Deutsche Kontinenz Gesellschaft zeichnet den besten Abstractbeitrag 2020 aus und vergibt Nachwuchspreis

Torsten Brosche und Domenica Merklein wurden von der Deutschen Kontinenzgesellschaft ausgezeichnet. Fotos: Brosche, Merklein

Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft hat zwei Arbeiten zur Therapie der Harninkontinenz bei der Frau und der Blasendystrophie bei Kindern ausgezeichnet.

Vergeben wurden der Preis für den besten Abstract 2020 und der Nachwuchspreis

Preis für den besten Abstract 2020

Mit dem Preis für den besten Abstract 2020 zeichnet der Vorstand der Deutschen Kontinenz Gesellschaft die Studie „7-Jahresdaten von Bulkamid zur Therapie der Harninkontinenz“ von Dr. Torsten Brosche, Chemnitz, aus. Sie ist auch bereits in einem wissenschaftlichen Journal erschienen. Die retrospektive Untersuchung wertete die Datensätze von 388 Patientinnen mit Belastungs- und gemischter Harninkontinenz aus, die im DRK Krankenhauses Chemnitz Rabenstein mit Bulkamidinjektionen behandelt wurden. Die Substanz gehört zur Gruppe der sogenannten Bulking Agents: Sie erhöht das Volumen des Harnröhrengewebes und kräftigt so den Verschlussmechanismus der Harnröhre. Gut die Hälfte der Patientinnen hatte bereits eine Deszensusoperation, also einen Eingriff gegen Senkungsbeschwerden hinter sich. Die Langzeitanalyse zeigt: Nach 7 Jahren Therapie waren die Kontinenzprobleme bei 65,4 Prozent der Patientinnen geheilt oder gebessert. Bei einigen musste die Substanz mehrmals gespritzt werden. Während des Beobachtungszeitraums sind keine schweren Nebenwirkungen aufgetreten.

Prof. Christl Reisenauer, 2. Vorsitzende der Deutschen Kontinenz Gesellschaft sowie Leitende Ärztin der Sektion Urogynäkologie, Universitäts-Frauenklinik Tübingen, begründet die Entscheidung der Jury zugunsten des Gynäkologen Brosche: „Seine Arbeit untersucht erstmalig in einer Langzeitanalyse Daten hinsichtlich Effizienz und Sicherheit einer Bulkamid-Behandlung bei Harninkontinenz. Das Besondere dabei ist auch die große Zahl an kompletten Datensätzen von behandelten Patientinnen, die in die Auswertung eingeflossen sind.“

Der Goldstandard bei der Behandlung von Belastungsinkontinenz ist das operative Einbringen eines Scheidenbands (tension free vaginal tape, TVT), zum dem es bereits Daten nach 17 Jahren gibt. Mittels dieser Methode wird in 90 Prozent der Fälle eine Heilung oder Verbesserung der Belastungsinkontinenz erreicht. Mit dem Eingriff sind jedoch möglicherweise ernsthafte Komplikationen verbunden. Indikationen für eine Injektionstherapie mit Bulking-Agents werden derzeit geprüft. Sie wird häufig eingesetzt, wenn etwa eine Operation zu vermeiden ist.

„Wichtige Daten zur Abwägung liefert nun die 7-Jahres-Studie zum Präparat Bulkamid. Vor einer jeden Therapieentscheidung sollten die Risiken einer Therapie gegen die Erfolgschancen abgewogen werden“, sagt Reisenauer. Sponsor des Preises war die Coloplast GmbH. 

Nachwuchspreis 2020

Den Nachwuchspreis 2020 der Deutschen Kontinenz Gesellschaft erhielt Domenica Merklein, Köln, für das Thema „Der Köln Pouch: kontinente Harnableitung für Kinder mit Blasenexstrophie – Überblick über 10 Jahre Erfahrung“. Eine Blasenexstrophie ist eine äußerst seltene Fehlbildung, bei der die Blase nicht als Hohlorgan entwickelt wurde, sondern offen liegt. Sie tritt mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:40.000 auf, Jungen sind öfter betroffen als Mädchen. Über eine Operation wird die Fehlbildung im Kindesalter behoben. Dabei gibt es zwei Methoden. Bei der einen werden die zwei Harnleiter über einen (rekto-)sigmoidalen Pouch in den Darm implantiert: Dann wird der Urin mit dem Stuhl gemischt abgesetzt, was aber einige gesundheitliche Risiken birgt.

Die preisgekrönte Arbeit analysierte nun die Kurz- und Langzeitergebnisse von 29 Patienten mit Blasenexstrophie, bei denen 10 Jahre zuvor eine neue Operationstechnik zum Einsatz kam. Die Kinder waren zum Zeitpunkt des Eingriffs im Durchschnitt 4,2 Jahre alt. Bei dem Alternativverfahren implantieren die Chirurgen die Harnleiter so in den Darm, dass Stuhl und Urin getrennt abgesetzt werden können. Dies geschieht mittels eines detubularisierten sigmoidalen Pouches (CPP). Diese Art des Eingriffs vermeidet auch gewisse Folgerisiken. Das positive Ergebnis der Untersuchung: Bei 20 Patienten (69 Prozent) traten keine Komplikationen auf. Zudem waren alle Patienten tagsüber urin- und stuhlkontinent.

Reisenauer würdigt die Arbeit mit den Worten: „Da die Fehlbildung so selten auftritt, ist schon allein das Auffinden von 29 Patienten für eine Evaluierung nach 10 Jahren eine Auszeichnung wert. Dazu sind natürlich auch die Ergebnisdaten sehr hilfreich. Ich finde großartig, wenn man trotz so einer schweren Fehlbildung durch eine Operation eine Kontrolle über die Urinausscheidung bekommt.“ Gestiftet wurde der Preis von der Medtronic GmbH.

Rund 50 Abstracts im Wettbewerb

Insgesamt wurden rund 50 Abstracts für die Bewerbung um den besten Abstract 2020 und den Nachwuchspreis 2020 eingereicht. Die Jury besteht traditionell aus dem Vorstand der Deutschen Kontinenz Gesellschaft mit dem 1. Vorsitzenden Prof. Axel Haferkamp, Direktor der Urologischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Mainz, der 2. Vorsitzenden Reisenauer sowie dem Schatzmeister Prof. Werner Kneist, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, St. Georg Klinikum Eisenach gGmbH. 

Normalerweise werden die Abstract-Auszeichnungen während des jährlichen Kongresses der Deutschen Kontinenz Gesellschaft vergeben. Die 32. Fachtagung in 2020 musste aber aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Die Preise werden nun beim diesjährigen Jahreskongress im November 2021 in Frankfurt am Main persönlich überreicht. 

(Deutsche Kontinenz Gesellschaft / ms)