Chronische Hepatitis B: Biomarker für Vorhersage eines erhöhten Leberkrebsrisikos identifiziert

Abbildung/KI-generiert: © yohana/stock.adobe.com

Ein japanisches Forschungsteam hat die Serumkonzentration von Hepatitis-B-RNA als Biomarker identifiziert, der das Leberkrebsrisiko bei Patienten, die funktionell von einer chronischen Hepatitis B geheilt wurden, genauer stratifiziert.

Mit einer Nukleosidanaloga(NA)-Therapie lässt sich bei Hepatitis-B-Patienten die Virusreplikation unterdrücken. Dies senkt auch das Risiko für eine Progression der Erkrankung. Eine solche Behandlung führt in den meisten Fällen zu einer partiellen Heilung, bei virale DNA nicht nachweisbar ist, Virus-Antigene aber schon. In seltenen Fällen kommt es zu einer funktionellen Heilung, bei der weder Virus-DNA noch -Antigene festzustellen sind. Aufgrund der Biologie des Hepatitis-B-Virus kann die Entwicklung eines HCC jedoch selbst in den seltenen Fällen einer funktionellen Heilung nicht vollständig verhindert werden.

Forschende von der Gifu Kyoritsu Universität und der Universität Hiroshima untersuchten den Einsatz neuartiger Biomarker zur präzischen Bestimmung des Risikos für ein Hepatozelluläres Karzinom (HCC). Sie zeigten insbesondere, dass Hepatitis-B-Virus-RNA (HBV-RNA) hierfür besser geeignet ist als sowohl die derzeit verwendeten als auch andere vorgeschlagene Biomarker. Die Wissenschaftler haben ihre Forschungsergebnisse kürzlich im Journal „Alimentary Pharmacology & Therapeutics“ publiziert.

Dringender Bedarf an zuverlässigen Biomarkern

„Die Einführung von NAs hat die Behandlungsergebnisse für Patienten mit chronischer Heaptitis B deutlich verbessert“, sagt Takashi Kumada. Er ist außerordentlicher Professor an der Gifu Kyoritsu Universität und Gastprofessor an der Graduiertenschule für Biomedizin und Gesundheitswissenschaften der Universität Hiroshima. An der genannten Studie war er als Erstautor beteiligt. „Da es sich jedoch bei HBV um ein DNA-Virus handelt, das sich in das Genom des Wirts integriert, ist eine vollständige Heilung nicht möglich. Daher können wir die Entwicklung eines HCC nicht vollständig verhindern. Aus diesem Grund besteht ein dringender Bedarf an zuverlässigen Biomarkern, um das Auftreten eines HCC bei diesen Patienten präzise vorherzusagen.“

Die Wissenschaftler führten eine retrospektive Studie mit Patienten durch, die an einer chronischen Hepatitis litten. Diese hatten zwischen Dezember 2000 und Mai 2024 im städtischen Krankenhaus Ogaki eine NA-Therapie erhalten. Von 857 Patienten erfüllten 311 alle geforderten Einschlusskriterien. Der vorherrschende HBV-Genotyp war C (88% der Fälle).

Nachdem sie die schriftliche Einverständniserklärung der Patienten erhalten hatten, wertete die Forschenden deren Krankenakten aus und sammelten Informationen unter anderem zu NA-Therapien, zum Hepatitis-B-Oberflächenantigen (HBsAg) und zur HBV-DNA im Serum. Zusätzlich analysierten die Wissenschaftler archivierte Serumproben der Patienten auf neuartige HBV-Marker, die in neueren Untersuchungen identifiziert worden waren: das HBV-Core-Antigen (HBcrAg) und HBV-RNA.

HBV-RNA besitzt eine bessere Vorhersagekraft als HBcrAg

Bei 311 Patienten wurde unter NA-Therapie ein Zustand erreicht, in dem HBV-DNA nicht mehr nachweisbar war. Von diesen Patienten wiesen 132 quantifizierbare HBV-RNA-Werte und 229 quantifizierbare HBcrAg-Werte auf. 31 Patienten entwickelten im Beobachtungszeitraum (median 7,8 Jahre) ein HCC.

„Unsere Studie zeigt erstmals, dass Patienten mit nicht nachweisbarer HBV-DNA, die positiv auf Serum-HBV-RNA getestet wurden, ein signifikant höheres Risiko für die Entwicklung eines HCC haben“, konstatiert Kumada. „Wir stellten fest, dass HBV-RNA eine bessere Vorhersagekraft als HBcrAg besitzt.“

Als zentrales Ergebnis ihrer Studie geben die Forschenden an, dass quantifizierbare HBV-RNA-Werte zum Zeitpunkt des Erreichens nicht nachweisbarer HBV-DNA-Werte unabhängig von traditionellen Risikofaktoren mit einem 3,2-fach erhöhten Risiko für HCC assoziiert waren. Kumada fügt hinzu: „Da HBV ein DNA-Virus ist, wurde der HBV-RNA bisher wenig Beachtung geschenkt. Obwohl HBV-RNA während des viralen Replikationszyklus produziert wird, waren wir überrascht, dass sie sich als so aussagekräftiger Prädiktor für die Krebsentwicklung erweisen kann.“

Hochrisikogruppe muss engmaschig überwacht werden

Die Studie zeigt laut den Wissenschaftlern insbesondere, dass Patienten mit chronischer Hepatitis B und quantifizierbaren HBV-RNA-Werten – vor allem solche mit gleichzeitiger Leberfunktionsstörung (ALBI-Grad 2–3) – eine Hochrisikogruppe darstellen, die eine engmaschige Überwachung auf die Entwicklung eines HCCs braucht.

„Unsere Studie wurde in einem einzigen Zentrum mit 311 Patienten durchgeführt, daher müssen die Ergebnisse noch validiert werden“, räumt Kumada abschließend ein. „Unser nächster wichtiger Schritt ist die Bestätigung dieser Ergebnisse durch eine multizentrische Kooperationsstudie. Wir würden uns sehr über Anfragen von Institutionen freuen, die an einer solchen Kooperationsstudie interessiert sind.“ Eine solche Validierung würde auch zeigen, ob die Ergebnisse auch für andere HBV-Genotypen gelten.