Berliner Herzzentrum: Weltweit erst dreimal beschriebene OP rettet 41-Jähriger das Leben

Silke S. mit Christoph Knosalla und Mi-Young Cho: 13 Stunden lang haben die beiden sie operiert. Foto: DHZC

Herz, Lunge und Aortenbogen: Eine weltweit bisher nur dreimal dokumentierte Operation war die einzige Möglichkeit, Silke S. Leben zu retten. Jetzt ist die 41-Jährige wieder zu Hause.

Als Silke S. (geboren 1981) sechs Monate alt ist, werden in der Uniklinik Rostock mehrere angeborene Herzfehler festgestellt: Ein „Loch“ in der Herzscheidewand, eine Verengung der Mitralklappe und eine Aortenbogenhypoplasie. Die chirurgische Korrektur der Herzfehler ist für die Ärztinnen und Ärzte der Uniklinik damals unmöglich.

Die Patientin wird regelmäßig untersucht, ab 2004 auch im heutigen Deutsche Herzzentrum der Charité (DHZC). Auch hier erscheint die operative Korrektur der Herzfehler nicht möglich. Doch S. erfährt zum ersten Mal von der Möglichkeit einer Transplantation, sollte ihr Herz einmal versagen. Ihr Zustand bleibt aber noch lange stabil. Auch von einem schwerwiegenden Einriss der Lunge erholt sie sich wieder, muss in der Folge allerdings ihren Beruf aufgeben und wird frühverrentet.

Mit gesunder Ernährung und  Yoga hält sich S. fit, doch Anfang 2020 nehmen die Symptome ihrer Herzschwäche zu. Die zu schmale Hauptschlagader, die zu enge Herzklappe: Jahrzehntelang hat S.’ Herz gegen diese Widerstände pumpen müssen. Jetzt ist es zu schwach geworden. Und der Rückstau des Blutes hat auch ihre Lunge unwiderruflich geschädigt.

S. einzige Chance auf ein langfristiges Überleben ist nun eine Transplantation von Herz und Lunge. Doch zuvor muss ihre verengte Aorta rekonstruiert, also mit Hilfe von körpereigenem Gewebe erweitert werden – für sich genommen bereits ein aufwändiger Eingriff.

Den Ärztinnen und Ärzten am DHZC ist aber klar, dass sie beide große Operationen nur „am Stück“ ausführen können: Zwei Eingriffe dieser Art hintereinander würde die geschwächte Patientin nicht überstehen. Es ist eine OP, die in der Fachliteratur so erst dreimal beschrieben wurde – weltweit.

Im November 2021 wird S. hochdringlich für eine Herz-Lungen-Transplantation gelistet. Sie wird stationär in das Paulinenkrankenhaus, die Partnerklinik des DHZC, aufgenommen. Erst Ende September 2022 stehen endlich passende Spenderorgane zur Verfügung. Die schwerkranke Patientin kann zu diesem Zeitpunkt trotz kreislaufstärkender Medikamente kaum noch gehen.

Die lebensrettende Operation wird von Prof. Christoph Knosalla, chirurgischer Leiter des Programms für Herz- und Lungentransplantation am DHZC, gemeinsam mit seiner Kollegin Mi-Young Cho, leitende Oberärztin der Chirurgie für Angeborene Herzfehler, ausgeführt. Mit körpereigenem Gewebe erweitern Cho und Knosalla zunächst den Aortenbogen ihrer Patientin, entnehmen dann die kranken Organe, setzen das neue Herz-Lungen-Paket ein. Die 13-stündige Operation verläuft ohne Komplikationen. 

Die Spenderorgane funktionieren vom ersten Tag an sehr gut. Dennoch ist es für die Patientin ein langer und mühevoller Weg zurück ins Leben. Auch die anderen Organe haben durch die jahrelange Minderdurchblutung stark gelitten. Erst nach 16,5 Wochen kann S. das DHZC verlassen und in die Reha gehen. Vergangene Woche konnte sie schließlich nach 463 Tagen im Krankenhaus nach Hause zurückkehren.

S. ist sich bewusst, dass es gerade im ersten Jahr noch zu Komplikationen kommen kann. Aber momentan fühlt sie sich einfach „hervorragend“. Aber das Schönste, verrät sie, sei nach über einem Jahr in der Klinik eben doch: „Ich kann meine Tür zumachen und weiß: Keiner kommt rein.“