Bei Licht betrachtet: Stäbchen in der Netzhaut funktionieren auch bei Tageslicht30. November 2017 Illustration: © designua – Fotolia.com Befunde eines internationalen Forscherteams könnten neue Behandlungen für Tagblindheit ermöglichen. Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Dr. Thomas Münch vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde und dem Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften der Universität Tübingen hat gezeigt, dass Stäbchen-Lichtrezeptoren in der Retina von Mäusen mehr zum Sehen beitragen als zuvor angenommen. Mit Stäbchen lassen sich keine Farben unterscheiden, und diese Lichtrezeptoren wurden bei hellem Licht für funktionslos gehalten. Das Sehen bei Tageslicht, so die bisherige Annahme, basiere allein auf den Zapfen. Die neue Studie zeigt, dass die Funktion von Stäbchen in hellem Licht sogar zunehmen kann. Sie wurde kürzlich im Fachmagazin Nature Communications veröffentlicht. Es gilt als allgemein bekannt, dass Stäbchen für das Sehen bei sehr schwachem Licht verantwortlich sind. Zapfen dagegen erlauben uns, bei starkem Licht und in Farbe zu sehen. Diese Arbeitsteilung zwischen Stäbchen und Zapfen findet sich in praktisch allen Biologie- und Medizin-Lehrbüchern. Beitrag der Stäbchen zum Sehen erhöht sich mit Tageslichtstärke Eine neue Studie widerspricht dieser traditionellen Überzeugung: Eine Gruppe von Forschern von den Universitäten Tübingen, Manchester und Helsinki unter Leitung von Thomas Münch aus Tübingen zeigt darin, dass Stäbchen in Wirklichkeit ebenfalls zum Sehen bei Tageslicht beitragen. Am überraschendsten ist der Befund, dass ihr Beitrag sich bei stärkerem Tageslicht sogar erhöht – bis hin zu den höchsten Lichtstärken, die sich in einer natürlichen Umwelt finden. Die Forscher untersuchten zunächst transgene Mäuse ohne funktionierende Zapfen und fanden hier bei starker Lichteinstrahlung sowohl in der Netzhaut als auch im Gehirn zuverlässig messbare Signale aus den Stäbchen. Anschließend konnten sie diese auch in Tieren finden, deren Zapfen normal arbeiteten. Angesichts dieser Befunde schien es offensichtlich, dass die bis dato von den meisten Wissenschaftlern verwendeten Modelle unvollständig sein müssen. Und in der Tat weiß man aus anderen Einzelstudien bereits einiges über die Physiologie der Stäbchen, was in diesen Modellen nicht berücksichtigt wird. Indem das deutsch-britisch-finnische Forscherteam diese Modelle um zusätzliche Informationen erweiterte, konnte es nun erklären, warum Stäbchen sowohl in dämmrigem Licht als auch im Tageslicht funktionieren können. „Wir haben zwar gezeigt, dass Stäbchen in hellem Licht eine Funktion haben“, sagt Thomas Münch, „aber es bleibt schon dabei, dass Zapfen diese Funktion viel besser und verlässlicher erfüllen. Trotzdem könnten unsere Erkenntnisse neue Wege eröffnen, was die Behandlung von Patienten ohne funktionierende Zapfen angeht, sogenannte Achromaten.“ Heutzutage sind Menschen täglich viele Stunden hellem künstlichen Licht ausgesetzt. Dem alten Paradigma zufolge wäre der Ansatz abwegig erschienen, zur Behandlung solcher Sehstörungen bei den Stäbchen anzusetzen. Mithilfe der nun vorliegenden Studie über Stäbchenfunktion in hellem Licht könnte es nun aber gelingen, neue Wege zu Therapien für Patienten ohne Zapfensicht zu finden. Publikation: Alexandra Tikidji-Hamburyan, Katja Reinhard, Riccardo Storchi, Johannes Dietter, Hartwig Seitter, Katherine E. Davis, Saad Idrees, Marion Mutter, Lauren Walmsley, Robert A. Bedford, Marius Ueffing, Petri Ala-Laurila, Timothy M. Brown, Robert J. Lucas, Thomas A. Münch: Rods Progressively Escape Saturation to Drive Visual Responses in Daylight Conditions. Nature Communications 2017 Nov 27; 8(1813). DOI: 10.1038/s41467-017-01816-6 Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen
Mehr erfahren zu: "KI: Neuer Trainingsansatz stärkt künstliche Sehsysteme" KI: Neuer Trainingsansatz stärkt künstliche Sehsysteme Künstliche Intelligenz (KI) wird immer größer, datenhungriger und rechenintensiver. Doch eine neue Studie der Universität Osnabrück zeigt: Für robustes Sehen ist größer nicht immer besser. Entscheidend kann vielmehr sein, wie […]
Mehr erfahren zu: "Chancen und Risiken von Routinedaten in der Medizin" Chancen und Risiken von Routinedaten in der Medizin Routinemäßig erhobene Gesundheitsdaten – „Routinely Collected Data“ (RCD) – sind zunehmend für die Forschung verfügbar. Aber wie lassen sich diese Routinedaten am besten nutzen? Ein neuer Leitfaden gibt umfassende Empfehlungen.
Mehr erfahren zu: "EKFZ für Optogenetische Therapien: Erste von vier Else-Kröner-Professuren gestartet" EKFZ für Optogenetische Therapien: Erste von vier Else-Kröner-Professuren gestartet PD Dr. Christian van Oterendorp hat zum 1. Mai die Else-Kröner-Professur für Translationale Ophthalmologie an der Klinik für Augenheilkunde der Universitätsmedizin Göttingen angetreten.