COVID-19: Diabetes erhöht Risiko für langfristige Komplikationen

Menschen mit Diabetes scheinen nach einer COVID-19-Erkrankung ein höheres Risiko für langfristige Komplikationen zu haben. Symbolbild: artegorov3@gmail/stock.adobe.com

Menschen mit Diabetes erholen sich nach einer COVID-19-bedingten Hospitalisierung langsamer als Menschen ohne Diabetes. Auch Monate nach der Entlassung weisen sie häufiger funktionelle Einschränkungen, kardiovaskuläre Komplikationen und eine verminderte Lebensqualität auf, wie eine retrospektive Kohortenstudie zeigt.

„Diabetes ist nicht nur ein Risikofaktor für den akuten Verlauf von COVID-19. Die Erkrankung verlängert auch die Rekonvaleszenz und beeinträchtigt die Lebensqualität langfristig“, erklärt Studienleiterin Maria Elizabeth Rossi da Silva von der Universität São Paulo (Brasilien). Aus den Ergebnissen, veröffentlicht in „Scientific Reports“, leite sich ein dringender Bedarf nach strukturierten Nachsorgeprogrammen für Menschen mit Diabetes nach einer SARS-CoV-2-Infektion ab, um erneute Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.

Erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Komplikationen und funktionelle Einschränkungen

Die Studie umfasste 870 Patient:innen, die während der ersten Pandemiewelle zwischen März und September 2020 am Hospital das Clínicas der Universität São Paulo wegen COVID-19 behandelt worden waren. Darunter befanden sich 320 Personen mit Diabetes mellitus und 550 ohne Diabetes. Rund sieben Monate nach der Krankenhausentlassung erfolgte eine standardisierte Nachuntersuchung mit klinischer Untersuchung und Laboranalysen.

Den Ergebnissen zufolge berichteten 89,8 Prozent der Menschen mit Diabetes über eine vollständige Erholung, verglichen mit 94,3 Prozent der Teilnehmenden ohne Diabetes. Zudem war Diabetes mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Folgekomplikationen wie Angina pectoris oder Myokardinfarkt assoziiert.

„Die diabetesbedingte systemische Entzündung verstärkt die Toxizität des Virus. Dadurch wird das Herz zu einem der Hauptangriffspunkte für schwerwiegende Komplikationen. Mit jeder weiteren Begleiterkrankung nimmt das Risiko zusätzlich zu“, erklärt Silva.

Auch funktionell schnitten die Betroffenen mit Diabetes schlechter ab. Sie zeigten häufiger Anzeichen von Gebrechlichkeit, berichteten öfter über Mobilitätseinschränkungen und Schwierigkeiten bei Alltagsaktivitäten. So berichteten nach der Entlassung 21 Prozent der Patient:innen mit Diabetes über mindestens einen Sturz, gegenüber 11,1 Prozent in der Vergleichsgruppe. Auch die gesundheitsbezogene Lebensqualität war bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zu Nichtdiabetikern nach der COVID-19-Erkrankung reduziert.

Nachsorge sollte auch soziale Faktoren berücksichtigen

Ein Grund dafür könnte die längere Hospitalisierung sein. Patient:innen mit Diabetes verbrachten im Median 16 Tage im Krankenhaus, gegenüber 13 Tagen in der Vergleichsgruppe. Nach Einschätzung der Autor:innen könnten die längere Immobilisation und der damit verbundene Muskelabbau wesentlich zu den anhaltenden funktionellen Defiziten beitragen.

Die Forschenden betonen darüber hinaus die Bedeutung sozialer Determinanten für den Krankheitsverlauf. Ein eingeschränkter Zugang zur Gesundheitsversorgung, psychosozialer Stress, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel könnten die Prognose von Menschen mit Diabetes zusätzlich verschlechtern. Entsprechend seien strukturierte Nachsorgeprogramme für diese Patientengruppe nach einer COVID-19-Erkrankung erforderlich.

COVID-19 könnte Diabetes manifest werden lassen

Ein weiteres Ergebnis der Studie: 7,3 Prozent der Teilnehmenden ohne bekannten Diabetes entwickelten nach der SARS-CoV-2-Infektion einen Diabetes mellitus. Nach Einschätzung der Autor:innen spreche jedoch mehr dafür, dass die Infektion bislang unerkannte Stoffwechselstörungen sichtbar gemacht oder bei prädisponierten Personen die Manifestation beschleunigt hat, als dass das Virus den Diabetes direkt verursacht hat. Auch pandemiebedingte Veränderungen des Lebensstils könnten hierzu beigetragen haben.

Gleichzeitig könne nicht ausgeschlossen werden, dass das Virus auch Zellen im Pankreas angreift und eine Insulinresistenz hervorruft. Bei Menschen mit Diabetes könnte sich die Stoffwechselerkrankung dadurch verschlechtern. Unklar ist allerdings, ob die Forschenden bei ihren Untersuchungen zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes unterschieden haben.

Die Langzeitbeobachtung der Kohorte läuft aktuell weiter. Derzeit werden Daten ausgewertet, die drei Jahre nach der COVID-19-Erkrankung erhoben wurden, um die langfristigen Auswirkungen der Infektion bei Menschen mit Diabetes genauer zu charakterisieren.

(mkl/BIERMANN)