Cannabis: Möglicher Einfluss auf Fruchtbarkeit bei Frauen mit Kinderwunsch

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Die in Cannabis enthaltene Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) wirkt laut einer kanadischen Studie negativ auf Eizellen. Die Ergebnisse deuten potenzielle Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit von Frauen bei In-Vitro-Fertilisation an. Fragen zu den Risiken bei gesunden, jüngeren Frauen und dem zugrundeliegenden Wirkmechanismus bleiben offen.

Nach wie vor mangelt es an wissenschaftlichen Studien, die die gesundheitlichen Auswirkungen von Cannabis und insbesondere der in der Cannabispflanze enthaltenen psychoaktiven Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) untersuchen. Deshalb ist die Teillegalisierung der beliebten Freizeitdroge für Erwachsene in Deutschland seit Inkrafttreten des Cannabisgesetzes (CanG) im April 2024 allgemein umstritten.

Auswirkungen von Cannabis auf Fruchtbarkeit von Frauen bislang kaum untersucht

Ein Forschungsteam aus Kanada unter der Leitung von Dr. Cyntia Duval am CReATe Fertility Centre in Toronto hat nun die Ergebnisse einer Studie1 veröffentlicht, in der sie die Auswirkungen von THC auf Eizellen und die Fruchtbarkeit von Frauen untersuchten. Wie in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ berichtet, steht der Konsum von Cannabis demnach mit einer schnelleren Eizellreifung sowie Veränderungen der Gene im Zusammenhang.

Bei Männern führt ein hoher Cannabiskonsum zu einer geringeren Fruchtbarkeit, die sich unter anderem durch eine geringere Spermienqualität, aber auch Probleme beim Orgasmus auszeichnet2. Während diese Zusammenhänge bereits gut untersucht und auch die negativen Einflüsse der Droge während einer Schwangerschaft gut dokumentiert sind, gibt es bezüglich der Auswirkungen von Cannabis beziehungsweise THC auf die Fruchtbarkeit von Frauen noch große Forschungslücken. Bisherige Studien deuten darauf hin, dass der Konsum von Cannabis den Hormonhaushalt verändern könnte, zu den Effekten auf die Eizellen war bislang jedoch nichts bekannt.

THC lässt Eizellen schneller reifen

Die Autorinnen der aktuellen Studie hatten in vergangenen Untersuchungen bereits herausgefunden, dass THC und dessen Metabolite in der Follikelflüssigkeit, in welcher sich die Eizelle befindet, nachweisbar sind3. Anknüpfend an diese Erkenntnis führten die Forschenden eine Fall-Kontroll-Studie durch, in der sie die Follikelflüssigkeiten von etwas mehr als 1000 Frauen, die am CReATe Fertility Centre eine In-Vitro-Fertilisation (IVF) vornehmen ließen, analysierten. Dabei wurden die Proben von 62 der Frauen positiv auf THC getestet.

Genauere Untersuchungen zeigten, dass die Eizellen dieser Frauen eine schnellere Reifung sowie insgesamt weniger euploide Embryonen aufwiesen. Letztere sind Embryonen mit der korrekten Anzahl an Chromosomen, die dann für eine künstliche Befruchtung in Frage kommen.

Negativer Einfluss auf Chromosomensegregation und Spindelapparat in vitro

Die zugrundeliegenden Mechanismen konnten in dieser klinischen Studie nicht geklärt werden, weshalb das Team die Eizellreifung und die Chromosomensegregation im Labor weiter untersuchten. Fehler bei der Segregation der Chromosomen können zu genetischen Erkrankungen führen und sind einer der häufigsten Gründe für die Abstoßung eines Embryos.

In den In-vitro-Experimenten beobachteten die Forschenden nach dem Hinzufügen von THC bei den Eizellen sowohl Veränderungen der Genexpression als auch der Chromosomensegregation und beim Spindelappart. Veränderungen der Genexpression betrafen unter anderem Gene, die an der Umstrukturierung von extrazellulärer Matrix, Entzündungen und der Chromosomensegregation beteiligt sind. Der Spindelappart ist wiederum zentral an der Zellteilung beteiligt.

Eingeschränkte Aussagekraft der Studie – Wichtige Fragen offen

Die Studienergebnisse sprechen laut den Autorinnen dafür, dass THC über diese Auswirkungen auf Eizellen folglich die Fruchtbarkeit von Frauen verringern könnte. Allerdings weist die Studie einige Einschränkungen auf.

Dr. Wolfgang Paulus, Oberarzt an der Universitätsfrauenklinik Ulm und nicht an der Studie beteiligt, mahnt deshalb zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse. Die durchgeführten Analysen seien zwar detailliert, die Relevanz der Ergebnisse müsse aber in größeren klinischen Studien bewiesen werden. In der aktuellen Studie seien beispielsweise nicht der Einfluss weiterer Drogen untersucht worden und auch zu den spezifischen Konsumgewohnheiten von Cannabis, wie Häufigkeit und Dosierung, lägen keine Daten vor.

„Die Schlussfolgerung der Arbeit, THC beziehungsweise Cannabiskonsum könnte die Fertilität der Frau negativ beeinflussen, ist zunächst ernst zu nehmen, aber weitere Arbeiten müssen nun folgen“, so Paulus. „Patientinnen mit unerfülltem Kinderwunsch und In-Vitro-Fertilisation (IVF) sind durchschnittlich älter und haben häufiger genetische Belastungen, weshalb oft keine erfolgreiche Schwangerschaft zu verzeichnen ist. Möglicherweise verursacht THC bei jungen, genetisch unauffälligen Frauen weniger Effekte im Hinblick auf die Reproduktion.“

Verweis auf potenzielle Risiken dennoch sinnvoll

Ähnlich sieht das auch Prof. Artur Mayerhofer von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Wissenschaftler, ebenfalls nicht an der Studie beteiligt, hebt vor allem die Erkenntnisse zum Einfluss von THC auf den Spindelapparat hervor: „Das sind aus meiner Sicht die besten Daten. Störungen des Spindelapparats und Ploidie nehmen allerdings auch mit dem Alter der Frau zu. Das ist in der Arbeit bisher nicht berücksichtigt worden.“

Unklar blieben laut Mayerhofer aber nicht nur die potenziell unterschiedlichen Auswirkungen auf jüngere im Vergleich zu älteren Frauen, sondern auch der Wirkmechanismus von THC. „Sind nur die klassischen Rezeptoren beteiligt, oder spielen andere Mechanismen, zum Beispiel Ionenkanäle, eine Rolle? Inwieweit sind die Wirkungen abhängig von der Konzentration von THC, und den entsprechenden Metaboliten?“

Ohne dieses Verständnis und Erkenntnisse aus weiteren Untersuchungen im Rahmen größerer klinischer Studien seien nur bedingt Rückschlüsse auf eine systemische Wirkung von Cannabis und THC und somit die ,Bedeutung im Alltag‘ möglich, so Mayerhofer. Paulus betont hingegen abschließend, dass die Ergebnisse zum Anlass genommen werden sollten, Frauen mit Kinderwunsch auf potenzielle Risiken des Cannabiskonsums hinzuweisen.

(mkl/BIERMANN)