Warum es im Vereinigten Königreich kein populationsbasiertes Prostatakrebs-Screening geben wird15. Juni 2026 Die Einführung eines Prostatakrebs-Screenings bleibt umstritten. Foto: Tom – stock.adobe.com Das britische National Screening Committee (UK NSC) hat sich gegen ein populationsbasiertes Prostatakrebs-Screening ausgesprochen und die Regierung hat die Empfehlung akzeptiert. Nur bei einer eng begrenzten Risikogruppe sieht das Komitee die Evidenz für ein Screening als ausreichend an. Diese Entscheidung trifft im Vereinigten Königreich auf Zustimmung, aber auch auf Ablehnung. Von Markus Schmitz „Auf der Grundlage der Überprüfung der Evidenzlage zum Prostatakrebs-Screening für den Zeitraum 2025 bis 2026, der Modellierungsstudie sowie der Konsultation von Interessenträgern empfiehlt das UK NSC kein bevölkerungsweites Screening für diese Erkrankung“, heißt es in der Ergebniszusammenfassung. Wohl aber empfiehlt das Komitee ein gezieltes Screening-Programm alle zwei Jahre per PSA-Test für Männer im Alter von 45 bis 61 Jahren, die eine pathogene BRCA2-Variante aufweisen und bei denen eine familiäre Vorgeschichte von Brust-, Eierstock-, Bauchspeicheldrüsen- oder Prostatakrebs vorliegt. Wie diese Männer identifiziert werden sollen, lässt das Gremium offen. „Die beste Methode“ dafür sei „im Zeitverlauf zu evaluieren“. Ausdrücklich wendet sich das UK NSC auch gegen das Screening anderer Risikogruppen. Das Komitee werde jedoch „eng mit britischen Forschenden – unter anderem im Rahmen der TRANSFORM-Studie – zusammenarbeiten, um Unklarheiten in der Evidenzlage hinsichtlich des gezielten Screenings bei schwarzen Männern und anderen Risikogruppen zu klären“. „Mehr Schaden als Nutzen“ Die Begründung bleibt dieselbe wie bei bisherigen ablehnenden Statements: Ein Screening in der Gesamtbevölkerung – auch bei Männern, die zwar einen Familienangehörigen mit Brust-, Eierstock- oder Prostatakrebs haben, aber keine BRCA2-Variante aufweisen – würde „mehr Schaden als Nutzen“ anrichten. Bei schwarzen Männern bestehe darüber weiterhin Ungewissheit. Als wesentliche negative Folgen eines Prostatakrebs-Screenings nennen die Wissenschaftler Inkontinenz und erektile Dysfunktion bei Männern, die eigentlich keiner Behandlung bedürfen. In dem Dokument „Cost-effectiveness of Prostate Cancer Screening for Men of Average and High Risk” vom 14.04.2026 begründen die Autoren ihre Entscheidung mit den Ergebnissen mehrerer mathematischer Modelle, die dafür eingesetzt wurden, um Kosten und Nutzen des Prostatakrebs-Screenings zu evaluieren. In einem weiteren Dokument vom 26.03.2026 liefern die Wissenschaftler Erläuterungen dazu und kommen zu dem Schluss, dass es sowohl in der Gesamtbevölkerung als auch bei Männern mit relevanter Familienanamnese durch das Prostatakrebs-Screening zu einer Überdiagnose und Überbehandlung kommen würde. Selbst bei einer Familienanamnese von Prostatakrebs oder von Brust-, Eierstock- und Prostatakrebs „überwog auch hier der Nutzen des Screenings nicht den Schaden bei vertretbaren Kosten“. „Enorme kommerzielle Anreize für Screening-Maßnahmen“ Die britische Regierung und damit der britische Gesundheitsminister James Murray haben die UK-NSC-Empfehlung am 02.06.2026 akzeptiert. Gelcihzeitig kündigten sie ein neues „Maßnahmenpaket zur Bekämpfung von Prostatakrebs“ im Umfang von 20 Mio. britischen Pfund an. Margaret McCartney, britische Allgemeinmedizinerin und Vorkämpferin für evidenzbasierte Medizin, begrüßte am selben Tag im „British Medical Journal“ (BMJ) die UK-NSC-Entscheidung: „Der NHS [National Health Service] basiert auf den Prinzipien der Risikoteilung, der Kosteneffizienz und der Fairness. (…) Das ‚UK National Screening Committee‘ spielt eine entscheidende Rolle dabei, den NHS funktionsfähig zu halten. (…) Die Ratschläge des Ausschusses bewahren den NHS davor, kostspielige Fehler zu begehen oder Screening-Maßnahmen anzubieten, die mehr schaden als nützen. Ungeeignete Screening-Programme verschwenden Ressourcen und schaden Patienten durch Überdiagnosen und Überbehandlungen. (…) Es gibt enorme kommerzielle Anreize für Screening-Maßnahmen sowie menschliche kognitive Verzerrungen; das National Screening Committee hilft uns dabei, diesen Einflüssen zu widerstehen.