Blutmarker für Alzheimer könnte auch bei systemischer Amyloidose nützlich sein

Die Bestimmung von pTau im Blut kann womöglich auch Aufschluss über das Vorliegen einer systemischen Amyloidose geben. (Symbolfoto: ©luchschenF/stock.adobe.com)

Das phosphorylierte Tau-Protein (pTau) gilt als früher Hinweis auf Alzheimer. Eine neue Studie zeigt allerdings, dass pTau nicht spezifisch für diese Erkrankung ist. Offenbar gibt der Marker auch Auskunft über das Vorliegen systemischer Amyloidosen.

Forschende des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH) an der Universität Tübingen fanden heraus, dass erhöhte Werte von pTau nicht nur bei Alzheimer eine Rolle spielen. Sie entdeckten erhöhte pTau-Konzentrationen auch bei zwei systemischen Amyloid-Erkrankungen: der Transthyretin-Amyloidose (ATTR-Amyloidose) und der Immunglobulin-Leichtketten-Amyloidose (AL-Amyloidose). Wie bei Alzheimer kommt es auch bei diesen pathophysiologisch zu fehlerhaften Proteinablagerungen – jedoch von Transthyretin bzw. Immunglobulin-Leichtketten vorwiegend in Herz und Nieren anstelle des Protein Beta-Amyloids im Gehirn.

Diese Ergebnisse eröffnen neue Perspektiven für eine verbesserte Diagnostik dieser Erkrankungen und wurden im Rahmen einer Brief Communication im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlicht. Sie beruhen auf der Blutanalyse von 280 älteren Menschen aus Deutschland, Italien und den Niederlanden. Diese litten entweder unter einer AL- oder ATTR-Amyloidse (hereditär oder erworben), unter einer Polyneuropathie (PNP), die nicht mit einer Amyloidose in Zusammenhang stand, oder waren gesunde Kontrollen.

Erhöhte pTau-Werte bei AL- und ATTR-Amyloidose

Im Ergebnis stellten die Forschenden in den AL- und ATTR-Gruppen höhere pTau-Serumspiegel fest als in der Kontrollgruppe. Nachfolgende Analysen zeigten, dass diese Effekte bei zusätzlichem Vorliegen einer PNP sowie bei der AL-Amyloidose im Vergleich zur ATTR-Amyloidose ausgeprägter waren. Personen mit PNP, die nicht auf eine Amyloidose zurückzuführen war, wiesen hingegen keine erhöhten pTau-Spiegel auf. Bei präsymptomatischer (genetischer) ATTR stiegen die pTau-Spiegel in Abhängigkeit von der prognostizierten Zeit bis zum Auftreten der Symptome an.

„Unsere Befunde unterstreichen, dass erhöhte Blutwerte von pTau nicht krankheitsspezifisch sind. Sie können nicht nur bei Alzheimer auftreten, sondern auch bei anderen Amyloid-Erkrankungen“, sagt Prof. Mathias Jucker, Forscher am DZNE und HIH. „Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Diagnostik“, so Jucker. Denn der Blutmarker pTau lässt sich vergleichsweise einfach messen. Er könnte somit dazu beitragen, die systemischen Amyloidosen früher zu erkennen oder bestehende Verdachtsmomente gezielt abzuklären.

Relevant auch für Alzheimer und Polyneuropathie

Aus Sicht des Neurowissenschaftlers machen die Ergebnisse auch deutlich, wie wichtig eine umfassende Diagnostik bei Alzheimer ist. „Der Blutspiegel von pTau ist kein eindeutiger Alzheimer-Marker. Zusätzlich sollte man weitere Daten heranziehen, um eine Alzheimer-Erkrankung zu diagnostizieren oder deren weiteren Verlauf abzuschätzen. Im Gegensatz zu manchen Überlegungen sollte pTau nicht das alleinige Diagnosekriterium sein. Das ist umso wichtiger, wenn keine kognitiven Defizite vorliegen, sich die mutmaßliche Alzheimer-Erkrankung also noch im Frühstadium befindet.“

Die Studienergebnisse sind auch für die Diagnostik einer Polyneuropathie (PNP) von Bedeutung. Die Nervenerkrankung äußert sich unter anderem durch Kribbeln und Taubheitsgefühle in Händen und Füßen. Ursache kann eine systemische Amyloidose sein, allerdings kommen auch andere Auslöser infrage. „Unsere Daten sprechen dafür, dass der pTau-Marker helfen könnte, eine durch Amyloidose verursachte PNP von einer PNP mit anderer Ursache abzugrenzen“, so Jucker.

Stressreaktion vermutet

Wie kommen die erhöhten Werte zustande? Jucker glaubt, dass die Freisetzung von pTau eine Stressreaktion der umliegenden Zellen auf das Amyloid sein könnte, die sowohl im Gehirn als auch in anderen Organen vorkommen kann. „Diese Stressreaktion kann durchaus auch positiv sein. Bei Tieren, die Winterschlaf halten, wurde in der Tat eine vorübergehende Erhöhung von pTau als Schutzmechanismus beschrieben“, so der Forscher. „Unsere Befunde legen jedenfalls nahe, dass ein erhöhter pTau-Wert eine relativ weitverbreitete Reaktion des Organismus auf bestimmte Reize sein könnte.“

(ah/BIERMANN)