Der Weg zu einem deutschen Prostatakrebs-Screening-Programm ist lang und beschwerlich

Die Studienlage reicht dem IQWiG nicht aus, um einen Nutzen des Prostatakrebs-Screenings anzuerkennen. Doch die Forschung geht weiter. Grafik: jamal – stock.adobe.com

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat dem risikoadaptierten Screening (RAS) auf Prostatakrebs eine Absage erteilt. Es erkennt darin jedoch durchaus Potenzial. Studien, die neue Daten generieren sollen, laufen bereits oder sind geplant.

Von Markus Schmitz

„Es gibt noch keine Daten zu den langfristigen Effekten eines Prostatakrebsscreenings mittels PSA [Prostataspezifisches Antigen*] und MRT [Magnetresonanztomographie*] gegenüber keiner Früherkennung“, heißt es lapidar im Vorbericht des IQWiG vom 16.06.2026, der am 23.06.2026 veröffentlicht wurde. Jedoch erkennt das Institut an, „dass der Einsatz der MRT zusätzlich zum PSA-Test die Biopsieraten senkt, die Zahl falsch-positiver Screeningbefunde verringert und zu weniger biopsiebedingten unerwünschten Ereignissen führt“. Ferner reduziert die MRT zusätzlich zum PSA-Screening die Zahl insignifikanter Krebsdiagnosen, ohne dass erkennbar wäre, dass klinisch signifikante Krebsfälle übersehen werden.“ Dieser Einschätzung legen die IQWiG-Wissenschaftler Kurzzeitergebnisse zweier Studien zugrunde, nämlich der Göteborg-2-Studie aus Schweden und der ProScreen-Studie aus Finnland, die zusätzlich zu PSA und MRT mit dem 4-Kallikrein-Panel noch einen weiteren Filter zwischenschaltet.

Insgesamt erkennt das IQWiG keinen Nutzen des Screenings, sieht jedoch „ein Potenzial der Methode“, das sich „langfristig in einem positiven Nutzen-Schaden-Verhältnis für ein PSA-/MRT-Screening gegenüber keinem Screening niederschlagen“. Als Voraussetzung dafür nennen die Autoren aber, „dass ein Screening aus PSA und MRT die Mortalität ähnlich gut oder besser senkt als ein reines PSA-Screening“.

„Dies ist natürlich formal korrekt, aber auch studienimmanent, denn es gibt keine Studien mehr, die das RAS gegen kein Screening, opportunistisches Screening oder PSA-basiertes Screening alleine randomisiert mit ausreichendem Follow-up getestet haben“, erklärt Prof. Peter Albers gegenüber KOMPAKT UROLOGIE. Der Direktor der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Düsseldorf leitet die Studien PROBASE (Risk-adapted PROstate cancer early detection study based on a ‘BASEline’ PSA value in young men) und PRIMA (Randomisierte, prospektive multizentrische Studie zur Primärdiagnose von klinisch signifikantem Prostatakrebs, wir berichteten).

„Handwerklich nicht gut“

„Handwerklich ist der neueste IQWiG-Bericht nicht gut“, urteilt Albers. So sei von den zwei vom IQWiG angeführten Studien nur ProScreen auf Mortalität gepowert. „Dies ist im Bericht nicht richtig wiedergegeben. Ebensowenig wie der Endpunkt von PROBASE, der im Bericht auch falsch angegeben ist.“ Die Schlussfolgerung klinge zudem „sehr politisch motiviert“, so Albers, der auch die Abteilung Personalisierte Früherkennung des Prostatakarzinoms am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg leitet.

Enttäuschung empfindet der Urologe jedoch nicht, weil die „Zurückhaltung“ des Bewertungsinstituts „uns Zeit gibt, wesentliche Fragen für ein zukünftiges Screening-Programm zu klären (…) Es geht nicht nur um die Form der Einladung, es geht auch um die Jahrgänge, die eingeladen werden sollen, welche Risikoevaluation stattfinden muss, bevor ein MRT indiziert ist und welche Risikoevaluation dann eine Biopsie rechtfertigt. Es gibt also noch viele Details, die geklärt werden müssen.“

Einfluss des Screening-Alters

In der Übersichtsarbeit „Vorschlag zur Einführung eines Prostatakarzinom-Screening-Programms in Deutschland“, erschienen am 29.05.2026 im „Deutschen Ärzteblatt“, analysieren Albers und Kollegen den Einfluss des Screening-Alters und der Folgebetreuung und kommen zu dem Schluss: „Ein Vorteil ergibt sich nur dann, wenn es gelingt, durch den alterskohortenweisen Ansatz – Baseline-PSA mit 45 oder 50 Jahren, risikoadaptierte Fortsetzung des Screening[s] bis 60 Jahre – mit den Daten des Screenings für eine Niedrigrisikogruppe zu spezifizieren, für die das Screening frühzeitig, zum Beispiel mit 60 Jahren, beendet werden kann”.

