Deutsche Kontinenz Gesellschaft sieht Versorgung von Betroffenen mit Inkontinenz gefährdet

“Es scheint so, als hätten die gesundheitspolitisch Verantwortlichen das Thema Inkontinenz gar nicht auf der Agenda”, kritisiert Andreas Wiedemann, 1. Vorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft. Foto: Universität Witten/Herdecke

Vom 17.-23.06.2024 findet die 16. Welt-Kontinenz-Woche statt. Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft nimmt diese weltweite Aktionswoche zum Anlass auf die Entwicklung eines Versorgungsdefizits in Deutschland hinzuweisen.

Obwohl zehn Millionen Menschen in Deutschland von Inkontinenz betroffen seien, zögen sich Gesundheitseinrichtungen aufgrund einer eklatanten Unterfinanzierung aus der Versorgung von Inkontinenz und Erkrankungen des Beckenbodens zurück, beklagt die Organisation. Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft fordert deshalb dazu auf, das Thema Inkontinenz auf die gesundheitspolitische Agenda zu setzen und plädiert für eine nationale Inkontinenz-Strategie, analog der bereits bestehenden nationalen Diabetes-Strategie, denn von Inkontinenz seien in etwa ebenso viel Menschen betroffen wie von Diabetes.

In der 16. Welt-Kontinenz-Woche sollen rund 150 Aktionen und Informationsveranstaltungen bundesweit stattfinden. Ärzte, Physiotherapeuten, Pflegefachkräfte und Apotheker wollen hiermit ein öffentliches Bewusstsein für Inkontinenz und Erkrankungen des Beckenbodens schaffen. Sie bieten Betroffenen und ihren Angehörigen Information und Aufklärung zu den unterschiedlichen Formen der Inkontinenz, zu den Therapiemöglichkeiten und Heilungschancen. Darüber hinaus besteht in dieser Aktionswoche die Möglichkeit, wohnortnah in den Austausch mit anerkannten Experten zu treten.

Jeder Neunte betroffen

„Inkontinenz und Erkrankungen des Beckenbodens werden noch immer bagatellisiert und als harmlose Alterserscheinung abgetan. Das ist ein Fehlurteil“, sagt Prof. Andreas Wiedemann, 1. Vorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft. „Gerechnet auf die Gesamtbevölkerung ist jeder Neunte in Deutschland an Inkontinenz erkrankt und die Betroffenen leiden. Eine Teilhabe am Leben ist praktisch nicht mehr möglich. Aktuell sorgen wir uns um die adäquate Versorgung dieser Betroffenen“, so der Chefarzt Urologie am Ev. Krankenhaus Witten und Inhaber des Lehrstuhls für Geriatrie an der Universität Witten/Herdecke.

Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft macht deutlich, dass bei einer frühzeitigen Behandlung die Heilungschancen hoch seien. So könne bei 80-90% der Betroffenen eine Heilung oder zumindest eine Verbesserung erzielt werden. Bleibe die Behandlung aus, verschlechtere sich die Situation der Betroffenen kontinuierlich, Folgeerkrankungen seien vorprogrammiert. Typische Folgeerkrankungen der Inkontinenz sind Hautreizungen, Infektionen und Geschwüre, Harnwegsinfekte, Blasen- oder Nierenbeckenentzündung, Stürze, Beeinträchtigung der Sexualität, Depressionen bis hin zu Suizidgedanken. Inkontinenz ist darüber hinaus einer der Hauptgründe für den Einzug in ein Pflegeheim.

Was die Versorgungsstruktur betrifft, zeigt sich nach Auskunft der Deutschen Kontinenz Gesellschaft verstärkt, dass sich immer mehr Ärzte und Gesundheitseinrichtungen aus der Behandlung von Inkontinenzerkrankungen zurückziehen. Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft führt diese Entwicklung darauf zurück, dass die Inkontinenzerkrankung im Vergütungssystem des Gesundheitswesens ungenügend abgebildet wird. Die Behandlung ist für die Gesundheitseinrichtung unwirtschaftlich. Als ein Beispiel führt die Deutsche Kontinenz Gesellschaft die Urodynamikuntersuchung an. Es handelt sich hier um eine komplexe, einstündige Untersuchung unter Einsatz eines Facharztes und einer Pflegekraft, die für die Beurteilung der Inkontinenzform notwendig und für die Therapiefestlegung zentral ist. Die in den Vergütungskatalogen festgelegte Vergütung deckt aber die entstehenden Kosten nicht.

Fachgesellschaft fordert nationale Inkontinenz-Strategie

Trotz eines deutlich anwachsenden Versorgungsbedarfs als Konsequenz des demographischen Wandels sei die Inkontinenz als Erkrankung offensichtlich gänzlich aus dem Blickwinkel der gesundheitspolitisch Verantwortlichen geraten, kritisiert die Deutsche Kontinenz Gesellschaft. „Inkontinenz muss im gesundheitspolitischen Diskurs, gerade in einer alternden Gesellschaft, eine größere Rolle spielen. Es ist dringend erforderlich, dem Versorgungsdefizit politisch gegenzusteuern. Es scheint aber so, als hätten die gesundheitspolitisch Verantwortlichen das Thema Inkontinenz gar nicht auf der Agenda. Von dem Leiden der Betroffenen abgesehen, ist die Nichtbehandlung einer Inkontinenz keine Einsparungsoption, es wird zu höheren Kosten im Gesundheitswesen und in Folge auch im Pflegesystem führen“, so der Vorsitzende der Deutschen Kontinenz Gesellschaft. Seine Organisation fordert deshalb dazu auf, das Thema Inkontinenz auf die gesundheitspolitische Agenda zu setzen. „Es ist Zeit zu handeln. Wir fordern eine nationale Inkontinenz-Strategie“, so Wiedemann.

Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft plädiert ausdrücklich dafür, ein Expertengremium einzusetzen, in dem Leistungsträger und Leistungserbringer sowie Betroffene Eckpunkte zur Verbesserung der präventiven, diagnostischen und therapeutischen Versorgung bei Inkontinenz erarbeiten. Darüber hinaus seien die Vergütungskataloge auf den Prüfstand zu stellen.

(Deutsche Kontinenz Gesellschaft / ms)