Brustkrebs: Soziale Ungleichheit nimmt nach Erkrankung zu

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Ein französisch-schweizerisches Forscherteam hat die langfristigen Auswirkungen sozioökonomischer Ungleichheiten auf die Lebensqualität von Frauen nach einer Brustkrebserkrankung aufgezeigt. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Journal of Clinical Oncology“ veröffentlicht.

Über einen Zeitraum von zwei Jahren haben die Wissenschaftler fast 6000 Frauen mit Brustkrebsdiagnose beobachtet und gezeigt, dass der sozioökonomische Status trotz identischer medizinischer Behandlung einen großen und dauerhaften Einfluss auf ihre Lebensqualität hat. Die Autoren fordern, sozioökonomische Faktoren in Unterstützungsprogrammen für Frauen mit Brustkrebs stärker zu berücksichtigen.

„Soziale und wirtschaftliche Faktoren [wie Einkommen und Bildungsniveau] wirken sich darauf aus, wie der Einzelne mit der Krankheit umgeht, und sind eine der Hauptursachen für Ungleichheiten im Gesundheitsbereich. Bei der Krebsbehandlung gibt es sozioökonomische Ungleichheiten in allen Bereichen der Versorgung, von der Prävention über die Diagnose und Behandlung bis hin zum Überleben. Das Ausmaß der sozioökonomischen Ungleichheiten bei der Lebensqualität von Frauen, bei denen Brustkrebs diagnostiziert wurde, und wie sich diese während der Behandlung verändern, war jedoch nicht bekannt“, erklärt José Sandoval, Erstautor dieser Studie. „Wir haben versucht, die Ungleichheiten in der Lebensqualität dieser Frauen zu quantifizieren, sowohl zum Zeitpunkt der Diagnose als auch in den folgenden zwei Jahren“, fügt er hinzu.

Rund 6000 Frauen über zwei Jahre beobachtet

Die 5900 Frauen, die an dieser Studie teilnahmen, wurden in Frankreich wegen Brustkrebs im Frühstadium behandelt. „Viele der Frauen erhielten im ersten Jahr nach ihrer Diagnose eine schwere Behandlung – darunter eine Operation, gefolgt von einer Chemotherapie – und im zweiten Jahr eine endokrine Therapie. Wir haben sie über zwei Jahre beobachtet, um mittelfristige Veränderungen der Lebensqualität zu erfassen“, berichtet Forschungsleiterin.

Das Forschungsteam untersuchte fünf Bereiche der Lebensqualität – allgemeine Müdigkeit, psychische Verfassung, sexuelle Gesundheit und Nebenwirkungen – anhand einer Reihe sozioökonomischer Indikatoren: Bildungsniveau, Haushaltseinkommen und wahrgenommene finanzielle Situation. Die Kombination dieser Elemente ergibt einen Wert, bei dem 0 keine Ungleichheiten bedeutet.

Bei der Diagnose sind die Unterschiede in der Lebensqualität zwischen den beiden sozioökonomischen Extremen mit einem Wert von 6,7 deutlich. Während der Behandlung steigt der Wert auf 11 und bleibt zwei Jahre nach der Diagnose bei 10, einem höheren Wert als zu diesem Zeitpunkt. „Wenn wir zu Beginn der Krankheit mit einem gewissen Grad an Ungleichheit gerechnet haben, ist die Tatsache, dass diese Ungleichheiten so schnell zunehmen und so lange anhalten, eine Überraschung“, erklärt José Sandoval. „Die Auswirkungen auf die Lebensqualität sind bei Frauen mit weniger Mitteln viel ausgeprägter, unabhängig von den biologischen Merkmalen ihres Krebses, ihrem Alter oder der Behandlung, die sie erhalten haben“, fügt er hinzu.

Ungleichheiten besser berücksichtigen

Die Gründe hierfür, so die Autoren, liegen nicht in der Behandlung, die für alle Frauen gleich ist, sondern wahrscheinlich in den Elementen der Unterstützung rund um die medizinische Behandlung: „Frauen mit hohem sozioökonomischem Status werden wahrscheinlich leichter Zeit, Geld und Zugang zu Informationen haben, um für sich selbst zu sorgen, Unterstützungsressourcen zu finden und die physischen und psychischen Nebenwirkungen der Krankheit besser zu bewältigen, als beispielsweise eine alleinerziehende Mutter mit geringem Einkommen, die keine Betreuungsperson für ihre Kinder hat“, betont José Sandoval.

Gleicher Zugang zur Gesundheitsversorgung ist nicht gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Ungleichheit, betonen die Wissenschaftler. Der sozioökonomische Kontext könne ebenso wie biologische Merkmale einen großen Einfluss auf den Gesundheitszustand haben: „Wenn wir über Präzisions-Onkologie sprechen, müssen wir den ganzen Menschen berücksichtigen, einschließlich seiner sozialen Dimension.“