Der Wald als Gesundheitsressource: Untersuchung im Augsburger Stadtwald19. Juli 2022 Foto: © Sandor99/stock.adobe.com Wie tragen Wälder zu unserem Wohlbefinden bei? Dieser Frage geht ein Team um den Würzburger Geografen Joachim Rathmann nach. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt. Es ist heiß, von oben brennt die Sonne, Asphalt und Fassaden kesseln die Wärme förmlich ein. Dazu kommen Menschenmengen, Verkehrslärm und Hektik – ein Sommertag in der Stadt. Im krassen Kontrast dazu steht der Wald: Ruhe, kühler Schatten, statt Autos und Stimmengewirr hört man Vogelgezwitscher und den Wind in den Bäumen. Aus Japan schwappt schon seit einigen Jahren ein Trend gen Westen, der genau auf diesen Gegensätzen aufbaut: das Waldbaden. Gemeint ist damit das bewusste Erleben der Natur mit den Zielen Erholung und Entschleunigung. Studien belegen, dass dahinter mehr steckt als rein subjektive Empfindungen. Mit den gesundheitlichen Aspekten von Naturlandschaften befasst sich auch Joachim Rathmann, der seit Mai 2022 an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über drei Jahre gefördertes Projekt zu dem Thema leitet: Gesundheitsrelevante Effekte verschiedener urbaner Waldstrukturen. Feldversuche im Augsburger Stadtwald Konkreter Gegenstand der Untersuchungen ist der Augsburger Stadtwald. Bayerns größter zusammenhängender Auwald liegt direkt vor den Toren der mit knapp 300.000 Einwohnern drittgrößten Stadt des Freistaats. Neben seinem Status als Natur- und Wasserschutzgebiet ist der Stadtwald für die Augsburger auch ein beliebtes Naherholungsziel. Rathmann und sein Team interessieren sich dafür, welche Auswirkungen ein Spaziergang im Wald auf den Menschen hat. Um diese Einflüsse objektiv zu erfassen, schickt er Gruppen von Studierenden los. Eine Hälfte verbringt eine gewisse Zeit in der Stadt, eine begibt sich ebenso lange in den Wald. „Dabei messen wir die Ausschüttung des Stresshormons Kortisol, den Blutdruck, die Herzrate und die Hautleitfähigkeit. Anschließend vergleichen wir, ob und wie sich die Effekte von Stadt und Wald unterscheiden.“ Neben den objektiven Messergebnissen wird durch Fragebögen auch das subjektive Empfinden der Probanden untersucht. Wald nicht gleich Wald? Was die Arbeit der Wissenschaftler erschwert: Auch unerwartete Einflüsse können sich auf die Messwerte auswirken. So erhöht möglicherweise ein frei umherlaufender Hund das Stresslevel, während beim Stadtbummel der Kontakt zu sympathischen Menschen zur Entspannung beiträgt. Neben dem Kontrast zwischen Stadt und Wald will das Forschungsteam auch untersuchen, ob verschiedene Waldstrukturen sich unterschiedlich auf das Empfinden der Besucherinnen und Besucher auswirken. „Durch den Klimawandel wissen wir nicht, wie der Wald der Zukunft aussehen wird“, erklärt Rathmann. „Welche Waldstrukturen sind überhaupt überlebensfähig? Wirken Misch-, Laub- oder Nadelwälder unterschiedlich? Das sind Fragen, denen wir nachgehen möchten.“ Ob dabei allgemeine Abweichungen auftreten oder ob auch persönliche Vorlieben die individuellen Ergebnisse beeinflussen, gelte es zu beobachten. Warum Würzburg? In Würzburg ist Rathmann, der von der Universität Augsburg kommt, am Lehrstuhl für Geographie und Regionalforschung angesiedelt. Neben ihm sind eine Augsburger Kollegin und ein Kollege Teil des Projekts: „Privatdozent Christoph Beck konzentriert sich auf das Mikroklima im Wald. Professorin Elisabeth André interessiert sich für die Messmethoden, künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen und dafür, wie man letztlich die Wahrnehmung von Waldstrukturen automatisieren kann.“ Rathmanns Verbindung zur JMU rührt zum einen aus dem Studium, das er teilweise in Würzburg absolvierte, zum anderen aus einem vergangenen Projekt: „Dabei ging es um Ökosystemleistungen von Wäldern. In dieser Zeit hatte ich auch den Antrag für das aktuelle Projekt gestellt und wolltet dieses gerne hier am Lehrstuhl realisieren.“ Der Wissenschaftler interessiert sich übrigens nicht nur dafür, welchen Einfluss der Wald auf den Menschen ausübt. „Es geht auch darum, wie wir mit der Natur umgehen. Wenn wir lernen, Natur als Gesundheitsressource wahrzunehmen, steigert das vielleicht unser Verantwortungsgefühl, gerade lokale Umwelten zu schützen“, sagt er.
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