Depression: Langsame Entscheidungen könnten Rückfall vorhersagen26. Februar 2020 Die Wahrscheinlichkeit, mit der Betroffene nach dem Absetzen von Antidepressiva in eine Depression zurückfallen, lässt sich teilweise voraussagen. Personen, die einen solchen Rückfall erleben, benötigen nämlich häufig länger, um sich zu entscheiden, wie viel Anstrengung sie für eine Belohnung investieren möchten. Depressionen sind eine weit verbreitete Krankheit mit einem schwierig vorherzusehenden Verlauf. Häufig ist die Erkrankung wiederkehrend: Depressive Phasen kommen und gehen. Aus Studien ist bekannt, dass die Behandlung über das Abklingen der Symptome hinaus fortgesetzt werden sollte, um die Gefahr eines Rückfalls zu verringern. Leider scheint dies jedoch keinen Einfluss auf das Risiko eines Rückfalls nach dem Absetzen der Medikamente zu haben. “Schätzungsweise 30 Prozent der Betroffenen erleiden in den ersten sechs Monaten nach dem Absetzen einen Rückfall. Das ist ein sehr hoher Anteil. Bisher gibt es kein etabliertes Instrument, mit dem sich dieses Risiko abschätzen lässt”, sagt die Psychologin Dr. Isabel Berwian. In einer vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützten Längsschnittstudie konnte sie nun zeigen, dass gewisse Prognosen zum Rückfallrisiko bei Depressionen möglich sind. Die Forscherin, nun Postdoktorandin im Bereich Translational Neuromodeling an der Universität Zürich und der ETH Zürich, hat nämlich beobachtet, wie die Betroffenen in der Remissionszeit Entscheidungen treffen. Spiel mit der Motivation Für die Studie rekrutierte das Team von Quentin Huys, damals Forscher für Computationale Psychiatrie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, PatientInnen mit wiederkehrender oder schwerer depressiver Erkrankung, die sich in der Remissionsphase befanden. Sie wiesen keine oder fast keine Symptome mehr auf, nahmen aber noch Antidepressiva ein. Die Teilnehmer hatten unabhängig von der Studie bereits entschieden, die entsprechenden Medikamente abzusetzen. Alle erhielten eine Aufgabe, mit der ihre Bereitschaft gemessen werden konnte, je nach Belohnungsniveau eine Anstrengung zu unternehmen. Dieser Versuchsaufbau wurde gewählt, weil die Fachliteratur zeigt, dass Menschen mit Depressionen typischerweise in geringerem Ausmaß bereit sind, sich für eine Belohnung anzustrengen. Die Forscher wollten einen Schritt weitergehen und untersuchen, ob sich Rückschlüsse auf einen potenziellen Rückfall ziehen lassen. Die Daten wurden zwischen Juli 2015 und Januar 2019 bei 123 Patienten und 66 gesunden Vergleichspersonen in Zürich und Berlin erhoben. Alle Personen, die an Depressionen gelitten hatten, lösten die Aufgabe zweimal: Das erste Mal vor dem Absetzen der Medikamente, das zweite Mal entweder vor oder nach dem Absetzen der Medikamente. Zudem wurden alle nach der Studie sechs Monate lang weiter beobachtet, um zu verfolgen, ob sie einen Rückfall erlitten. Die Ergebnisse zeigten, dass die Entscheidungszeit bei Depressionspatienten länger war als bei den Vergleichspersonen (durchschnittlich 1,77 beziehungsweise 1,61 Sekunden). Zudem war sie aber auch innerhalb der Patientengruppen bei Personen länger, die nach dem Absetzen einen Rückfall erlitten (durchschnittlich 1,95 Sekunden). Die Forscher konnten so zeigen, dass bei zwei von drei Personen aufgrund der Entscheidungszeit richtig vorausgesagt werden konnte, ob sie einen Rückfall erleiden werden. Im Bett bleiben oder aufstehen? Welche Mechanismen bei dieser Aufgabe eine Rolle spielen, wurde mit einem Berechnungsmodell in Erfahrung gebracht. Dieses ergab, dass die jeweils gewählte Option (kleine Anstrengung für eine kleine Belohnung oder größere Anstrengung für eine größere Belohnung) ein Unterscheidungsmerkmal zwischen den ehemals depressiven Personen und den gesunden Personen ist: Erstere wählten häufiger die am wenigsten anstrengende Option. Die Forscher vermuten, dass dies ein Anzeichen dafür ist, dass die Depression nach wie vor asymptomatisch im Hintergrund präsent ist. Das Modell hat außerdem gezeigt, dass Personen, die eine depressive Phase erlebt haben, Anstrengungen eher vermeiden. Berwian veranschaulicht dies folgendermaßen: “Stellen Sie sich vor, dass Sie an einem Abend bereits im Bett liegen. Dann rufen Bekannte an und fragen, ob sie mit Ihnen in der Stadt ein Eis essen kommen. Eine gesunde Person wird vermutlich aufstehen und hingehen. Eine Person, die eine depressive Episode hatte, bleibt dagegen eher im Bett. Sogar wenn ihr die Aktivität gefallen würde, scheint ihr die dazu notwendige Anstrengung zu groß.” Obwohl die Studie gezeigt hat, dass die Entscheidungszeit gewisse Prognosen zum Rückfallrisiko ermöglicht, sind diese Erkenntnisse für eine Anwendung in der Praxis noch nicht reif. “Dieser Indikator ist vielversprechend, aber wir können noch nicht für uns beanspruchen, “die” Lösung gefunden zu haben. Unsere Ergebnisse müssten an einer größeren Stichprobe validiert werden, da unsere relativ klein war”, erklärt Berwian. Für die Forscher ist das eine Herausforderung, da es schwierig ist, PatientInnen für solche Studien zu finden. Huys – inzwischen Associate Professor am University College von London – und sein Team arbeiten auch an anderen potenziellen Indikatoren für Rückfälle. Sie prüfen zum Beispiel, ob sich beim Abspielen eines traurigen Films die Gehirnaktivität zwischen gesunden Personen und Personen, die in der Vergangenheit an einer Depression gelitten hatten, unterscheidet. Originalpublikation: Berwian I M et al.: Computational mechanisms of effort and reward decisions in depression and their relationship to relapse after antidepressant discontinuation. Jama Psychiatry, 19. Februar 2020
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