewicht in der Regel danach auch halten. Zwar hat der „Jo-Jo-Effekt“ einer aktuellen Analyse zufolge – entgegen gängiger Annahmen – keine negativen Auswirkungen auf Körperzusammensetzung und Stoffwechsel. Dennoch kann er psychisch belastend sein. Außerdem geht mit einer erneuten Gewichtszunahme ein Verlust der kardiometabolischen Vorteile einher, die durch die Gewichtsreduktion erzielt wurden. Patient:innen, die ihr Gewicht mithilfe des GLP-1-Rezeptoragonisten Tirzepatid reduziert haben, profitieren von einer Erhaltungstherapie sowohl mit gleicher als auch reduzierter Dosis, wie neue Daten zeigen. Eine ebenso wirksame Option stellt der Wechsel auf den oralen GLP-1-RA Orforglipron für Patient:innen dar, die mit Tirzepatid oder Semaglutid behandelt wurden. Doch welche Möglichkeiten haben Übergewichtige, die ohne medikamentöse Behandlung deutlich an Gewicht verlieren? Die Ergebnisse einer kürzlich im Fachjournal „Nature Medicine“ erschienen randomisiert kontrollierten Studie deuten an, dass ein Nahrungsergänzungsmittel aus einem Darmbakterium adipösen Menschen nach dem Abnehmen helfen kann, ihr neues Gewicht besser zu halten als mit einem Placebo. Akkermansia: Darmbakterium mit Zusatznutzen? Für ihre Studie verwendeten die Forschenden einen Stamm des Darmbakteriums Akkermansia muciniphila, welches sie pasteurisierten, um es gegen Temperatur, Sauerstoff und Säure stabiler zu machen, ohne die Wirkung zu verlieren. A. muciniphila wird wissenschaftlich als Indikator für Darmgesundheit untersucht. Bei Menschen mit Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Prädiabetes konnten in Kohortenstudien niedrigere Level an A. municiphila festgestellt werden1. In präklinischen Studien führte eine Behandlung mit dem Bakterium zu besserer Körpergewichtskontrolle und niedrigeren Blutzuckerwerten2. Eine klinische Pilot-Studie mit 32 Teilnehmenden zeigte: Das Bakterienpräparat war sicher und es gab Hinweise auf eine Wirkung auf Gewicht und Stoffwechsel-Parameter3. Hersteller des Präparats ist „The Akkermansia Company“. Weniger Gewichtszunahme nach 24 Wochen In der aktuellen Studie haben die Forschenden nun getestet, ob das Akkermansia-Nahrungsergänzungsmittel „MucT” tatsächlich eine Wirkung auf das Körpergewicht hat. Hierzu machten 90 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas ohne Typ-2-Diabetes und ohne Darmerkrankungen eine achtwöchige Formula-Diät mit täglich 900 Kilokalorien. Alle Teilnehmenden, die so mindestens acht Prozent ihres Gewichts verloren (N = 84), wurden anschließend randomisiert in zwei Gruppen für eine Erhaltungsphase eingeteilt: Eine Gruppe bekam 24 Wochen lang dreimal täglich das Bakterienpräparat als Kapsel (MucT-Gruppe), die andere ein Placebo. Während dieser Zeit sollten die Teilnehmenden versuchen, ihr Gewicht zu halten und bekamen als Hilfestellung eine regelmäßige Ernährungsberatung. Primärer Endpunkt war die Gewichtsveränderung während der Erhaltungsphase. Zusätzlich untersuchten die Forschenden Stuhlproben, Stoffwechselparameter wie den Blutzuckerspiegel und Proben aus dem Fettgewebe der Teilnehmenden. Die Ergebnisse: Die MucT-Gruppe nahm mit durchschnittlich 1,2 Kilogramm statistisch signifikant (P = 0,012) weniger Gewicht wieder zu als die Placebo-Gruppe mit 3,2 Kilogramm. 