Dexrazoxan schützt Kinder langfristig vor Anthrazyklin-Kardiotoxizität

Die prophylaktische Gabe von Dexrazoxan ist bei Kindern offenbar auch langfristig mit einem geringeren Risiko für eine Anthrazyklin-induzierte Kardiotoxizität verbunden.(Symbolfoto: ©Pixel-Shot/stock.adobe.com)

Eine neue Studie zeigt, dass Dexrazoxan, verabreicht als als kardioprotektives Medikament während einer Doxorubicin-haltigen Chemotherapie bei krebskranken Kindern, auch langfristig Chemotherapie-induzierte Herzschäden abmildern kann.

Das Anthrazyklin Doxorubicin wird als Chemotherapeutikum zur Behandlung verschiedener Arten von Leukämie, Lymphomen und Sarkomen eingesetzt – auch bei Kindern. Zwar handelt es sich bei den Anthrazyklinen um die Wirkstoffklasse, die am stärksten mit Herzschäden in Verbindung gebracht wird, bislang sind sie aus der Krebsbehandlung aber nicht wegzudenken. Trotz der Fortschritte in der Onkologie enthalten nach wie vor mehr als die Hälfte der Therapieschemata Anthrazykline. Vor diesem Hintergrund spielt die Erforschung von Strategien, die die kardiotoxischen Wirkungen dieser Medikamentenklasse abmildern, eine wichtige Rolle.

Dexrazoxan ist ein Zytoprotektivum, das erwachsenen Krebspatienten zur Vorbeugung einer Anthrazyklin-induzierten Kardiotoxizität verabreicht wird. Seit 2017 kann Dexrazoxan einem Beschluss der europäischen Gesundheitsbehörde EMA folgend auch bei Kindern unter 18 Jahren angewendet werden. Voraussetzung dafür ist, dass eine kumulative Anthrazyklin-Dosis von mindestens 300 mg/m² Körperoberfläche (KOF) Doxorubicin oder einem entsprechenden Toxizitätsäquivalent vorgesehen ist.

Eine aktuelle Studie im „Journal of Clinical Oncology“ verdeutlicht, dass Dexrazoxan in diesem Kontext eingesetzt auch langfristig vor Herzschäden schützen kann. Die Untersuchung baut auf früheren Studien mit kürzeren Nachbeobachtungszeiträumen auf. Sie liefert Hinweise darauf, dass die Kardioprotektion durch Dexrazoxan auch mehr als ein Jahrzehnt nach der Krebsdiagnose noch nachweisbar ist. Die Ergebnisse könnten zudem Konsequenzen für die langfristige Nachsorge von Überlebenden einer Krebserkrankung im Kindesalter haben.

Langzeitwirkung über 15 Jahre untersucht

In der Studie begleiteten die Forschenden um Erstautorin Dr. Erin Mobley, Assistenzprofessorin für Chirurgie am College of Medicine der University of Florida in Jacksonville (USA) 895 Überlebende von Krebserkrankungen im Kindesalter bis ins junge Erwachsenenalter. Darunter waren 230 Überlebende, die seit mindestens einem Jahrzehnt beobachtet wurden, wobei fast 200 Teilnehmer über mehr als 15 Jahre hinweg verfolgt wurden.

In die Studie einbezogen wurden krebskranke Kinder, die mit Doxorubicin in einer medianen Dosis von 360 mg/m2 KOF behandelt wurden. Die Hälfte der Kinder wurde randomisiert zusätzlich mit Dexrazoxan in einem Dosisverhältnis 10:1 mg/m² als intravenöser Bolus vor der Doxorubicin-Gabe behandelt.

Herzfunktion mit Dexrazoxan langfristig besser erhalten

Bei Echokardiogramm-Untersuchungen Jahre nach der Behandlung wiesen Patienten, die Dexrazoxan erhalten hatten, deutlich gesündere Herzen auf. Unter Dexrazoxan blieb die linksventrikuläre systolische Funktion besser erhalten als ohne Dexrazoxan (Differenz des Z-Scores 0,4; 95%-KI 0,2–0,5). Zudem war Dexrazoxan mit einem geringeren Risiko für eine eingeschränkte LV-Funktion (Verkürzungsfraktion <30 % oder Ejektionsfraktion <50 %) verbunden – sowohl ein Jahr (HR 0,58; 95%-KI 0,41–0,82) als auch fünf Jahre nach Diagnosestellung (HR 0,54; 95%-KI 0,31–0,93).

Viele Überlebende, die das Medikament erhalten hatten, konnten außerdem als Patienten mit mäßigem Risiko für Herzschäden eingestuft werden, statt als Hochrisikopatienten. Diese Einstufung könnte nach Einschätzung der Studienautoren bedeuten, dass Überlebende, die während der Chemotherapie Dexrazoxan erhalten haben, nach Abschluss der Behandlung weniger intensive kardiologische Vorsorgeuntersuchungen benötigen.

Konsequenzen für die Nachsorge noch offen

Laut Mobley könnten diese Erkenntnisse dazu genutzt werden, die Häufigkeit der Echokardiogramme mit zunehmendem Alter zu verringern. Gleichzeitig müsse weiter beobachtet werden, wie sich die kardiovaskuläre Gesundheit der Patienten im weiteren Lebensverlauf entwickelt. Mögliche Änderungen der Nachsorgeempfehlungen würden weitere Studien erfordern.

Neben einer Aktualisierung der Empfehlungen sieht Mobley einen wesentlichen Vorteil der Langzeitstudie darin, Familien nach Abschluss der Krebsbehandlung eine bessere Perspektive und mehr Sicherheit hinsichtlich der langfristigen Auswirkungen der Krebsbehandlung geben. „Das könnte den Patienten und ihren Familien ein wenig Seelenfrieden verschaffen“, so Mobley.

(ah/BIERMANN)