CGRP-Rezeptorantagonist Ubrogepant könnte auch gegen Migräne-Vorboten helfen13. Mai 2025 Symbolfoto: ©Syda Productions/stock.adobe.com Das Migräne-Medikament Ubrogepant könnte nicht nur Kopfschmerzen verhindern, sondern auch gegen die vorhergehenden Symptome wirken. Dies ist das Ergebnis einer detaillierteren Nachauswertung der PRODROME-Studie, die jüngst in „Nature Medicine“ erschien. Neben den Migräne-Kopfschmerzen umfasst die Symptomatik bei einem Drittel der Migräne-Betroffenen auch Vorboten-Symptome. Sie können bis zu zwei Tage vor der tatsächlichen Migräne-Attacke in der sogenannten Prodromalphase auftreten. Dies können zum Beispiel Müdigkeit, erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen, Nackenschmerzen und Konzentrations- und Denkschwierigkeiten sein. Sie können die Betroffenen stark in ihrem Alltag einschränken. Bis zu eine Stunde vor den Kopfschmerzen kann – in Abgrenzung zu den Prodromalsymptomen – eine Aura auftreten: Hierbei leiden die Betroffenen zum Beispiel unter Seh- oder Sprechstörungen. Bisher gibt es noch keine Therapie dieser Vorboten- und Aura-Symptome. Ubrogepant ist ein Medikament aus der noch jungen Klasse der Gepante, die den CGRP(Calcitonin gene-related peptide)-Rezeptor blockieren. Seit 2019 ist Ubrogepant für die Akutbehandlung der Migräne in den USA zugelassen, nachdem seine Wirksamkeit gegen den Kopfschmerz in zwei Studien belegt wurde. In Europa ist Ubrogepant aktuell nicht zugelassen, dafür zwei andere Vertreter der Gepante: Atogepant und Rimegepant zur Migräneprophylaxe. Letzteres kann auch als Akuttherapie verwendet werden, ist jedoch hierzulande nicht erhältlich. Explorative Analyse zum Einfluss von Ubrogepant auf die Prodromalsymptomatik Die aktuelle Publikation ist eine Nachauswertung von Daten von 518 Teilnehmenden aus der multizentrischen, randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-III-Studie PRODROME. Bei Auftreten von Prodromalsymptomen nahmen die Teilnehmenden entweder 100 Milligramm Ubrogepant als Tablette oder ein Placebo ein, wenn sie Kopfschmerzen in den folgenden ein bis sechs Stunden vermuteten. Die Studie war für den primären Endpunkt „Fehlen mittelschwerer oder schwerer Kopfschmerzen innerhalb eines Tages nach Gabe des Studienmedikaments“ konzipiert. Allerdings wurden 48 Stunden nach Medikamenteneinnahme auch zusätzliche Endpunkte erhoben, die nun ausgewertet wurden: Die häufigsten Prodromalsymptome waren Lichtempfindlichkeit, Fatigue, Nackenbeschwerden, Geräuschempfindlichkeit und Konzentrations- beziehungsweise Denkschwierigkeiten. Bei Teilnehmenden mit Ubrogepant-Behandlung verbesserten sich diese Symptome häufiger als bei denen, die mit Placebo behandelt wurden. So verschwanden beispielsweise bei den Lichtempfindlichkeits-Betroffenen mit Ubrogepant in 19,5 Prozent und mit Placebo in 12,5 Prozent der Fälle die Symptome (Odds Ratio 1,72; 95%-KI 1,13–2,61). Nackenbeschwerden verschwanden mit Ubrogepant in 28,9 Prozent und mit Placebo in nur 15,9 Prozent der Fälle (Odds Ratio 2,01; 95%-KI 1,25–3,32). Die Verbesserung trat je nach Symptom zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach Gabe auf – Lichtempfindlichkeit nach zwei Stunden, Nackenbeschwerden nach drei Stunden. Prospektive randomisierte Studien nötig Die Forschenden selbst plädieren für eine Folgestudie, die als primären Endpunkt die Wirksamkeit von Ubrogepant gegen die Vorboten-Symptome untersuchen soll. Weitergehende Untersuchungen dieser Art fordern auch deutsche Expertinnen und Experten, bevor definitive Schlussfolgerungen und eine Indikationserweiterung in Betracht gezogen werden könnten. In Statements an das Science Media Center Germany loben sie jedoch die ersten Erkenntnisse, die mit der explorativen Analyse gewonnenen wurden. Prof. Hartmut Göbel, Chefarzt an der Schmerzklinik Kiel, weist – neben dem ausschließlich hypothesengenerierenden Charakter der Studie – auf eine weitere Einschränkung hin: „Hinsichtlich der Migräne-Aura bleibt die therapeutische Lage unverändert: Eine spezifische medikamentöse Behandlung existiert bislang nicht. Sowohl Triptane als auch Gepante entfalten in der Regel keine Wirkung gegen Aura-Symptome. Die vorliegende Studie schließt Personen mit Aura ausdrücklich aus, sodass sich aus ihren Ergebnissen keine Rückschlüsse auf die Wirksamkeit von Ubrogepant bei dieser Patientengruppe ziehen lassen.“ Europäische Zulassung weiter offen Insgesamt glauben die Experten aber an den Zusatznutzen des Medikamentes. „Da diese Medikamentengruppe vermutlich nicht mit dem Risiko eines Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch verbunden ist, wäre der frühzeitige Einsatz von Ubrogepant besonders attraktiv“, meint Prof. Dagny Holle-Lee, Leiterin Westdeutsches Kopfschmerzzentrum und Oberärztin für Neurologie am Universitätsklinikum Essen. Die Medizinerin würde es sehr begrüßen, wenn auch eine Zulassung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) erfolgen würde. Ähnlich sieht es Prof. Uwe Reuter, der als ärztlicher Vorstand und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Greifswald fungiert sowie die Arbeitsgruppe Kopfschmerzen und die Kopfschmerzambulanz an der Charité – Universitätsmedizin Berlin leitet. „Ubrogepant hätte bereits ohne diese Daten in Europa zugelassen werden können, da seine Wirksamkeit auf die akute Migräne (Schmerz, assoziierte Symptome) nachgewiesen wurde“, äußert Reuter. Zwar würden die neuen Daten noch nicht ausreichen, eine Zulassung zur Behandlung der Prodromalsymptome zu erhalten, doch auch er hofft auf weitere randomisierte klinische Studien. Anstatt auf eine Zulassung von Ubrogepant setzt der Neurologe PD Dr. Charly Gaul vom Kopfschmerzzentrum Frankfurt hingegen auf die in Europa bereits zugelassenen Gepante: „Es bleibt zu hoffen, dass vielleicht ähnliche Effekte mit Rimegepant, das bald verfügbar sein wird, und Atogepant, das aktuell als Akutmedikation im Migräneanfall untersucht wird, auch erreicht werden können.“ Sollten beide Substanzen in Europa zur Akuttherapie der Migräne verfügbar sein, hält er die zusätzliche Einführung von Ubrogepant für „eher unwahrscheinlich“. Sein Fazit: „Die Wirkung auf Prodromalsymptome und den Kopfschmerz schon bei Einnahme in der Prodromalphase ist ein spannender Aspekt, der für Migränepatienten ein deutlicher Fortschritt werden kann […]. Jede zusätzliche Behandlungsoption verbessert die Situation für die Betroffenen.“ (ah)
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