“ McCartney zufolge hat der bdie Empfehlungen des NSC angenommen und zugleich eine eigenständige Initiative sowie Finanzierungsmittel zur Untersuchung der Screening-Strategie angekündigt. Auch die privat finanzierte Durchführung des PSA-Tests auf Nachfrage sieht die britische Ärztin kritisch: „Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass die derzeitige Praxis der PSA-Tests auf Wunsch Ressourcen verschwendet, ohne den Patienten tatsächlich zu helfen. Private Anbieter sollten Screenings nur dann durchführen, wenn sie auch für die gesamte damit verbundene Weiterbehandlung aufkommen, anstatt diese Last auf den NHS abzuwälzen.“ Regierung und medizinische Fachverbände müssten hierzu Stellung beziehen, fordert McCartney. „Populistische Begeisterung für das Prostatakrebs-Screening“ Der BMJ-Chefredakteur Kamran Abbasi, ein Arzt, der lange Zeit in den Fachbereichen Psychiatrie und Kardiologie gearbeitet hat, pflichtete seiner Kollegin am 11.06.2026 in der Rubrik „Editor’s Choice“ unter dem Titel „Why not screening for prostate cancer is justified“ bei: „Es ist schwierig, den Blick fest auf die wissenschaftliche Evidenz zu richten, wenn die populistische Begeisterung für das Prostatakrebs-Screening durch Prominenten-Kampagnen, politische Fürsprache und mediale Empörung unablässig angeheizt wird. Wenn Rechte mit wissenschaftlichen Belegen vermischt werden, ist die daraus resultierende Debatte oft von Falschinformationen und Emotionen geprägt. Das Screening-Gremium hat jedoch das Wesentliche konsequent im Blick behalten.“ Die Entscheidung sei weder der Versuch, Männern ihre Rechte vorzuenthalten, noch ein weiteres vermeintliches Beispiel für eine „Zwei-Klassen-Politik“, betont Abbasi. „Es handelt sich um eine fundierte Entscheidung, die auf der bestmöglichen Evidenz beruht – ein seltenes Ergebnis in einer Welt, die von Hybris, politischen Machtspielen und der Gier von Konzernen geprägt ist.“ Von diesem Statement aus kommt der BMJ-Chef dann unmittelbar zu einer Klage darüber, dass die Welt es bisher nicht geschafft hat, die Säuglingssterblichkeit zu reduzieren. „Historische Chance vertan“ Doch es gibt auch Widerspruch: Das „Deutsche Ärzteblatt“ zitierte Simon Grieveson, den stellvertretenden Forschungsleiter bei Prostate Cancer UK, und Frank Chinegwundoh, den beratenden Urologen am Barts Health NHS Trust in London, als „zutiefst enttäuscht“ über die NSC-Empfehlung. „Wir erkennen an, dass es nach wie vor nicht genügend Belege gibt, um eine Vorsorgeuntersuchung für alle Risikomänner zu rechtfertigen“, so Grieveson. Prostate Cancer UK werde die Belege prüfen und gegebenenfalls anfechten. Chinegwundoh, Pionier in der Erforschung von Prostatakrebs bei ethnischen Minderheiten, bemängelte die NSC-Empfehlung insbesondere in Bezug auf schwarze Männer. Studien haben gezeigt, dass diese ein deutlich höheres Risiko haben, an Prostatakrebs zu erkranken und zu versterben wie weiße Männer. Ros Eeles, Professorin für Onkogenetik am Institute of Cancer Research in London, kritisierte auch die Einschränkung des Screenings bei BRCA2-Trägern: „Durch die Begrenzung auf das 61. Lebensjahr, statt auf das 69. Lebensjahr, werden 42 % der Prostatakarzinome bei Personen mit einer pathogenen BRCA2-Veränderung übersehen.“ „Dies ist ein zutiefst enttäuschender Moment für Männer und ihre Familien im ganzen Land, die aus eigener Erfahrung um die verheerenden Auswirkungen von Prostatakrebs wissen”, sagte David James, Leiter des Bereichs Patientenprojekte und Interessenvertretung bei „Prostate Cancer Research“. Diese unabhängige Wohltätigkeitsorganisation hat sich auf die Finanzierung wissenschaftlicher Forschung zur Bekämpfung von Prostatakrebs spezialisiert. „Für diejenigen mit dem höchsten Risiko wird sich die Entscheidung, der Empfehlung des britischen National Screening Committee zu folgen, wie ein weiterer Rückschlag anfühlen. Diese Regierung hat eine historische Chance vertan“, so James. Das könnte Sie ebenfalls interessieren: Cochrane-Review: PSA-Screening senkt wahrscheinlich die Sterblichkeit durch Prostatakrebs Projekt ebnet den Weg für ein Register bei familiärem Prostatakrebs
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