Deutscher Herzbericht 2020: Herzchirurgische Patientinnen und Patienten sind bundesweit hervorragend versorgt

Andreas Böning – Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax- Herz- und Gefäßchirurgie e.V. (DGTHG). Foto: DGTHG

„Die Herzchirurgie in Deutschland befindet sich auf Spitzenniveau.“ So lautet das Fazit der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V. (DGTGH) anlässlich der Vorstellung des Deutschen Herzberichtes 2020.

„Der Deutsche Herzbericht 2020 dokumentiert und bestätigt das exzellente Qualitätsniveau der Herzchirurgie“, darauf weist die DGTHG in einer aktuellen Pressemitteilung hin. Gleichzeitig sei ein kritischer Blick in die Zukunft wichtig, denn nach wie vor sind Herzerkrankungen, noch vor Krebserkrankungen, mit Abstand die Todesursache Nummer eins in Deutschland. Ein Faktor für die Erkrankungshäufigkeit ist demnach das steigende PatientInnenalter, und die damit einhergehenden, altersbedingten Herzerkrankungen. „Insbesondere muss die Interdisziplinarität noch weiter in den Vordergrund rücken“, erklärt Prof. Andreas Böning, Präsident der DGTHG. „Entsprechend setzen wir auf die kompromisslose interdisziplinäre Behandlung aller Patientinnen und Patienten im Herz-Team unter Einhaltung der Leitlinien. Das ist Voraussetzung für die bestmögliche Therapie.“

PatientInnen im Fokus: Für die erfolgreiche Therapie ist der Einbezug der Herzkranken wichtig

Im Jahr 2019 wurden laut Deutschem Herzbericht 2020 in den insgesamt 78 deutschen Fachabteilungen für Herzchirurgie 96.404 Herzoperationen durchgeführt, davon 10.861 (10,8%) als Notfälle. Inkludiert man alle erfassten Eingriffskategorien der DGTHG-Leistungsstatistik und addiert Herzschrittmacher- und Defibrillator-Eingriffe, sowie die Operationen der herznahen Hauptschlagader ohne Einsatz der Herz-Lungen-Maschine dazu, summiert sich die Gesamtzahl auf 175.705 im Jahr 2019.

„Ziel der bundesweit 1004 tätigen HerzchirurgInnen ist stets die Verbesserung der Lebenserwartung und -qualität ihrer herzkranken PatientInnen. Die PatientInnenmeinung zählt“, betont Herzchirurg Böning. „Wir beraten nach Konsensfindung im multiprofessionellen Team, dennoch ist jeder Mensch individuell. Gemeinsam mit unseren Patienten finden wir dann die geeignete und bestmögliche Behandlung.“

Herzchirurgie auf hohem Qualitätsniveau: Steigendes PatientInnenalter und steigende Überlebenschance

„Zwei wichtige und erfreuliche Botschaften aus der Herzchirurgie: Unsere Patientinnen und Patienten erreichen ein hohes Lebensalter und können überaus erfolgreich operiert werden. Die Überlebenschance liegt bei über 97 Prozent, auch bei den Über-80-jährigen“, erklärt Böning. Im Jahr 2019 waren 44,8 Prozent der PatientInnen, die eine isolierte Bypass-Operation erhielten über 70 Jahre alt, nahezu zehn Prozent sogar bereits über 80 Jahre. „Jüngere PatientInnen (< 70 Jahre) haben häufig bereits eine fortgeschrittene Koronare Herzerkrankung, für die andere Behandlungsoptionen nicht die erste Wahl sein sollten“, heißt es von der DGTHG. Ebenso erfreulich seien die Überlebensraten bei den im Jahre 2019 insgesamt 36.650 durchgeführten Herzklappenoperationen, wobei erworbene Herzklappenerkrankungen vor allem altersbedingte Gründe hätten.

