bvvp: Ärztliche Psychotherapie ist stark gefährdet

Eine aussterbende Zunft: Ärztliche Psychotherapeuten. (Foto: © bahija – stock.adobe.com)

Nach Auffassung des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) ist die Psychotherapie aus fachärztlicher Hand stark gefährdet. Die Delegiertenversammlung des bvvp fordert daher von der Gesundheitspolitik sowie den Kammern, Maßnahmen zu ergreifen, um die ärztliche Psychotherapie zu erhalten.

Es bestehe die Gefahr, dass die ärztliche Psychotherapie in eine nachgeordnete Position gerate oder die sogenannten P-Fachärzte sogar vollständig aus der ambulant-psychotherapeutischen Versorgung verschwänden, so die Befürchtung der Vertreter der 16 Landesverbände auf der Frühjahrsversammlung des Verbands, die am 15./16. März 2024 online stattfand. Hier müsse die Politik gegensteuern. Gründe für die Entwicklung seien zum einen ein genereller Mangel an ärztlichen Ressourcen, zum anderen eine Fokussierung der Medizin auf rein somatische, besser vergütete Fachbereiche.

In ihrer Resolution äußern die Delegierten ihre Sorge darüber, dass dem ambulanten Sektor immer weniger Fachärzte zur Verfügung stünden, die psychisch und psychiatrisch erkrankte Menschen psychotherapeutisch, psychosomatisch, psychiatrisch und ärztlich-ganzheitlich behandelten. Die besondere Behandlung ganzheitlicher Art mache die Berufsgruppe einzigartig. Die moderne ärztliche Psychotherapie erfasse Krankheiten als Folge von sich wechselseitig beeinflussenden biologischen, psychologischen und sozialen Prozessen und beachte in den psychosozialen Therapieansätzen immer auch somatische Prozesse. Dies geschehe in dem Wissen, dass seelische Prozesse eine unabdingbar körperliche Fundierung beinhalteten.

Aktuell liege der Altersdurchschnitt Ärztlicher Psychotherapeuten bei über 60 Jahren und viele Kollegen würden bald aus dem Berufsleben ausscheiden, heißt es in der Resolution.  Dadurch entstehe ein dringender Bedarf an ärztlichen Nachwuchs-Psychotherapeuten. Doch diesen Nachwuchs gebe es nicht. Es brauche daher insgesamt mehr Medizinstudienplätze mit einer stärkeren inhaltlichen Beachtung von Psychotherapie und Psychosomatik in der Lehre und entsprechende Aus- und Weiterbildungsstellen für Ärztliche Psychotherapeuten, fordern die Delegierten. Die Weiterbildung zu „P-Fachärzten“, auch im ambulanten Bereich, müsse dringend gefördert werden, so ihre Überzeugung.

Grundlegend fehlten jungen Fachärzten wesentliche Anreize für eine Niederlassung als Psychotherapeuten, monierten die Delegierten. Dazu zählen neben den hohen Kosten für die Weiterbildung die im Fachgruppenvergleich geringere Vergütung der sprechenden Medizin und Psychotherapie, die Praxisbürokratie und eine Entwicklung hin zu einer gesundheitspolitischen Misstrauenskultur gegenüber der ambulanten Freiberuflichkeit.

Die Delegiertenversammlung des bvvp fordert daher in ihrer Resolution die Verantwortlichen in der Gesundheitspolitik sowie die Kammern auf, gemeinsam und verstärkt alle in ihrer Macht stehenden Maßnahmen zu ergreifen, um die ärztliche Psychotherapie zu erhalten. Ihr Appell: „Stellen Sie die Berufsgruppenvielfalt zum Wohle der Patienen sicher – unter anderem durch finanzielle Anreize in der Aus- und Weiterbildung sowie für Behandelnde in der Niederlassung.“

Bedarfsplanung für Kinder- und Jugendliche schnellst möglich umsetzen

Dringenden Handlungsbedarf sahen die Delegierten des bvvp auch bei der der Umsetzung der seit Langem angemahnten Bedarfsplanung für die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen.

Im Koalitionsvertrag hätten die Parteien der Ampelkoalition eine Überarbeitung der Bedarfsplanung für Kinder und Jugendliche festgeschrieben, um die Wartezeiten deutlich zu reduzieren, erinnerten die Delegierten. Die Mitglieder des Gemeinsamen Bundesausschusses G-BA hätten dieses Vorhaben aufgegriffen und vorgeschlagen, für Behandelnde, die ausschließlich Kinder und Jugendliche psychotherapeutisch behandelten, eine eigene Planungsgruppe in der Bedarfsplanung zu bilden. Dadurch werde es möglich, dem besonderen Bedarf von Kindern und Jugendlichen eher gerecht zu werden.

Die Delegierten betonten, dass die neueren Entwicklungen die Notwendigkeit für eine eigene Bedarfsplanung verschärften: So habe die Corona-Pandemie viele Kinder und Jugendlichen in sensiblen Entwicklungsphasen besonders beeinträchtigt und zu einer Zunahme des psychotherapeutischen Behandlungsbedarfs geführt.

Die Delegiertenversammlung des bvvp forderte daher die Bundesregierung auf, ihr im Koalitionsvertrag gegebenen Versprechen einzuhalten und das Vorhaben einer entsprechenden Bedarfsplanung umgehend umzusetzen. Denn selbst wenn die gesetzlichen Grundlagen zeitnah geschaffen würden, müssten in deren Folge noch Regelungen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA verabschiedet und die erforderlichen zusätzlichen vertragspsychotherapeutischen Sitze durch die regionalen Zulassungsausschüsse vergeben werden.

Ärztliche Berufsgruppe wieder im Geschäftsführenden Vorstand repräsentiert

Dr. Gerhild Rausch-Riedel (Foto: bvvp/privat)

Neben dem Austausch zu politischen Themen nutzten die Delegierten die Versammlung, um ihren Geschäftsführenden Vorstand in einer Nachwahl zu vervollständigen: So wurde Dr. Gerhild Rausch-Riedel, bisher Beisitzerin im bvvp-Bundesvorstand, von den Delegierten zur Stellvertretenden Vorsitzenden des bvvp gewählt. Mit der Wahl der Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist nun auch die ärztliche Berufsgruppe wieder personell im Geschäftsführenden Vorstand repräsentiert.

Nach ihrer Wahl sagte Rausch-Riedel: „Ich freue mich, die Position der Ärzte und Ärztinnen im Geschäftsführenden Vorstand zu vertreten. Ich hoffe, mit meiner Arbeit noch mehr zur Stärkung unserer Profession beitragen zu können. Von zentraler Bedeutung ist für mich der integrative Leitgedanke im bvvp, demzufolge alle Berufsgruppen und alle Verfahren gleichwertig vertreten sein sollen.“

Der Bundesvorstand gratulierte dem Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand des bvvp zur neuen Position und drückte seine Freude über die künftig noch engere Zusammenarbeit aus. „Wir sehen uns derzeit mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Dazu gehören unter anderem die Digitalisierung im Gesundheitswesen, die problematische neue Richtlinie zur Qualitätssicherung in der Psychotherapie oder auch die Gefährdung der Psychotherapie aus fachärztlicher Hand. Dieses schlagkräftige Team ist bereit, sich allen anstehenden Aufgaben zu stellen!“, sagte Benedikt Waldherr, Bundesvorsitzender des bvvp.