Depression: Wem können Psychedelika helfen und wem schaden sie?14. Mai 2026 Psychedelische Substanzen wie Psilocybin aus sogenannten Magic Mushrooms können gegen Depressionen helfen. (Foto: © Cannabis_Pic – stock-adobe.com) Die psychedelisch unterstütze Therapie zur Behandlung psychischer Erkrankungen wird kontrovers diskutiert. Um die Therapie künftig präziser einzusetzen, haben Forschende unter Leitung der Charité therapeutische Erfahrungen weltweit gebündelt und beschreiben in „Nature Mental Health“ das Profil eines passenden Patientenbildes. „Die Therapie mit Psychedelika ist eine scharfe Klinge. Es ist deswegen sehr wichtig, zu wissen, wann sie eingesetzt werden sollte – und wann nicht“, erklärt Studienleiter PD Dr. Felix Betzler, Leiter der Arbeitsgruppe Recreational Drugs an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte. Vom Rauschmittel zum Therapeutikum Die positiven Effekte psychoaktiver Substanzen, ob natürlichen oder synthetischen Ursprungs, sind schon lange bekannt. Psychedelika können Wahrnehmung, emotionales Erleben und das Bewusstsein beeinflussen. Ihre Verwendung als Rauschmittel reicht weit in die Geschichte zurück. Wissenschaftlich erforscht werden bewusstseinserweiternde Stoffe seit mehr als 70 Jahren – nicht zuletzt, um neue Behandlungsmöglichkeiten zu erschließen. Vor allem bei schweren, therapieresistenten Depressionen, bei denen herkömmliche Medikamente zu keiner Verbesserung führen, bei Angststörungen, Sucht oder anderen psychischen Störungen werden Behandlungserfolge mit Halluzinogenen wie Psilocybin oder LSD beobachtet. Möglicherweise begünstigt der kontrolliert herbeigeführte Ausnahmezustand neue Verknüpfungen von Nervenzellen. Genau kennt man die zugrundeliegenden Mechanismen noch nicht. In der Regel haben bereits eine oder zwei begleitete Sitzungen eine starke Wirkung. Allerdings sind die Behandlungsverläufe extrem variabel. Behandlungserfolg vorhersagen Um herauszufinden, warum machen Patienten gut auf die Therapie ansprechen und andere nicht, haben Betzler und sein Team zusammen mit Forschenden in Deutschland, England, Frankreich und den USA Therapeuten auf der ganzen Welt befragt, die regelmäßig psychedelisch begleitete Behandlungen durchführen. Der eigens dazu entwickelte Fragenkatalog erhob neben Berufserfahrung, Therapierichtung und Therapiekontext der Therapeuten zahlreiche mögliche Merkmale behandelter Patienten, darunter Lebensumstände, Aspekte der Persönlichkeit, Dauer und Schwere der Erkrankung. Ebenfalls erfragt wurden Setting-Eigenschaften der Therapie, die Intensität der Betreuung und die Dosierung des Psychedelikums. Antworten von insgesamt 158 Therapeuten gingen in die Auswertung ein – unabhängig davon, ob sie in einem gesetzlich geregelten Rahmen – also legal im Kontext klinischer Studien – therapeutisch tätig sind, ob in Ländern, in denen der Einsatz der Substanzen erlaubt ist, oder ob sie die Therapie jenseits der Legalität, de facto im „Untergrund“, durchführen. Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen sind von Vorteil „Das wohl wichtigste Ergebnis ist die Gesamtheit des Patientenprofils, das aus Sicht der Therapeutinnen und Therapeuten ein gutes Ansprechen vorhersagt“, erklärt Betzler. „Einige starke Merkmale haben sich abgezeichnet, über die sich die Befragten sehr einig waren.“ So fördern neben einem stabilen Umfeld und Unterstützung von Familie oder Freunden auch bestimmte Persönlichkeitseigenschaften den Therapieerfolg. „Offenheit für neue Erfahrungen, die Fähigkeit, bestimmte Umstände annehmen und akzeptieren zu können, loslassen zu können, aber auch eine sichere Bindungsfähigkeit sind entscheidende Faktoren“, fasst Erstautorin Grace Viljoen, Nachwuchsforscherin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, die Erkenntnisse zusammen. Vorherige Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen, etwa durch Meditation oder besondere Atemtechniken, sind ebenfalls hilfreich. Der Konsum anderer Substanzen wie Kokain, Amphetamin, Alkohol und auch Cannabis ist dagegen eine negative Einflussgröße. Auch der Persönlichkeitstyp spielt den Einschätzungen der befragten Therapeuten zufolge eine Rolle. Besonders gut auf eine psychedelisch unterstützte Therapie sprechen demzufolge vermeidende, abhängige und zwanghafte Persönlichkeitstypen an. Vorsicht ist bei paranoiden, schizoiden und schizotypen Persönlichkeiten geboten. Narzisstische und antisoziale Persönlichkeitstypen oder emotional-instabile Persönlichkeiten vom Borderlinetyp waren eher schwer einzuordnen. „Mit dem Wissen, für welches Profil von Patientinnen und Patienten die Therapieform prinzipiell geeignet ist und wo sie dagegen eher Schaden anrichtet, können wir besser steuern, wer eine solche Therapie erhalten kann. Damit gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung Präzisionspsychiatrie in diesem sehr dynamischen Feld“, betont Betzler. Das richtige Setting Den Forschenden zufolge macht die Erhebung weiterhin deutlich: Eine psychedelisch begleitete Therapie ist kein einfaches „Wundermittel“. Der Erfolg hängt maßgeblich davon ab, ob die therapeutische Erfahrung gut vorbereitet, professionell begleitet und anschließend sorgfältig verarbeitet wird. Patienten sollten im Vorfeld Vertrauen zu ihren Therapeut:innen aufbauen können, klare Ziele formulieren und Ängste benennen. Außerdem sei es ratsam, sich ausschließlich an spezialisierten Zentren und im Rahmen klinischer Studien behandeln zu lassen. Nur so sei sichergestellt, dass Therapeuten wissenschaftlich fundiert handeln und ebenso entscheiden, erklären die Wissenschaftler. Denn: Therapeuten, die bewusstseinserweiternde Substanzen nicht in klinisch kontrollierten und regulierten Settings anbieten, schätzten die Erfolgsaussichten in jeder Hinsicht optimistischer ein. „Ob bei Menschen höheren Alters, mit schwereren Erkrankungen, geringem sozialen Halt und auch ungeachtet der Tatsache vorheriger negativer Erfahrungen, die Vorbehalte bei Anwendungen im Untergrund waren deutlich geringer als in legalen Settings, zeigte eine Auswertung der Daten dieser Untergruppe“, berichtet Betzler. Um die Auswahl geeigneter Patienten in Zukunft zu erleichtern und die Erfolgswahrscheinlichkeit einer psychedelisch begleiteten Therapie im Vorfeld abzuschätzen, will das Studienteam anhand der erhobenen Daten ein digitales Tool entwickeln.
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