DGSM-Jahrestagung 2026: Schlaf als Karrierefaktor29. Oktober 2026 Foto: SnapVault/stock.adobe.com Guter Schlaf als Voraussetzung von Gesundheit und Produktivität, die Folgen von Schlafmangel oder die Rolle von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Schlafmedizin: Über diese Themen sprechen die Präsidenten der DGSM-Jahrestagung 2026 im Interview. Von den Folgen chronischen Schlafmangels über die Rolle der inneren Uhr bis hin zu neuen Therapieansätzen und Künstlicher Intelligenz: Die Schlafmedizin entwickelt sich rasant. Anlässlich der 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) vom 5. bis 7. November 2026 in Wiesbaden geben die Tagungspräsidenten PD Dr. Caroline Mann und Dr. Hans-Günter Weeß Einblicke in aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen und erläutern, warum Schlaf längst mehr ist als eine Frage des Wohlbefindens – nämlich ein entscheidender Gesundheits-, Karriere- und Wirtschaftsfaktor. Frau Dr. Mann, Herr Dr. Weeß, das Kongressmotto stellt die Verbindung zwischen Schlaf, Gesundheit, Produktivität und Karriere her. Warum ist dieses Thema gerade jetzt so aktuell? Weeß: Der gesunde Schlaf ist nicht nur für die Gesundheit des Menschen elementar. Er hat ebenso Auswirkungen auf unser Leistungsvermögen am Tage. Wer schlecht oder zu wenig schläft leidet an Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen und ist auch in seinem kognitiven Entscheidungsvermögen eingeschränkt. Diese Einschränkungen haben direkte Auswirkungen auf unser Leistungsvermögen am Arbeitsplatz, so unter anderem auf die Produktivität und Kreativität. Alles wichtige Faktoren für die eigene Karriere und auch eine gut funktionierende Volkswirtschaft. Mann: Schlaf ist längst kein reines „Lifestyle-Thema“ mehr, sondern ein zentraler Gesundheitsfaktor. Wir wissen heute sehr viel besser, welche Bedeutung ausreichender und qualitativ guter Schlaf für Stoffwechsel, Immunsystem, kognitive Leistungsfähigkeit, psychische Gesundheit und Regeneration hat. Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft, in der Zeit zunehmend als knappes Gut empfunden wird. Viele Menschen versuchen, Schlaf zugunsten von Arbeit, Familie oder Freizeit zu reduzieren. Das Problem ist: Schlaf lässt sich nicht beliebig optimieren oder einsparen, ohne dass der Körper und auch die Leistungsfähigkeit irgendwann die Rechnung dafür präsentieren. Genau deshalb wollten wir mit dem Kongress die Perspektive erweitern: Schlaf betrifft nicht nur die Schlafmedizin, sondern eigentlich nahezu alle medizinischen Fachrichtungen und auch unsere Arbeitswelt. Es hält sich hartnäckig der Mythos, erfolgreiche Menschen bräuchten besonders wenig Schlaf. Was sagt die Wissenschaft dazu? Weeß: Bereits Bill Clinton sagte einmal: Die meisten Fehler, die ich während meiner Amtszeit gemacht habe, waren unter dem Einfluss von zu wenig Schlaf. Wer wenig schläft, macht mehr Fehler, ist risikofreudiger bei Entscheidungen, weniger kreativ und weniger produktiv. Mann: Das individuelle Schlafbedürfnis ist sehr unterschiedlich. Grundsätzlich ist es natürlich so, dass Menschen, die weniger Schlaf brauchen mehr Zeit haben für andere Dinge, aber es ist nicht grundsätzlich so, dass am Schlaf „gespart“ werden sollte, um effektiver zu sein. Schlaf ist keine verlorene Zeit. Er ist eine Voraussetzung dafür, dass wir tagsüber überhaupt leistungsfähig sein können. Welche gesellschaftlichen Entwicklungen bereiten Ihnen mit Blick auf den Schlaf der Bevölkerung die größten Sorgen? Weeß: Unsere Gesellschaft steht zu früh auf und schätzt den Schlaf noch immer viel zu wenig. Es gilt noch immer das Motto: „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, aber es ist oft „der Wurm drin“, wenn wir zu wenig Schlaf haben. Mann: Wir beobachten häufig, dass Schlaf erst dann ernst genommen wird, wenn bereits Beschwerden oder Erkrankungen entstanden sind. Ich würde mir wünschen, dass wir Schlaf stärker präventiv betrachten – ähnlich wie Bewegung oder Ernährung. Aus dermatologischer Sicht finde ich dabei besonders interessant, dass wir zunehmend verstehen, wie eng die Haut selbst mit unserem zirkadianen Rhythmus verbunden ist. Viele regenerative und immunologische Prozesse in der Haut folgen einem Tag-Nacht-Rhythmus. Schlafmangel