Biomarker-gesteuerte Immunsuppression nach Nierentransplantation erfolgreich getestet15. Juni 2026 Foto: © crystal-light/stock.adobe.com Ein internationales Forschungsteam unter Koordination der Medizinischen Universität Wien hat in einer klinischen Studie gezeigt, dass eine am Torque-Teno-Virus orientierte Dosierung von Immunsuppression bei Nierentransplantierten sicher ist. Die TTVguideIT-Studie untersuchte, ob das Torque-Teno-Virus, kurz TTV, als Biomarker helfen kann, die Immunsuppression individueller zu steuern. TTV kommt bei vielen Menschen vor, verursacht keine Erkrankung und lässt Rückschlüsse auf die Aktivität des Immunsystems zu: Niedrige TTV-Werte können auf ein zu starkes Immunsystem hinweisen, hohe Werte auf ein zu schwaches Immunsystem. „Unser Ziel war es, die Immunsuppression nicht nur nach fixen Medikamentenspiegeln zu dosieren, sondern stärker am tatsächlichen immunologischen Zustand der Patientinnen und Patienten auszurichten“, erklärt Gregor Bond, Gesamtkoordinator des Projekts. „Die Studie zeigt, dass eine TTV-gesteuerte Anpassung der Dosis des immunsuppresiven Medikaments Tacrolimus in der untersuchten Patientengruppe sicher möglich war.“ Die aktuell beim Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Nephrologie präsentierten Ergebnisse der TTVguideIT-Studie legen nahe, dass sich die immunsuppressive Therapie künftig stärker personalisieren und in bestimmten Patientengruppen reduzieren lassen könnte. 260 Patienten in 13 europäischen Zentren In die randomisierte, kontrollierte Phase-II-Studie schlossen die Autoren 260 erwachsene, stabile Nierentransplantierte mit niedrigem immunologischem und infektiologischem Risiko ein. Die Studie führten sie an 13 akademischen Zentren in Österreich, Deutschland, Frankreich, Tschechien, den Niederlanden und Spanien durch. Die Patienten teilten sie vier Monate nach Transplantation entweder einer TTV-gesteuerten Tacrolimus-Dosierung oder der Standardbehandlung zu. Der primäre Endpunkt umfasste Infektionen, Transplantatabstoßung, Transplantatverlust oder Tod. In der TTV-gesteuerten Gruppe trat dieser kombinierte Endpunkt bei 35 Prozent der Patienten auf, in der Kontrollgruppe bei 38 Prozent. Damit erreichte die Studie ihr Ziel, die Nicht-Unterlegenheit der TTV-gesteuerten Dosierung gegenüber der Standardbehandlung zu zeigen. Die Abstoßungsraten in den Protokollbiopsien nach zwölf Monaten waren in beiden Gruppen vergleichbar. Zugleich hatten Patienten in der TTV-gesteuerten Gruppe niedrigere Tacrolimus-Spiegel und erhielten geringere Tagesdosen. Eine statistisch gesicherte Verringerung von Infektionen zeigte sich in dieser Studie nicht. Die Ergebnisse sprechen jedoch dafür, dass bei stabilen Patienten mit niedrigem Risiko eine Reduktion der Immunsuppression möglich sein könnte, ohne die Sicherheit des transplantierten Organs zu beeinträchtigen. „Das Ergebnis ist ein wichtiger Schritt in Richtung personalisierte Transplantationsmedizin“, so Bond. „Die TTV-Messung ist zugelassen für die klinische Anwendung, kostengünstig, einfach messbar und gut standardisierbar. Damit hat dieser Ansatz grundsätzlich das Potenzial, in weiteren klinischen Studien und später möglicherweise auch in der Routineversorgung breit eingesetzt zu werden.“ Meilenstein für akademische Transplantationsforschung Die TTVguideIT-Studie war Teil des EU-geförderten Horizon-2020-Projekts TTVguideTX. Die MedUni Wien koordinierte das mit mehr als sechs Millionen Euro über fünfeinhalb Jahre geförderte Projekt. Insgesamt waren 20 Partner aus zehn europäischen Ländern beteiligt, darunter universitäre Transplantationszentren, Virologie, Studienkoordination, Ethik, Biostatistik und Industriepartner. Wissenschaftlich markiert die Studie laut den Forschern mehrere Schritte in ein neues Feld: Sie ist die erste Studie, in der die Immunsuppression nach Organtransplantation mithilfe eines Biomarkers gesteuert wurde, und die erste multizentrische Biomarkerstudie im Bereich Organtransplantation, die ihren primären Endpunkt erreichte. Weitere Forschung läuft bereits Die Ergebnisse gelten zunächst für stabile erwachsene Nierentransplantierte mit niedrigem Risiko im ersten Jahr nach der Transplantation, so die Autoren. Ob und wie sich der Ansatz auf andere Patientengruppen, spätere Zeiträume nach Transplantation oder andere Organtransplantationen übertragen lässt, muss in weiteren Studien geprüft werden, heißt es weiter. Eine Folgestudie laufe derzeit multizentrisch in Frankreich, berichten die Wissenschaftler. Sie untersucht den TTV-gesteuerten Ansatz bei Patienten ab dem zweiten Jahr nach der Transplantation. Damit soll geklärt werden, ob die personalisierte Steuerung der Immunsuppression auch in späteren Phasen nach Transplantation einen zusätzlichen Nutzen bringen kann.
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