Implantierte Herzunterstützungssysteme konstant auf hohem Niveau, Anzahl der Herztransplantationen steigt

In den letzten 20 Jahren hat die Erkrankungshäufigkeit der Herzinsuffizienz laut aktuellem Herzbericht kontinuierlich zugenommen und 2019 einen neuen Höchststand mit 510 pro 100.00 Einwohner erreicht. „Trotz zunehmender Morbidität, die insbesondere im Kontext des demographischen Wandels zu betrachten ist, sinkt seit 2011 die Mortalitätsrate“, darauf verweist die DGTHG. Die Versorgung mit permanenten (implantierten) Herzunterstützungssystemen bei schwerer chronischer Herzinsuffizienz bleibt seit Jahren stabil auf hohem Niveau bei insgesamt 953, wobei die Links-/Rechtsherz-Unterstützungssysteme bei 97 Prozent der PatientInnen zum Einsatz kommen (924 L/R VAD; BVAD 15 und Kunstherzen, TAH, 15).

„Nach wie vor gibt es für das menschliche Herz keinen künstlichen Ersatz, der mit den Erfolgen der Herz-Transplantation mithalten könnte, weswegen die Transplantation weiter die dauerhafteste Option bleibt“, resümiert die Gesellschaft. Aktuell warten in Deutschland ca. 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan, davon stehen 700 Menschen auf der Herz- und 279 für eine Lungentransplantation auf der Warteliste (Stand 31.12.2021). „Wir sehen zwar eine erfreuliche, aber immer noch zaghafte positive Entwicklung bei der Organspende mit insgesamt 344 transplantierten Herzen 2019. Das sind 26 mehr als im Jahr 2018. Mit unseren DGTHG-Organspende-Kampagnen wollen wir das Thema weiter in die Öffentlichkeit transportieren“, sagt Böning.

Herz aus dem Takt: Herzrhythmusstörungen sind erfolgreich herzchirurgisch behandelbar

Das Vorhofflimmern ist mit 1,6 Millionen betroffenen Menschen die häufigste Herzrhythmusstörung in Deutschland. Bei ca. fünf Prozent aller herzchirurgischen Eingriffe wurden bestimmte Formen des Vorhofflimmerns mittels Radiofrequenzablation oder Kryoenergie mittherapiert. Eine begleitende Herzinsuffizienz bestand bei 47,5 Prozent aller PatientInnen.

Zu den weiteren Therapien gehören Herzschrittmacher, implantierbare Kardioverter / Defibrillatoren (ICD) und kardiale Resynchronisationssysteme (VRT). Laut aktuellem Herzbericht wurden im Jahr 2019 insgesamt 75.760 Herzschrittmacher und 22.455 ICDs neu implantiert. Die Implantation von kardialen Resynchronisationsgeräten (CRT) erfolgt als effektive Behandlungsmöglichkeit für PatientInnen mit chronischer Herzinsuffizienz und auffälligem EKG, insbesondere bei Linksschenkelblock und signifikant verzögerter Herzkammer-Erregung (QRS >150ms), erläutert die DGTHG.

Koronare Bypass-Operationen und Kombinationseingriffe erfolgen stets nach Abstimmung im Herz-Team

Weiterhin wurden den Daten des Herzberichtes zufolge im Jahr 2019 bundesweit 44.093 (2018: 44.270) isolierte und kombinierte koronare Bypass-Operationen durchgeführt, bei ca. 87 Prozent unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine. Die Koronare Bypass-Operation erfolgt häufig kombiniert mit Herzklappen- sowie weiteren Eingriffen (34.244 isolierte Bypass-Operationen zzgl. 9.869 kombinierte Koronare Bypass-Operationen). Die Empfehlung der Herzchirurgen: „Auch bei diesen Eingriffen ist die interdisziplinäre Abstimmung in etablierten Herz-Teams, unter Einhaltung der nationalen und europäischen Leitlinien, obligat. Beispielsweise wird bei der komplexen koronaren Drei-Gefäß-Erkrankung und der Hauptstammstenose eindeutig – IA-Empfehlung – die koronare Bypass-Operation empfohlen.“ Insbesondere für PatientInnen mit Diabetes mellitus zeige sich, dass sie langfristig durch den herzchirurgischen Eingriff profitieren. Signifikante Vorteile hätten ebenfalls PatientInnen mit einer eingeschränkten LV-Funktion und solche, bei denen vorangegangene Katheterinterventionen (PCI) nicht zu einem stabilen Erfolg geführt hätten.

