Alles steht Kopf: DGE ordnet neue Ernährungsempfehlungen der USA ein

In den USA gelten seit Jahresbeginn neue Ernährungsempfehlungen. Symbolbild: rh2010/stock.adobe.com

Die neuen Ernährungsempfehlungen der USA sorgen für Diskussionen. Denn sie stellen die bislang allgemein bekannte Ernährungspyramide kurzerhand auf den Kopf. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ordnet die Änderungen ein.

Das US Department of Health & Human Services und das US Department of Agriculture haben zum Jahresbeginn die Ernährungsempfehlungen für die USA veröffentlicht. Diese werden alle fünf Jahre aktualisiert und bilden die zentrale Grundlage für ernährungspolitische Maßnahmen in den USA.

Als wissenschaftliche Grundlage für die amerikanischen Ernährungsempfehlungen dient bei jeder Aktualisierung ein ausführlicher evidenzbasierter wissenschaftlicher Bericht1. Dieser wird von renommierten Wissenschaftlern erstellt und basiert auf aktuellen, wissenschaftlichen Methoden, darunter systematische Literaturrecherchen, Modellierungen sowie ergänzend Einschätzungen von Experten.

Fehlende Transparenz und Widersprüche

Unklar bleibe nach Ansicht der DGE jedoch, wie die wissenschaftlichen Grundlagen konkret in die aktualisierten amerikanischen Empfehlungen übersetzt wurden. Die American Society for Nutrition – die amerikanische Fachgesellschaft für Ernährung – kritisiert in ihrer Stellungnahme zu den neuen Empfehlungen ausdrücklich mangelnde Transparenz im Ableitungsprozess: „There is a lack of transparency regarding the methods, approaches, and objectives of the newly introduced scientific reviews and the timeframe in which they were completed”2.

Die Darstellung der neuen Pyramide ist allerdings nicht durchgängig mit den Botschaften konsistent. So empfehlen die neuen Botschaften den täglichen Verzehr von zwei bis vier Portionen Vollkornprodukte. Die Platzierung dieser Lebensmittelgruppe am Boden und in einem vergleichsweise kleinen Segment der Pyramide suggeriere jedoch eine geringere Bedeutung, so die DGE. Auch bei den Proteinquellen zeigen sich widersprüchliche Aussagen: Zwar wird empfohlen, eine große Vielfalt pflanzlicher und tierischer Proteinquellen zu wählen, darunter Eier, Geflügel, Fisch und rotes Fleisch ebenso wie Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen und Sojaprodukte. In der neuen Ernährungspyramide dominiert jedoch Fleisch die Gruppe „Protein, Milchprodukte und gesunde Fette“.

Insgesamt erscheint die Evidenzbasierung der aktualisierten US-Ernährungsempfehlungen, insbesondere die Nachvollziehbarkeit der Ableitung von Empfehlungen aus den wissenschaftlichen Grundlagen, im Vergleich zum bisherigen Vorgehen, als deutlich weniger transparent.

Diskussionen um Empfehlung für Proteinzufuhr

Die amerikanischen Botschaften weisen inhaltliche Parallelen zu den Ernährungsempfehlungen der DGE für Deutschland auf. Dazu zählen unter anderem der Fokus auf Vollkornprodukte, Obst und Gemüse, ungesüßte Getränke wie Wasser sowie die Empfehlung, den Verzehr zugesetzter Zucker und alkoholischer Getränke zu begrenzen und Über- als auch Untergewicht zu vermeiden.

Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch in der Bewertung der Proteinzufuhr. Die neuen US-Empfehlungen setzen mit einer Proteinzufuhr von 1,2–1,6 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag einen neuen Schwerpunkt. Dieser Wert liegt deutlich über dem DGE/ÖGE-Referenzwert von 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, der für gesunde Erwachsene unter 65 Jahre in Deutschland als bedarfsdeckend gilt. Die bisherige Evidenz aus Interventions- und Beobachtungsstudien, die der DGE-Leitlinie zur Proteinzufuhr zugrunde liegt, liefert keine Hinweise auf einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen einer dauerhaft höheren Proteinzufuhr.

Vor allem die Proteinzufuhr steht derzeit immer wieder im Fokus gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Diskussionen. Proteinpulver und andere “High Protein”-Produkte haben längst die Regale der Supermärkte erobert – ihre Nützlichkeit hängt jedoch stark von der Qualität der Produkte und den individuellen Gegebenheit ab (wir berichteten).

Keine Aspekte der Nachhaltigkeit erkennbar

Ein weiterer zentraler Unterschied betrifft den Prozess der Ableitung der Empfehlungen. Die Ernährungsempfehlungen der DGE, einschließlich der Botschaften „Gut essen und trinken“ sowie des Ernährungskreises, basieren direkt und transparent auf wissenschaftlichen Grundlagen. Sie wurden unabhängig, wissenschaftlich fundiert und interessensneutral entwickelt, mit Unterstützung eines offenen Konsultationsprozesses. Grundlage ist ein von der DGE entwickeltes mathematisches Optimierungsmodell, das die Zieldimensionen Gesundheit, Umwelt sowie die in Deutschland üblichen Verzehrgewohnheiten gleichzeitig berücksichtigt.

Während in vielen europäischen Ländern zunehmend Synergien zwischen gesundheitsfördernder und ökologisch nachhaltiger Ernährung in den nationalen Ernährungsempfehlungen verankert werden, ist nicht erkennbar, dass Aspekte der Nachhaltigkeit systematisch in die Ableitung der amerikanischen Ernährungsempfehlungen eingeflossen sind.

Bedeutung unabhängiger wissenschaftlicher Evidenz

Die DGE unterstreicht die besondere Bedeutung einer klaren Trennung zwischen wissenschaftlicher Evidenzgenerierung und politischer oder administrativer Entscheidungsfindung. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen unabhängig, nach hohen und nachvollziehbaren Qualitätsstandards sowie frei von politischen oder wirtschaftlichen Interessen erarbeitet und bewertet werden.

Für diese Unabhängigkeit stehen wissenschaftliche Fachgesellschaften, Hochschulen und außeruniversitäre Forschungsinstitute. Sie sei eine zentrale Voraussetzung für Vertrauen in Ernährungsempfehlungen und damit ein hohes gesellschaftliches Gut, das es zu schützen gilt, betont die DGE. Nur auf dieser Grundlage können evidenzbasierte Empfehlungen ihre Rolle als verlässliche Orientierung für Politik, Fachpraxis und Bevölkerung erfüllen. (mkl/BIERMANN)