Das Mikrobiom der Blase gibt noch viele Rätsel auf

Steril war gestern – auch die Blase hat ein Mikrobiom. Grafik: ©k_e_n – stock.adobe.com

Erst seit kurzer Zeit ist bekannt, dass die Harnblase über ein Mikrobiom verfügt. Welche Auswirkungen diese Erkenntnis auf die praktische Arbeit mit urogynäkologischen Erkrankungen hat, diskutierten Experten beim 32. Kongress der Deutschen Kontinenzgesellschaft.

Während früher der Grundsatz galt “Jedes Bakterium im Urin ist ein ungesundes Bakterium”, haben neuere Untersuchungen an gesunden Probanden gezeigt, dass deren Urin mehr als 63 Bakterienspezies enthält. Daraus wird sofort offensichtlich, dass Antibiotikatherapien bei der Behandlung von Zystitiden langfristig kontraproduktiv sein können. Schließlich ist eine bekannte Aufgabe des Mikrobioms in anderen Organen wie Darm und Haut, schädliche Erreger abzuwehren.

Wie Aida Javan, Doktorandin am Universitätsklinikum Aachen, beim Kontinenzkongress referierte, lassen sich seit etwa 20 Jahren durch “Next Generation Sequencing” auch nicht kultivierbare Bakterienarten nachweisen. Dazu wird deren 16S-RNA in der Probe sequenziert und mit Datenbanken verglichen. Derzeit gibt es eine intensive Forschungsaktivität mit Hunderten von Forschergruppen auf diesem Gebiet.

Die Bewertung der Erkenntnisse zum Zusammenhang des Blasenmikrobioms mit urologischen Erkrankungen ist jedoch kontrovers. Javan berichtete, dass fast alle Studien bei Frauen eine erhöhte Besiedlung mit Laktobazillen bei Überaktiver Blase und Blasenschmerzsyndrom/Interstitieller Zystitis gezeigt hätten. Prof. Thomas Bschleipfer, Chefarzt der Klinik für Urologie, Andrologie und Kinderurologie am Klinikum Weiden (Nordoberpfalz), merkte später in der Diskussion jedoch kritisch an, dass man hier genauer nach den Spezies unterscheiden müsse. Laktobazillen sind eher als protektiv bekannt, wie er anhand von In-vitro-Daten illustierte: Danach heben Laktobazillen den negativen Effekt von Escherichia coli auf Motilität und Stoffwechsel menschlicher Zellen auf.

Fabia Mangold, Doktorandin an der Universtität Witten/Herdecke, ging in ihrer Doktorarbeit der Frage nach, ob die Überaktive Blase (OAB) der Frau in Wirklichkeit eine unerkannte Urethritis sein könnte. Dafür wurden 58 OAB-Patientinnen mit 57 Patientinnen, die nicht unter OAB litten, verglichen. In ihrem Vortrag konzentrierte sich Mangold auf die sexuell übertragbaren Erreger, “da wir hieraus die größte klinische Relevanz abgeleitet haben”. Es zeigte sich, dass die OAB-Patientinnen mehr positive Abstriche hatten als die anderen (16 [28,6%] vs. 11 [19,3%]; p=0,02). In beiden Gruppen waren die Patientinnen mit den positiven Abstrichen jünger. “Das jüngere Alter der Abstrich-positiven Patientinnen legt eine sexuelle Übertragung nahe”, schloss die Wissenschaftlerin.

Diese und vorangegegangene Arbeiten (1) lassen die Frage aufkommen, ob bei therapierefraktärer OAB, bei jüngeren bzw. sexuell aktiven Patientinnen, bei bereits durchgemachten sexuell übertragbaren Infektionen oder sogar in der Routinediagnostik Abstriche genommen werden sollten. Während die Referenten dies in der Diskussion durchaus sinnvoll fanden, stellte sich heraus, dass die Abrechnungsmöglichkeiten sehr uneinheitlich sind und die generelle Anwendung erschweren.

(ms)