DGKJP: Keine Triage in der Kinderpsychiatrie20. Mai 2021 Foto: ©Ilike – stock.adobe.com Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jungendpsychiatrie (DGKJP) widerspricht Berichten darüber, dass die Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland so überlaufen seien, dass sie behandlungsbedürftige Kinder und Jugendliche nicht aufnehmen könnten, und distanziert sich von dem Begriff der “Triage”. Zwar habe die Corona-Krise zweifelsohne psychische Belastungen und soziale Benachteiligungen bei Kindern verstärkt. Als wissenschaftliche Fachgesellschaft habe die DGKJP mehrfach verdeutlicht, dass gerade Kinder mit Vorbelastungen und solche, die sowieso schon benachteiligt sind, Symptome entwickeln. Symptome bedeuteten aber noch keine manifesten Erkrankungen, auch wenn dies teilweise so in den Medien berichtet werde. Vielfach handle es sich um normale Reaktionen von Kindern auf unnormale Bedingungen, erklärte die wissenschaftliche Fachgesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie zusammen mit der Stiftung Achtung!Kinderseele in einer Stellungnahme. Allerdings seien Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen aktuell vermehrt Armutsbedingungen und Misshandlung ausgesetzt. Diese stellen nach Ansicht der Fachgesellschaft eindeutig Risikofaktoren für seelische Erkrankungen dar. “Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, wie wichtig die kommunale Daseinsvorsorge in den Zeiten von Pandemie und Lockdown ist, und dass Jugendämter, Schulen, KiTas, offene Jugendarbeit, Notbetreuung ihre Funktionen weiter erfüllen müssen: hinschauen, Not erkennen, die Kinder auch zuhause besuchen. Etliche kreative Lösungen zeugen davon, dass das möglich ist. Allen pädagogischen Kräften und auch allen Kinderärzten kommt hier eine wichtige präventive Funktion zu: Dass kein Kind durch die Maschen fällt, wenn niemand seinen Hilfebedarf erkennt”, heißt es in der Stellungnahme. Dem gegenüber stünden Kinder, die durch Schulschließungen und Lockdown erheblich entlastet werden, weil etwa Mobbing-Erfahrungen als gravierende Ursache für psychische Störungen wegfallen, gibt die Fachgesellschaft zu bedenken. Dementsprechend wirkten die Pandemie und der gestiegene Beratungsbedarf derzeit eher wie ein Brennglas, das regional schon lange bestehende Versorgungsdefizite im Fachgebiet deutlich mache – etwa über gestiegene Wartezeiten. Daran gelte es, zeitnah und über die Grenzen der Versorgungsgebiete hinweg zu arbeiten. Folgendes stellt die DGKJP fest: In der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie gilt das Prinzip der Pflichtversorgung für die Kliniken. Das bedeutet: Jedes notfallmäßig und dringlich vorgestellte Kind aus dem zugehörigen Einzugsgebiet wird kinder- und jugendpsychiatrisch in jedem Einzelfall sofort versorgt. Je nach Befund wird dieses Kind entweder zur Krisenintervention oder auch längeren Behandlung direkt stationär aufgenommen. In anderen Fällen erfolgt dieses erst nach einer Wartezeit, diese fällt regional sehr unterschiedlich aus und liegt i.d.R. zwischen zwei und vier Monaten. Die verfügbaren Daten der DGKJP über stationäre Notaufnahmen sprechen dafür, dass manchenorts eher eine größere Zurückhaltung vor stationären Behandlungen zu verzeichnen ist, und keine generelle Zunahme an Notfällen. Studien zur Entwicklung der Häufigkeit von kinder- und jugendpsychiatrischen Störungen unter Pandemiebedingungen, die auf umfassender Diagnostik basieren, sind auf dem Weg. Es gilt das Prinzip „ambulant vor stationär“ – die ganz große Mehrheit der Kinder bleibt zur Behandlung zu Hause. Die Quote unbehandelter Kinder mit manifesten psychischen Störungen ist in den letzten Jahren gesunken und im Rahmen der aktuellen Pandemie nicht angestiegen; die Versorgungsaufgaben der Kliniken wurden und werden wahrgenommen. Im Rahmen einer kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung wird bei entsprechender Notwendigkeit auch die Zusammenarbeit mit anderen Unterstützungssystemen koordiniert. Krisenmanagement ist kinder- und jugendpsychiatrischer Alltag: rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche. Inner- und außerhalb der Pandemie. “Alle kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken haben während der Pandemie durchweg alle Kinder und Jugendlichen, die eine akute Krise erlebt und schnelle Hilfe benötigt haben, selbstverständlich zu jeder Zeit versorgt. Wir haben uns an Masken in der Psychotherapie gewöhnt und an Online-Kontakte mit Patienten und Familien, sodass mehr Patienten erreicht werden können. Unser Fach trägt aktuell und auch zukünftig mit diversen Beratungsangeboten dazu bei, Kindern und Jugendlichen durch die psychisch belastende Pandemiezeit zu helfen. Skandalisierungen sind nicht sachlich und helfen niemandem. Und nicht zuletzt: Schulöffnungen alleine werden leider kinder- und jugendpsychiatrische Störungen nicht beheben”, erklärte die kinderpsychiatrische Fachgesellschaft.
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