COVIDSurg: COVID-19-Lockdowns mit drastischen Auswirkungen2. November 2021 Alfred Königsrainer (rechts im Bild) während einer Operation. Archivbild: ©Andreas Reeg/Universitätsklinikum Tübingen Einer von sieben Patientinnen und Patienten weltweit hat während der durch COVID-19 verursachten Einschränkungen durch Lockdowns eine potentiell lebensrettende Krebsoperation nicht erhalten. Dies legen Daten einer neuen Studie des weltweiten Forschungsnetzwerkes COVIDSurg nahe. An der aktuell im international anerkannten Fachjournal „Lancet Oncology“ erschienenen Studie beteiligten sich knapp 5000 Chirurginnen und Chirurgen aus aller Welt, unter anderem Ärztinnen und Ärzte des Universitätsklinikums Tübingen. Sie trugen Daten von über 20.000 Patientinnen und Patienten mit 15 häufigen Tumorerkrankungen zusammen. Die dafür verwendeten Daten stammen aus 466 Krankenhäusern in 61 Ländern. In Deutschland waren im Rahmen dieser Studie über 90 Ärztinnen und Ärzte aus 19 Klinken beteiligt, die dafür Daten von 399 Patienten und Patientinnen beigesteuert haben. Obwohl einschränkende Maßnahmen, wie Lockdowns und andere Eingriffe ins öffentliche Leben zu Beginn der Pandemie unumgänglich waren, hatten diese nachweisbare Folgen für die Versorgung der Patientinnen und Patienten. So könne diese weltweite Erhebung etwa belegen, dass die Verschiebungen von geplanten Krebsoperationen abhängig von den vor Ort getroffenen Maßnahmen waren, aber unabhängig von den lokalen Coronavirus-Inzidenzen, teilt das Universitätsklinikum Tübingen in Zusammenhang mit der Studienveröffentlichung mit. Außerdem wurden die Daten der über 20.000 Patientinnen und Patienten in drei Kategorien eingeteilt, in Länder mit hohen, mittleren und geringen Einkommen und die Einschränkungen in den jeweiligen Ländern kategorisiert, je nachdem wie stark die durch Lockdowns bedingten Einschränkungen ausfielen. Für die Studie wurden dabei Absagen und Verschiebungen von Krebsoperationen, die während Lockdowns erfolgten, mit Zeiträumen verglichen, bei denen es nur geringe Einschränkungen gab. Während vollständiger Lockdowns erfolgten Operationen demnach im Mittel mit 5,3 Monaten Verzögerung und ein Siebtel der Patientinnen und Patienten (15 Prozent) erhielt die eigentlich notwendige Operation überhaupt nicht. Im Vergleich dazu liegt der Anteil von Patientinnen und Patienten, die nicht operiert werden konnten, während Zeiten in denen es nur zu geringen Einschränkungen kam, bei unter einem Prozent. Zudem spielten COVID-19 Erkrankungen der Betroffenen selbst keine nachweisbare Rolle für die Ergebnisse. Besonders problematisch war die Situation bei Krebspatientinnen und Krebspatienten, die bereits über sechs Wochen auf ihre Operation warteten oder die sehr gebrechlich waren bzw. bei fortgeschrittener Krebserkrankung, sowie in ärmeren Ländern allgemein. Gerade in Ländern, die nur über eine eingeschränkte Gesundheitsinfrastruktur verfügen, zeigten laut Studie Einschränkungen signifikante Auswirkungen auf die medizinische Versorgung der Tumorpatientinnen und Tumorpatienten. „Die Daten zeigen sehr klar, dass Schließung von Kliniken und einschneidende Maßnahmen im Gesundheitswesen während der Pandemie weltweit nachteilige Auswirkungen auf die Schutzbedürftigsten unserer Patientinnen und Patienten hatten“ erklärt Prof. Alfred Königsrainer, klinischer Leiter der Studie in Tübingen und Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie. „Daher sollte die Sicherstellung von Kapazitäten für Krebsoperationen ein wichtiger Baustein der nationalen Pandemieplanung werden, um Nachteile für diese sehr gefährdeten Patientinnen und Patienten zu vermeiden.“ „Es ist zu erwarten, dass die veränderte Versorgungssituation während der Pandemie, die durch Ergebnisse unserer Studie belegt ist, auch zukünftig Auswirkungen haben wird. Entsprechend kann man damit rechnen, dass durch Verschiebungen und verminderte Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen während der Pandemie fortgeschrittene Krebserkrankungen auch in Deutschland verstärkt auftreten werden. Für dieses Szenario sollten wir bereits jetzt Vorkehrungen treffen“ ergänzt Dr. Markus Löffler, ebenfalls von der Universitätsklinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie und einer von drei Leitern des COVIDSurg Forschungsnetzwerks in Deutschland.
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