16 Teilnehmende der MucT-Gruppe nahmen sogar weiterhin Gewicht ab, in der Placebo-Gruppe nur zwei. Darüber hinaus schien MucT einen positiven Einfluss auf die Insulinsensitivität zu haben. Eine Subgruppenanalyse ergab zudem, dass Menschen mit weniger A. muciniphila im Stuhl besonders von der Behandlung mit MucT profitierten. Schwerwiegende Nebenwirkungen durch die Behandlung wurden nicht beobachtet. Methodische Stärken – und Limitationen „In den aktuellen Leitlinien zur Adipositasbehandlung spielen Nahrungsergänzungsmittel und Probiotika bislang keine Rolle – weder in der Leitlinie der Deutschen Adipositas Gesellschaft, der AWMF oder internationaler Fachgesellschaften“, erklärt PD Dr. Rima Chakaroun vom Universitätsklinikum Leipzig. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin und war nicht an der Studie beteiligt. „Die neue Studie von Mount et al. ist in diesem Kontext relevant, weil sie erstmals in einer randomisiert kontrollierten Studie zeigt, dass ein mikrobiombasiertes Präparat die Gewichtserhaltung nach einer Diät signifikant verbessern kann – ein Effekt, der in keiner bestehenden Leitlinie vorgesehen ist“, ergänzt sie. Aber: Eine einzelne Studie rechtfertige noch keine Änderung dieser Empfehlungen. Denn obwohl die Studie wichtige Stärken aufweise – doppelblind, randomisiert, placebokontrolliert, klar definierte Gewichtsverlust- und 24-wöchige Erhaltungsphase –, seien die Limitationen nicht zu vernachlässigen. „Die Fallzahl ist mit 80 Probanden, die die Studie abgeschlossen haben, eher klein. Die Untersuchungsdauer ist mit einem halben Jahr eher kurz für eine Maintenance-Studie, eine Dosisfindung fehlt und die molekularen Mechanismen des Effekts bleiben vage. Dadurch wird die Einordnung der Bedeutung der Daten schwierig“, so Prof. Stephan Bischoff, Leiter des Instituts für Ernährungsmedizin und Prävention an der Universität Hohenheim und ebenfalls an der Studie unbeteiligt. „Für eine pharmakologische Zulassung einer solchen Intervention wäre die Studie unzureichend“, betont er. „Dies wird aber wahrscheinlich nicht angestrebt. Für eine Empfehlung als Nahrungsergänzungsmittel ist die Studie wiederum mehr, als die meisten Nahrungsergänzungsmittel zu bieten haben.“ Unabhängige Bestätigung der Ergebnisse fehlt Das primäre Endergebnis sei statistisch signifikant, „aber der absolute Unterschied ist klinisch nicht sehr stark“, merkt Chakaroun außerdem an. Da die Studie vom Hersteller des Bakterienpräparates finanziert wurde, brauche es daher weitere unabhängige Studien, um die Ergebnisse zu bestätigen. „Mehrere Autor:innen der Arbeit sind leitende Mitarbeiter:innen [der Akkermansia-Company]. Es ist also prinzipiell denkbar, dass das Studiendesign von diesem Interessenkonflikt beeinflusst war. Es ist aber ein schlüssiges, vorab registriertes Studiendesign ohne Hinweise auf methodische Verzerrungen“, sagt Dr. Stefan Kabisch, DZD-Forscher an der Charité in Berlin. „Gleichzeitig muss man betonen, dass der Wirkungsnachweis eben nur für dieses spezielle Studiendesign gilt: nämlich für den Gewichtserhalt nach einer Formula-Diät bei mittelalten Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas, aber ohne Typ-2-Diabetes. Der Wirkungsnachweis gilt nicht für die Gewichtsreduktion selbst und auch nicht für den Gewichtserhalt nach anderen Diäten. Es gilt auch nur für exakt diese Bakterien in dieser Variante und dieser Dosierung“, ergänzt er. Erst kürzlich auf dem ECO 2026 präsentierte Daten zum Vergleich von schnellem versus langsamen Gewichtsverlust legen nahe, dass ein rapider Gewichtsverlust mittels einer Formula-Diät einen effektiveren Gewichtserhalt begünstigen könnte. Die Art