Cochrane-Review: Psychedelika nehmen lebensbedrohlich Erkrankten möglicherweise die Angst2. Oktober 2024 Foto: © mbruxelle – stock.adobe.com; generiert mit KI Schwer erkrankte Menschen leiden angesichts ihrer existenziellen Krise und der Konfrontation mit dem Tod häufig unter Angst und Depressionen. Ein aktueller Cochrane Review untersucht nun, ob Psychedelika-gestützte Therapien dabei helfen können, bei lebensbedrohlich erkrankten Menschen verzweifelte Gefühle und Gedanken zu lindern. Psychedelika wie LSD, der Magic-Mushroom-Wirkstoff Psilocybin und MDMA (Ecstasy) sind in den meisten Ländern illegal. Ihre medizinische Anwendung außerhalb von Forschungsstudien ist derzeit lediglich in einigen wenigen Staaten (z. B. Schweiz, Australien) unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Gleichzeitig gewinnt die Forschung zur therapeutischen Nutzung von Psychedelika zunehmend an Bedeutung. Seit 2011 werden klinische Studien zu Psychedelika-unterstützter Therapie gegen Angst und Depressionen für Menschen mit lebensbedrohlicher Erkrankung durchgeführt, die nun von einem Cochrane-Team um den Palliativmediziner Christopher Böhlke von der Universität Basel, Schweiz, mit den üblichen Cochrane-Methoden zusammengefasst und bewertet wurden. Forschende haben bei psychedelischen Wirkstoffen allerdings ein Grundsatzproblem: Eine Verblindung ist kaum möglich, denn bei psychoaktiven Substanzen ist es recht eindeutig, ob man das Psychedelikum bekommen hat oder nicht. Es gibt aber beispielsweise die Möglichkeit, Mikrodosen der Substanz als Kontrolle zu untersuchen. Eine weitere methodische Herausforderung ist die Bestimmung der Rolle der Psychotherapie im Rahmen des Behandlungssettings. Denn die Psychedelika-Einnahme wurde in den Studien zusammen mit vorbereitender, begleitender und nachbereitender psychologischer Betreuung eingesetzt. „Set und setting“ sind aber noch nicht genau spezifiziert. Der Cochrane Review fand drei Studien mit Psilocybin,zwei mit LSD und eine mit MDMA. Teilgenommen haben insgesamt nur 149 Erwachsene, die lebensbedrohlich erkrankt waren und unter Angstzuständen, Depressionen oder existenziellen Problemen litten. Die psychedelischen Wirkstoffe wurden beispielsweise im Rahmen von zwei vorbereitenden Therapiesitzungen, einer Begleitung während der Substanzwirkung und mehreren integrierenden Sitzungen nach der Einnahme untersucht. Insgesamt sind die therapeutischen Gespräche also zeitintensiv. Es handelt sich um eine neue, spezielle Therapieform, die noch nicht genau definiert ist. Die größte Studie (Psilocybin) umfasste 56 Personen, die kleinste Studie (MDMA) nur zwölf Personen. Die Studien fanden alle entweder in der Schweiz oder den USA statt. Die meisten Studien erhoben die Ergebnisse nach einer bis zwölf Wochen. Pharmaunternehmen waren nicht an der Finanzierung der Studien beteiligt. Stattdessen wurde die Finanzierung von Organisationen getragen, deren Ziel es ist, die Entwicklung von psychedelisch-assistierten Therapien voranzutreiben. Die Bewertung der Studie ergab, dass mit klassischen Psychedelika wie Psilocybin oder LSD assistierte Therapien im Vergleich zu Placebo (oder Niedrigdosis) möglicherweise zu einer Verringerung von Angst- und Depressionssymptomen (8,4 Punkte weniger gemessen mit dem STAI-T, State-Trait Anxiety Inventory – Trait; 95%-KI – 12,9 bis -3,9; 5 Studien mit 122 Teilnehmende) führen. Auch existenzielle Sorgen (wie das Gefühl, dass das Leben keinen Sinn hat) und die Lebensqualität können durch klassische Psychedelika möglicherweise verbessert werden. Die Evidenz hierzu geben die Autoren allerdings als uneinheitlich und sehr unsicher an. Für die MDMA-assistierte Therapie liegen nur sehr wenige Daten zu Angst, Depressionen und existenziellen Problemen vor. Die Ergebnisse sind daher sehr unsicher. Schwerwiegende negative Wirkungen der Psychedelika-assistierten Therapie wurden in den identifizierten Studien nicht berichtet. Allerdings ist die Evidenz den Autoren zufolge auch hier sehr unsicher. Mäßig starke Nebenwirkungen klangen nach dem Nachlassen der medikamentösen Wirkung oder innerhalb der folgenden Woche ab. „LSD- und Psilocybin-assistierte Therapien gegen Angst und Depressionen für Menschen mit lebensbedrohlicher Erkrankung könnten in Zukunft zur Therapieoption werden“, meint Böhlke. Da die Evidenz jedoch nach wie vor unsicher ist, sei ein verantwortungsvoller Umgang mit diesem Thema angebracht.
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