Herzklappeneingriffe sind Teamarbeit: Etabliertes Herz-Team obligat bei Entscheidungsfindung und Therapiedurchführung

Welches invasive Verfahren für welche PatientInnen in Frage kommt, so die Fachgesellschaft, müsse im interdisziplinären Herz-Team, unter Einbindung der PatientInnen, gemäß den nationalen und europäischen Leitlinien abgestimmt werden. Die Anzahl der Herzklappenoperationen steigt im Kontext des PatientInnenalters, da die Aortenklappenstenose und die Mitralklappeninsuffizienz die häufigsten erworbenen, altersbedingten Herzklappenerkrankungen sind.

Insgesamt wurden 2019 bundesweit 36.650 (2018: 34.915) Herzklappeneingriffe vorgenommen. Die Zahl der isolierten Aortenklappenoperationen hat von 9829 im Jahr 2018 auf 9233 im Jahr 2019 zwar leicht abgenommen, gleichzeitig jedoch die Zahl der kathetergestützen invasiven Eingriffe zugenommen. Demographisch stellt in der isolierten konventionellen Aortenklappenchirurgie die Altersgruppe der 60- bis unter 70-Jährigen mit 34,9 Prozent den größten Teil der PatientInnen dar, gefolgt von den 70- bis unter 80-Jährigen mit 34,7 Prozent.

Die zweithäufigste herzchirurgisch unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine behandelte Herzklappenerkrankung ist die Mitralklappeninsuffizienz. Im Jahr 2019 wurden 6419 (2018: 6222) isolierte Mitralklappenoperation durchgeführt bei denen die Mitralklappen-Rekonstruktion nach wie vor der anerkannte Gold-Standard ist. Für bestimmte Herzklappen-Therapieverfahren (TAVI, MitraClip) gilt die „Richtlinie minimalinvasive Herzklappen-interventionen“ des Gemeinsamen Bundesausschusses (2015) die obligat u.a. die interdisziplinäre Kooperation von Herzchirurgen und Kardiologen vorschreibt.

„In jedem Falle wollen wir die bestmögliche Therapie für alle HerzpatientInnen“, sagt Böning. „Daher ist die interdisziplinäre und multiprofessionelle Konsensfindung im Herz-Team ein obligates, überaus wertvolles und zielführendes Instrument, um jeden Herz-Patienten individuell mit bestmöglichem Wissen beraten und behandeln zu können.“

Big Five im Herz-Team für Patientensicherheit und Qualitätssicherung. DGTHG plädiert für die Einführung von „Herz-Boards“.

Für alle herzmedizinischen invasiven Therapieverfahren, Operationen und Interventionen gilt der DGTHG zufolge gleichermaßen: Die Behandlung muss gemäß wissenschaftlicher Leitlinien erfolgen und stets im interdisziplinärem Herz-Team getroffen werden. „Die Zusammenarbeit im interdisziplinären Herz-Team ist die wichtigste Voraussetzung, um gemeinsam mit und für die PatientInnen die bestmögliche Behandlung zu ermöglichen. Hier plädieren wir als herzchirurgische Fachgesellschaft für die obligate Konsentierung in einem verbindlich strukturierten ‚Herz-Board‘, wie es bereits in anderen medizinischen Disziplinen, z.B. bei Tumorbehandlungen (Tumor-Board), erfolgreich Anwendung findet. Hier zählen die Big Five für jedes Herz-Team: Kooperation, Konsensfähigkeit, Wissenschaftliche Evidenz Patientenpartizipation und Therapieoptionen.“