COVID-19-Pandemie traumatisierte Ärztinnen und Ärzte in Kliniken und Praxen5. Mai 2023 Foto: ©H_Ko – stock.adobe.com Die COVID-19-Pandemie war für die Arbeitskräfte im Gesundheitswesen besonders kräftezehrend. Nicht nur Ärztinnen und Ärzte in Kliniken litten darunter, wie eine Erhebung inmitten der Krise belegt. Auch im niedergelassenen Bereich wuchs die emotionale Belastung mit dem anhaltenden Ausnahmezustand. Wie erlebten Ärztinnen und Ärzte ihr eigenes Handeln in der Pandemie? Wie gingen sie mit besonders belastenden Situationen um? Konnten sie die außergewöhnlichen Stresssituationen in ihrem Berufsleben bewältigen oder hat ihre psychische Gesundheit dabei gelitten? Um diese Fragen zu beantworten, haben der Kardiologe Prof. Andreas Goette, St. Vincenz‐Krankenhaus Paderborn, und der Psychosomatiker Prof. Karl-Heinz Ladwig, Technische Universität München (TUM), während der Pandemie Medizinerinnen und Mediziner befragt – wobei nicht nur Klinikpersonal, sondern erstmals auch Niedergelassene zu Wort kamen. Medizinerinnen und Mediziner unterschiedlicher Fachrichtungen äußerten ihre persönliche Einschätzung im Rahmen einer anonymisierten Online‐Befragung im Spätherbst 2021. Die Studie wurde in Kooperation mit dem Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) und der Ärztekammer Westfalen-Lippe durchgeführt. Die Ergebnisse wurden kürzlich im „Nature“-Fachmagazin „Scientific Reports“ publiziert. „Im zweiten Jahr der Pandemie wurde immer häufiger von überlasteten und erschöpften Ärzt:innen berichtet. Um das Problem mit wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen, haben wir diese systematische Studie durchgeführt“, erklärt Studienleiter Goette. „Bei der Datenauswertung haben uns auch folgende Fragen interessiert: Wie unterscheiden sich die Auswirkungen der Pandemie bei Klinikärzt:innen und Niedergelassenen? Ist langjährige Berufserfahrung hilfreich, um mit diesem Stress klarzukommen? Gibt es beim Einfluss der Pandemie auf das ärztliche Handeln geschlechtsspezifische Unterschiede?“ 1476 ärztliche Mitglieder der Ärztekammer Westfalen‐Lippe nahmen an der Online-Befragung teil, die Ende 2021 über einen Zeitraum von sechs Wochen durchgeführt wurde. Sie beantworteten Fragen zu ihrer Lebenssituation, zu den von ihnen behandelten Patientinnen und Patienten sowie zu den Belastungen, denen sie selbst ausgesetzt waren. Von den Befragten hatten 1139 selbst COVID-19-Erkrankte behandelt. Etwa die Hälfte dieser Ärztinnen und Ärzte waren in Kliniken tätig (n=586), die andere Hälfte in Praxen (n=553). Sie arbeiteten in den Fachgebiete Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie sowie Kinder- und Jugendheilkunde. COVID-19 führte im Arbeitsalltag zu Konflikten mit den medizinisch-ethischen Grundsätzen. Mehr als ein Drittel der Befragten, vor allem Niedergelassene, fühlte sich durch externe Zwänge in ihrer ärztlichen Arbeit behindert. Fast die Hälfte (48 Prozent) der Klinikärztinnen und Klinikärzte und gut ein Viertel (27 Prozent) der Niedergelassenen berichteten über Fälle, in denen sie große Schwierigkeiten hatten, die Patientenwürde zu wahren. Auf dem Gipfel der vierten Welle der Pandemie litten bemerkenswert viele der Befragten, nämlich je ein Viertel, an einer Depression (23 Prozent) oder einer Angststörung (24 Prozent). Ein Vergleich mit Studien zu Beginn der Pandemie zeigt einen Anstieg der emotionalen Belastung. Mehr als die Hälfte (63 Prozent der Klinikärztinnen und Klinikärzte und 53 Prozent der Niedergelassenen) äußerte ein Gefühl der Hilflosigkeit. Die Mehrheit klagte über Schlafprobleme. Besonders betroffen waren Frauen und Personen mit nur wenigen Jahren medizinischer Berufserfahrung. Ladwig fasst zusammen: „Die Ergebnisse unserer Studie zeigen deutlich: Die Pandemie und insbesondere die Behandlung von COVID-19-Patient:innen hatte gravierende Folgen für die ärztliche Arbeit in Kliniken und Praxen. Teilweise wurde das ärztliche Handeln in seinen ethischen Grundzügen in Frage gestellt. Die traumatisierenden Arbeitsinhalte gingen auch an erfahrenen Mediziner:innen, die es eigentlich gewohnt sind, schwierige Situationen zu meistern, nicht spurlos vorüber, sondern führten bei vielen in einem so nicht erwarteten Umfang zu seelischen Problemen und Einbrüchen in der psychischen Gesundheit. Wie wir sehen, konnten sich die Ärzt:innen im Lauf der Pandemie nicht an die Situation anpassen, sondern im Gegenteil, die emotionalen Belastungen haben mit der Zeit zugenommen. Emotionale Störungen unter Ärzt:innen haben ein kritisches Ausmaß erreicht.“ Goette sagt abschließend: „Es ist bedrückend zu sehen, wie die psychische Belastung von uns Ärzt:innen über die Pandemie hinweg stetig gestiegen ist. Die Rate von erheblichen psychischen Auswirkungen während der vierten Corona-Welle erschient wirklich bedeutsam. Hoffentlich führt das Ende der Pandemie zur Besserung der Befunde, aber dies bleibt abzuwarten und bedürfte erneuter Untersuchungen.“
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