BVKJ fordert Grippeimpfung für alle Kinder

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Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Influenza-Impfung bisher nur für Kinder mit Risikofaktoren. Zu Beginn der Influenza-Saison hierzulande hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) eine Grippeimpfung für alle Kinder empfohlen. 

Auch gesunde Kinder seien sehr oft Überträger der Viren, sagte BVKJ-Präsident Michael Hubmann gegenüber der Funke-Mediengruppe. Ziel müsse sein, die Ausbreitung des Virus durch Impfung zu verhindern und damit die Krankheitslast für alle zu mindern. Hubmann rechnet mit einer „starken Grippewelle“ in diesem Winter. Bereits im Herbst hatten sich Fachleute dafür ausgesprochen, die Impfempfehlungen der Stiko großzügig auszulegen.

Prof. Folke Brinkmann, Leiterin der Sektion Pädiatrische Pneumologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, unterstützt die Empfehlung des BVKJ. „Ich denke schon, dass man in diesem Jahr Kinder (und natürlich auch Erwachsene) großzügig impfen sollte. Der individuelle und gesellschaftliche Nutzen ist vermutlich in dieser Saison höher als in vorherigen Jahren. Ob das für eine Stiko-Empfehlung ,ausreicht‘, ist immer schwer zu beurteilen. Ein weiterer Aspekt ist in Zeiten des Pflegenotstandes und (Kinder-)Ärztemangels auch ein möglicher Engpass bei den medizinischen Versorgungsmöglichkeiten bei großen Krankheitswellen. Dies hat die vorjährige RSV-Saison ja gut gezeigt – und es hat sich seitdem nicht relevant etwas in den Kinderkliniken und Kinderarztpraxen verändert.“

Schwere Grippewelle in Australien

Laut Definition des Robert-Koch-Instituts (RKI) hat die Grippewelle in Deutschland mit der 50. Kalenderwoche 2023 begonnen. Vornehmlich seien derzeit Kinder im Schulalter und junge Erwachsene betroffen, heißt es im aktuellen RKI-Wochenbericht. Für die beiden Wochen zwischen dem 18. und 31. Dezember wurden dem Institut knapp 9000 Fälle übermittelt – insgesamt rund 16.600 Fälle seit Oktober.

Für die Einschätzung der Schwere einer neuen saisonalen Grippewelle hierzulande dient zumeist die Krankheitswelle auf der Südhalbkugel. In Australien kam es im Sommer 2023 mit 288.770 laborbestätigten Infektionen zu einer schweren Grippewelle. In vorpandemischen Jahren waren seit Beginn der Aufzeichnungen lediglich 2019 die Infektionszahlen höher als 2023 (313.658). Besonders betroffen waren in dieser Saison Kinder bis neun Jahre. Sie allein machten rund 30 Prozent (86.486) der bestätigten Infektionen aus.

Dass es bei derlei saisonalen Krankheitswellen nun verstärkt Kinder trifft, könnte weiterhin auf die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie zurückzuführen sein. Weil insbesondere Heranwachsende durch Lockdowns nicht wie sonst üblich in den Wintermonaten allerlei Erreger abbekommen haben, ist es bei ihnen womöglich zu einer „Immunitätslücke“ gekommen. Die zuletzt erhöhten Infektionszahlen deuten Fachleute daher als eine Art Nachholeffekt.

In der zurückliegenden Grippewelle in Australien waren mit rund 60 Prozent vor allem Influenza-A-Stämme für die Erkrankungen verantwortlich. Auf Influenza-B-Stämme entfielen 40 Prozent. Von den 3751 Proben, die in der Saison 2023 an die WHO geschickt wurden, passten 98 Prozent der Influenza-A(H1N1)-Isolate, 84 Prozent der Influenza-A(H3N2)-Isolate und 99 Prozent der Influenza-B/Victoria-Isolate gut zu den Komponenten des aktuellen Vierfach-Impfstoffs. Dies weist auf eine hohe Wirksamkeit hin.

Begrenzter Impfschutz bei Kindern

Prof. Fred Zepp, ehemaliger Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin sowie Leiter der Arbeitsgruppe Immunologie & Infektiologie, Universitätsmedizin Mainz, und Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko), verweist hingegen auf die in der Vergangenheit bei Kindern mit Influenza-Impfstoffen erzielten Wirksamkeiten von null bis etwa 60 Prozent. Zudem müssten Kinder für einen „meist nur begrenzten Infektionsschutz gegenüber Influenza (…) initial zwei Impfungen erhalten. Dies ist in der laufenden Saison nur noch eingeschränkt zu verwirklichen“.

Für die am meisten gefährdeten Kinder mit Grunderkrankungen existiere hingegen eine Impfempfehlung der Stiko, sie sollten also bereits geimpft sein, erklärte Zepp.

Gesunde Säuglinge können im ersten Lebenshalbjahr durch die Influenza-Impfung der Schwangeren vor Geburt geschützt werden. Da Schwangere aufgrund einer physiologisch abgeschwächten Immunfunktion zum Ende der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko für schwere Influenza-Erkrankungen haben, sollten der Stiko-Empfehlung zufolge alle werdenden Mütter vor der Saison gegen Influenza geimpft werden. Die nach Impfung entstehenden Antikörper der Mutter würden als Nestschutz auf das noch ungeborene Kind übertragen und schützten so in den ersten Lebensmonaten. „Für die anderen Altersgruppen gesunder Kinder bedarf es der Entwicklung besser wirksamer Impfstoffe“, sagte Zepp.