Die Autoren fordern zur genauen Beurteilung der Folgen und Kosteneffizienz eines Screening-Programms eine Modellierung, „die das Konzept der gleichzeitigen Einladung von 50- bis 70-Jährigen mit zehn bis 20 Jahre langer Betreuung der sukzessiven Einladung jeweils nur des Jahrgangs der 50-Jährigen gegenüberstellt”. In der Schlussfolgerung liefern Albers et al. bereits eine Einschätzung: „Bei älteren Männern wird das risiko-adaptierte Screening durch eine hohe Zahl erforderlicher Abklärungsuntersuchungen wahrscheinlich kostenineffizient und führt über längere Sicht auch nicht zu einer Vermeidung von Überdiagnosen und zum Teil auch Übertherapien.“

Kein generelles Screening im Vereinigten Königreich

Im Vereinigten Königreich hat die Regierung vor Kurzem aufgrund eines Berichts, der auch eine Modellierung des finanziellen Kosten-Nutzen-Verhältnisses enthielt, dem RAS außer bei einer speziellen Subgruppe eine Absage erteilt (wir berichteten). Weitere Erkenntnisse erhofft man sich jenseits des Ärmelkanals von der gerade gestarteten, üppig geförderten TRANSFORM-Studie. Aufgrund des langsamen Wachstums der meisten Prostatakarzinome wird es noch viele Jahre dauern, bis Mortalitätsdaten vorliegen.

„Interessant ist, dass z. B. keine Modellierungen aus den vorliegenden Daten stattfinden, um für die einzelnen Länder und insbesondere für Deutschland eine fundierte Strategie und nicht nur eine kritische Haltung zu evaluieren“, kommentiert Albers. Die dortigen Gesundheitspolitiker seien sehr vorsichtig, ein Milliarden teures Screening-Programm zu starten, bevor nicht alle Fragen gelöst sind, so Albers. In Deutschland sieht es sicher kaum anders aus, erst recht vor dem Hintergrund des aktuellen Milliardenlochs in der Gesetzlichen Krankenversicherung.

Europa forscht weiter – auch ohne Regierungsunterstützung

Die Europäer lassen sich jedoch von den vor ziemlich genau zehn Jahren aus der EU ausgetretenen Briten nicht in der weiteren Beforschung des RAS beirren. Wie Albers gegenüber KOMPAKT UROLOGIE betonte, haben die Forscher unabhängig und ohne Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit und des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt eine Beteiligung am neuen Projekt „PRAISE-U +“ für Deutschland erreicht. „In Nachfolge der ersten PRAISE-U-Studie, an der Deutschland leider nicht beteiligt war, testen wir in Deutschland nun in PRAISE-U + die Implementierung eines RAS ab nächstem Jahr in Deutschland in zwei Studienregionen“, erklärt Studienleiter Albers. Die Studienzentren sind das DKFZ in Heidelberg und das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie BIPS in Bremen (vormals Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin). Co-Studienleiterin ist Frau Prof. Ulrike Haug vom BIPS.

„Aktuell testen wir bereits über ein EUCanScreen-Joint-Action-Projekt in Deutschland den Kapillarbluttest für das PSA“, so Albers weiter. Diese PRO-KAP-Studie, für welche die Rekrutierung begonnen hat, steht ebenfalls unter der Leitung des DKFZ (Dr. Petra Seibold, Albers) und des BIPS (Haug). Und 2027 soll die von der Deutschen Krebshilfe finanzierte Implementierungstudie PROCESS, wieder unter Leitung des DKFZ (Albers, Seibold) und des BIPS (Haug) starten, in der die Wissenschaftler verschiedene Einladungs-Szenarien testen. „Also führen wir in Deutschland bereits drei Implementierungsstudien mit unterschiedlichen Schwerpunkten durch, zwei davon mit europäischer Einbindung, ohne dass Deutschland dies von Regierungsseite unterstützt hätte“, schließt Albers.

Das letzte Wort über eine Einführung eines RAS zur Früherkennung von Prostatakrebs in Deutschland ist also längst nicht gesprochen – auch wenn wir auf das nächste Urteil noch zahlreiche weitere Jahren werden warten müssen. Einstweilen können „Interessierte“ bis zum 21.07.2026 (12:00 Uhr) online Stellung zum IQWiG-Bericht nehmen.

*Anm. d. Red.

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