Bipolare Störung: Therapiehilfe per Smartphone

Studienarzt Fabrice Beier und Studienkoordinatorin Esther Mühlbauer besprechen die Auswertung der erhobenen Daten. (Foto: Felix Koopmann/Uniklinikum Dresden)

Damit Ärzte künftig erste Anzeichen manischer oder depressiver Episoden bipolar Erkrankter frühzeitig erkennen können, erproben Mediziner des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden seit Januar 2017 den Einsatz einer Smartphone-App.

Über- oder unterschreitet die Smartphone-Nutzung das für den Patienten gewöhnliche Maß, gilt dies als Alarmzeichen für eine möglicherweise bevorstehende manische beziehungsweise depressive Phase. Das Smartphone wird für die Patienten so zu einem zusätzlichen Schutzfaktor, da der behandelnde Arzt bei auffälligen Werten automatisch informiert wird und Kontakt zu seinem Patienten aufnehmen kann. Interessierten Patienten stehen derzeit noch 139 Studienplätze zur Verfügung.

Das Smartphone als Frühwarneinrichtung

„In der Regel erkranken viele Patienten erstmalig zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr“, erklärte PD Dr. Emanuel Severus, Leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiter der Studie. „Neben medikamentöser Therapie und einer fortlaufenden ambulanten Psychotherapie ist es für die Betroffenen wichtig, die eigenen Stressoren zu kennen, die die Entwicklung einer Depression beziehungsweise Manie auslösen können. Auf diese Weise können die Patienten über ihr eigenes Verhalten selbst Prophylaxe betreiben. Außerdem ist ein intaktes soziales Umfeld sehr wichtig – nicht zuletzt, um Krankheitssymptome der bipolaren Störung frühzeitig detektieren zu können.“

Um neue Episoden künftig noch frühzeitiger zu erkennen, bieten die Mediziner des Uniklinikums ihren Patienten die Teilnahme an der Studie „Ambulantes Monitoring mittels Smartphone bei Patienten mit einer Bipolaren Störung“ an. Dabei wird auf den Smartphones der Nutzer die App „MovisensXS“ installiert. Diese zeichnet fortlaufend die Nutzungsdaten des Studienteilnehmers auf und gleicht diese mit einem im Vorfeld für den Patienten als gewöhnliche Nutzung klassifizierten individuellen Profil ab.

Gibt es in mindestens zwei Bereichen Auffälligkeiten – etwa weil der Patient erheblich mehr Schritte als gewöhnlich macht oder außergewöhnlich viele Nachrichten verschickt – erhält der behandelnde Arzt eine E-Mail, die ihn auf die Auffälligkeit aufmerksam macht. Für Ausnahmesituationen können Patienten einen sogenannten „Urlaubsmodus“ aktivieren, der die App pausiert. „Die App könnte einen Schutzfaktor für unsere Patienten darstellen. Neben den Terminen in der Klinik könnte nun auch ein durch verändertes Smartphone-Verhalten automatisch generiertes Warnsignal zusätzliche Sicherheit bieten. Wie zuverlässig sich beginnende depressive oder manische Episoden letztlich ermitteln und abfangen lassen, werden aber erst die Ergebnisse der Studie zeigen“, erklärte Fabrice Beier, der als Studienarzt die Patienten im Rahmen der Studie betreut.

Gemeinsam mit Unikliniken in Berlin, Frankfurt, Bochum, Tübingen und Hamburg-Eppendorf sowie den Ruppiner Kliniken sollen deutschlandweit insgesamt 180 Patienten in die Studie hinsichtlich der Wirksamkeit der Monitoring-App eingeschlossen werden. Von den Ergebnissen wird abhängig sein, ob das in der Studie untersuchte Frühwarnsystem für manische oder depressive Episoden langfristiges Potenzial für die reguläre Krankenversorgung aufweist.

Von den bisher 41 Patienten sind allein 24 im Uniklinikum Dresden in Behandlung. Die Teilnahme der Patienten ist auf 21 Monate ausgelegt. Teilnehmer sollten über 18 Jahre alt sein und mehr als drei Krankheitsepisoden in den vergangenen fünf Jahren erlitten haben – davon mindestens eine manische Episode – sowie zur Nutzung eines Smartphones bereit sein. Für ihre Teilnahme erhalten die Probanden eine monatliche Aufwandsentschädigung, die etwa die Aufstockung des mobilen Datenvolumens auf mindestens 500 MB/Monat abdecken soll.