der Diät könnte also auch im Zusammenhang mit möglichen Nahrungsergänzungsmitteln durchaus eine Rolle spielen. Genauer Wirkmechanismus bleibt ebenfalls unklar Darüber hinaus deuten die Daten an, dass möglicherweise nicht alle Personen gleichermaßen von dem Bakterienpräparat profitieren. So zeigten sich die stärksten Effekte bei Personen, die zu Beginn einen niedrigen endogenen Akkermansia-Spiegel aufwiesen. Eine Stuhltestung auf das Bakterium sei bislang aber weder standardisiert noch klinisch etabliert, betont Chakaroun. Auch deshalb müsse der genaue Wirkmechanismus genauer erforscht werden. Von den Autor:innen der Studie werden drei plausible Mechanismen diskutiert. „Der überzeugendste Effekt ist ein Energiehaushalt-Effekt: In der MucT-Gruppe korrelierte eine erhöhte Energieausscheidung im Stuhl invers mit dem Gewichtswiederanstieg. Das deutet auf eine reduzierte Kohlenhydrataufnahme im Darm hin, konsistent mit Befunden aus Mausmodellen“, erklärt Chakaroun. Interessant sei auch der Befund im subkutanen Fettgewebe: „Die Therapie-Gruppe zeigte eine Hochregulation mitochondrialer und thermogener Signalwege sowie eine Herunterregulation von Entzündungsmarkern und damit möglicherweise eine teilweise Auflösung des ‚Adipositas-Gedächtnis‘, das nach Gewichtsverlust im Fettgewebe persistiert“, so die Fachärztin weiter. Die begleitende Verbesserung der Insulinsensitivität hingegen sei wahrscheinlich überwiegend gewichtsvermittelt. Vielversprechender Schritt, keine generelle Empfehlung „MucT ist ein erstes Nahrungssupplement, für das eine Wirkung auf den Gewichtserhalt nach erfolgreicher Gewichtsreduktion bei Erwachsenen mit Adipositas in einer wissenschaftlichen Studie gezeigt werden konnte“, fasst Bischoff zusammen. Das sei ein relevantes Ergebnis, weil der Gewichtserhalt eine der großen Herausforderungen in der Adipositasbehandlung ist und es derzeit nur begrenzt wirksame Konzepte gibt – für eine generelle Empfehlung des MucT-Behandlungskonzepts seien die Daten aber noch nicht hinreichend. „Wer ernsthaft Gewicht halten möchte, sollte in erster Linie auf gut evidenzbasierte Maßnahmen setzen: GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid und Tirzepatid mit starker Evidenz zur Gewichtserhaltung, strukturierte Verhaltenstherapie, ausreichend Bewegung und eine mediterrane oder ballaststoffreiche Ernährung“, appelliert auch Chakaroun und ergänzt: „Sollten sich die Ergebnisse in unabhängigen Studien bestätigen, könnte A. muciniphila eines Tages als zusätzliche Maßnahme eine Rolle spielen, insbesondere nach Absetzen von GLP-1-Rezeptoragonisten, wo Gewichtswiederanstieg ein bekanntes Problem ist.“ Auch für Bischoff sind die neuen Daten Grund genug, das Thema weiter zu verfolgen und weitere Studien aufzulegen: „Abwarten und beobachten, es könnte spannend werden“, lautet sein Fazit. (mkl/BIERMANN) Referenzen: [1] Iwaza R et al. (2022): Akkermansia muciniphila: The state of the art, 18 years after its first discovery. Frontiers in Gastroenterology. DOI: 10.3389/fgstr.2022.1024393. [2] Liu E et al. (2024): Akkermansia muciniphila for the Prevention of Type 2 Diabetes and Obesity: A Meta-Analysis of Animal Studies. Nutrients. DOI: 10.3390/nu16203440. [3] Depommier C et al. (2019): Supplementation with Akkermansia muciniphila in overweight and obese human volunteers: a proof-of-concept exploratory study. Nature Medicine. DOI:10.1038/s41591-019-0495-2.
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