kann Entzündungsprozesse in der Haut anstoßen bzw. verschlechtern. Ein Hauptsymposium widmet sich Schlaf als Wirtschafts- und Karrierefaktor. Welche Kosten entstehen durch Schlafmangel für Unternehmen und Gesundheitssystem? Weeß: Wer an Schlafstörungen leidet, ist im Vergleich zu Menschen ohne Schlafstörungen 2,8fach länger krankgeschrieben. Das zeigt eine Studie der Barmer Gesundheitskasse 2019. Nach einer Studie der Rand-Cooperation gehen der Wirtschaft jährlich mindestens 50 Milliarden Euro infolge Schlafstörungen mit einhergehender Abwesenheit vom Arbeitsplatz, Fehler am Arbeitsplatz oder auch Präsentismus am Arbeitsplatz verloren. Frau Dr. Mann, welche gesundheitlichen Folgen sehen Sie in Ihrer klinischen Arbeit besonders häufig? Mann: Hier würde ich zwei Ebenen unterscheiden. Schlafmangel und Übermüdung können die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit von Ärztinnen und Ärzten beeinträchtigen und damit letztlich auch die Qualität und Sicherheit der Patientenversorgung beeinflussen. Die zweite Ebene betrifft meine Arbeit in der Dermatologie. Wir sehen viele Patientinnen und Patienten, die beispielsweise aufgrund von Juckreiz, Schmerzen oder chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen schlecht schlafen. Und auch hier entsteht häufig ein Kreislauf: Die Hauterkrankung beeinträchtigt den Schlaf, der Schlafmangel wiederum belastet die Psyche und kann sich negativ auf das subjektive Krankheitsgefühl und möglicherweise auch auf entzündliche Prozesse auswirken. Die Schlafmedizin entwickelt sich derzeit sehr dynamisch. Welche Entwicklungen der letzten Jahre bewerten Sie als besonders wegweisend? Weeß: Da sind auf der einen Seite neue Behandlungsansätze für die Insomnien zu nennen. Die Pharmakotherapie der Insomnie steht nicht mehr an erster Stelle des Behandlungspfades. Kognitiv-Verhaltenstherapeutische Methoden für Insomnien gelten heute als Firstline Therapie, da ihr in den meisten Fällen ein kausaler Behandlungsansatz zugeschrieben wird. Es wurden Apps entwickelt, welche der Arzt oder Psychotherapeut seinen Patienten verordnen kann, so dass diese neuem Behandlungsmethoden auch flächendeckend zur Verfügung stehen. Anderseits hat sich die Behandlung der schlafbezogenen Atmungsstörungen verändert. Es haben sich individualisierte Therapieansätze entwickelt, welche sich nicht nur am Schweregrad der schlafbezogenen Erkrankung, sondern auch an den Begleiterkrankungen orientieren. Zukünftig wird, auch durch neue pharmakologische Möglichkeiten, die Gewichtsreduktion als Therapie eine stärkere Bedeutung bekommen. Mann: Eine der wichtigsten Entwicklungen ist für mich ganz klar, dass Schlafmedizin zunehmend interdisziplinär gedacht wird. Gleichzeitig schreitet die Forschung sehr schnell voran und eröffnet uns neue Möglichkeiten in der Diagnostik und Therapie. Gerade durch den Einsatz von KI können wir große Datenmengen besser auswerten und diagnostische Prozesse weiterentwickeln. Welche Themen werden die Schlafmedizin in den kommenden fünf bis zehn Jahren am stärksten prägen? Weeß: Die veränderte Behandlung der schlafbezogenen Atmungsstörung, die Verbesserung der schlafmedizinischen Ausbildung von Ärzten und Therapeuten und die Verbesserung der Behandlung von Menschen mit Ein- und Durchschlafstörungen. Sie stellen eine Volkskrankheit dar und haben -auch aufgrund fehlender kausaler Behandlungsansätze- eine hohe Chronifizierungsneigung. Mann: Ich glaube das vor allem in Sachen KI sich einiges tun wird. Außerdem wird das Thema „Longevity“ und „Präventionsmedizin“ immer relevanter. Wir verstehen zunehmend, dass gesunder Schlaf nicht nur für die aktuelle Leistungsfähigkeit wichtig ist, sondern auch für langfristige Gesundheit. Herr Dr. Weeß, sind Schlafstörungen heute häufiger eine Ursache psychischer Belastungen oder eher deren Folge? Weeß: Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Viele Ein- und Durchschlafstörungen sind das Ergebnis von Stress, einer zu starken mentalen Belastung und der mangelnden Fähigkeit dieses erhöhte Anspannungsniveau in der Bettsituation zu reduzieren. Anderseits nehmen auch psychische Störungen zu. Gerade Depressionen gehen aber sehr häufig auch mit Schlafstörungen einher. Das Programm