Darmkrebs: Forschende finden mögliche Ursache für Chemoresistenz

In großen Mengen lässt das Protein IGF2BP2 Darmkrebs nicht nur stärker wachsen, es macht ihn resistent gegen gängige Chemotherapien, wie aus einer aktuellen Publikation hervorgeht.

Für ihre neue im Fachjournal „Molecular Cancer“ veröffentlichte und von der Wilhelm Sander-Stiftung unterstützte Studie analysiert  die Arbeitsgruppe unter Leitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Universität des Saarlandes Gewebeproben von Darmkrebspatienten. Dabei fanden die Forschenden einen Zusammenhang zwischen der Konzentration von IGF2BP2 und den Eigenschaften der Tumoren. Die Erkenntnisse könnten künftig dabei helfen, bessere Diagnoseverfahren und womöglich neuartige Therapien zu entwickeln.

Darmkrebs ist laut dem Robert Koch-Institut eine der häufigsten Krebserkrankungen in Deutschland. 2019 erkrankten 58.967 Männer und Frauen daran.

Studienleiterin Sonja Keßler vom Institut für Pharmazie der MLU. (Foto: © Uni Halle/Maike Glöckner)

„In frühen Stadien lässt sich Darmkrebs relativ gut operativ entfernen und ist somit oft heilbar“, sagt Studienleiterin Prof. Sonja Keßler vom Institut für Pharmazie der MLU. Bei fortgeschrittener Krankheit ist eine Operation oft nicht mehr möglich, und einige der Tumoren eine Resistenz gegen gängige Chemotherapien. „Bisher weiß man noch nicht, wie und warum manche Tumoren diese Resistenz ausbilden. Es gibt bislang auch keine verlässlichen Tests, um das frühzeitig zu erkennen“, so Keßler weiter.

Für die neue Studie untersuchte das Team um die MLU-Pharmazeutin mehr als 140 Gewebeproben von Patienten, die an Darmkrebs litten. Ziel war es, Auffälligkeiten in den Proben zu finden, die bei gesunden Menschen nicht vorkommen und die womöglich die unterschiedlichen Eigenschaften erklären könnten. Fündig wurden die Wissenschaftlern bei dem Protein IGF2BP2. „Eigentlich handelt es sich dabei um ein Wachstumsprotein, das primär in der Embryonalentwicklung aktiv ist“, erklärt Pharmazeutin und Erstautorin Sandra Kendzia von der MLU. „Man findet es aber auch bei erwachsenen Menschen im Darmgewebe.“ Von dem Protein sei auch bekannt, dass es das Wachstum und den Stoffwechsel von Zellen beeinflusst. Mithilfe umfangreicher Versuche in Zellkulturen und an Mäusen konnte das Team nun zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Konzentration des Proteins und den Eigenschaften des Tumors gibt: Ein hoher IGF2BP2-Spiegel führt demnach dazu, dass diese schneller wachsen und gegenüber gängigen Chemotherapeutika resistent sind.

Die Forschungsergebnisse können laut Keßler für zwei mögliche Anwendungen genutzt werden. „Denkbar ist der Einsatz als Biomarker, also als Test, um frühzeitig die Eigenschaften des Tumors zu bestimmen und die Therapie daran auszurichten“, formuliert die Pharmazeutin. Eine weitere Anwendung könnte es sein, Wirkstoffe zu entwickeln, die in den Tumoren gezielt die Aktivität von IGF2BP2 blockieren und so vielleicht die Resistenz gegenüber Chemotherapeutika aufzuheben. „Ob dies letztlich möglich ist, muss aber noch durch weitere Forschungsarbeiten bestätigt werden. Wir wissen noch zu wenig darüber, wie genau IGF2BP2 in den Stoffwechsel der Krebszellen eingreift“, erlkäutert Keßler abschließend. Erst nachdem diese Fragen geklärt sind, könnten groß angelegte klinische Studien die Wirksamkeit möglicher Wirkstoffe am Menschen erproben.

Diese Forschungsarbeit wurde im Rahmen des EU-geförderten OncoTrack-Projekts durchgeführt.