zeigt, dass Chronobiologie zunehmend an Bedeutung gewinnt. Was können wir von unserer „inneren Uhr“ lernen? Weeß: Gesellschaftlich gesehen sollten wir den Takt unserer Gesellschaft mehr an den Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen orientieren. Dies bedeutet, wo immer möglich sollten Arbeit und Schule darauf Rücksicht nehmen und z.B. im Falle der Schule für Pubertierende einen späteren Schulbeginn ermöglichen und im Arbeitsleben den Chronotyp des Menschen mehr berücksichtigen. Sei dies in Form von flexiblen Arbeitszeiten und auch der Berücksichtigung des Chronotyps bei der Schichtarbeit. Mann: Unsere innere Uhr steuert sehr viel mehr als nur unseren Schlaf-Wach-Rhythmus. Hormone wie Melatonin spielen dabei eine wichtige Rolle, und Störungen des zirkadianen Rhythmus können sich auf die Gesundheit auswirken. Das sehen wir beispielsweise auch in der Dermatologie: Bei Schichtarbeit gibt es interessante Zusammenhänge bei der Entstehung von entzündlichen Hauterkrankungen wie der Psoriasis. Spannend finde ich außerdem, dass immer mehr geforscht wird, zu welchem Zeitpunkt bestimmte Medikamente gegeben werden sollten, damit sie möglichst gut wirken. Diese sogenannte Chronotherapie könnte in Zukunft eine größere Rolle spielen. Frau Dr. Mann, Sie repräsentieren unter anderem die dermatologische und interdisziplinäre Perspektive. Warum ist die Schlafmedizin besonders auf die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen angewiesen? Mann: Weil Schlaf eigentlich ein Querschnittsthema der gesamten Medizin ist. Kaum ein Organsystem funktioniert unabhängig von unserem Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Dermatologie ist dafür ein gutes Beispiel. Auf der einen Seite können Hauterkrankungen den Schlaf massiv beeinträchtigen – etwa durch Juckreiz oder Schmerzen. Auf der anderen Seite beeinflussen Schlaf, Stress und zirkadiane Rhythmen wiederum Prozesse in der Haut. Das bedeutet: Wenn ich eine Hauterkrankung behandle, sollte ich bei bestimmten Patientinnen und Patienten auch nach dem Schlaf fragen. Und wenn ich eine Schlafstörung behandle, kann es sinnvoll sein, nach Erkrankungen zu suchen, die den Schlaf beispielsweise durch Juckreiz oder Schmerzen beeinträchtigen. Was hat Sie beide persönlich ursprünglich an der Schlafmedizin fasziniert? Weeß: Mich faszinierte zu Beginn meiner Berufstätigkeit das unbekannte Drittel des Lebens aus dem Grunde sehr stark, weil es zur Funktion und Bedeutung des Schlafes, als auch der Behandlung von Schlafstörungen noch nicht so ein großes Wissen gab. Zwischenzeitlich hat die Schlafforschung und Schlafmedizin etwas mehr Licht ins Dunkel der Nacht gebracht, aber es gibt weiterhin noch viel zu entdecken, was das wichtigste Drittel des Lebens angeht. Mann: Meine Verbindung zur Schlafmedizin begann bereits während meines Studiums. Ich habe damals im Schlaflabor gearbeitet und nach meinem Studium aufgrund meines starken Interesses später bei Herrn Weeß hospitiert und dort unter anderem die Auswertung von Polysomnographien gelernt und bin dann auch 2017 der DGSM beigetreten. Als ich dann in der Dermatologie angefangen habe zu arbeiten, habe ich gedacht ich werde nie wieder etwas mit Schlaf zu tun haben- bis dann meine Patienten gesagt haben, sie schlafen schlecht. Darauf folgte dann kamen wissenschaftliche Arbeiten und Forschung. Heute sehe ich viel stärker die Schnittstellen: Was macht Schlaf mit der Haut? Wie beeinflussen Hauterkrankungen den Schlaf? Welche Rolle spielen Entzündung, Immunsystem und zirkadiane Rhythmen? Und genau diese Entwicklung ist für mich persönlich auch ein Grund, warum ich die Interdisziplinarität des Kongresses so wichtig finde. Man bringt sein eigenes Fachgebiet mit, aber gleichzeitig entdeckt man ständig neue Verbindungen zu anderen Disziplinen. Auf welchen Programmpunkt freuen Sie sich selbst besonders? Weeß: Ich persönlich freue mich tatsächlich auf drei hervorragend Vorträge im Rahmen des Hautprogramms am Freitag und auf den Vortrag am Eröffnungsabend von Prof. Gigerenzer, einem der bedeutendsten Entscheidungsforscher, mit seinem Thema die „Intelligenz von Bauchentscheidungen“. Mann: Ich freue mich besonders auf die interdisziplinären Symposien und auf die Posterpräsentationen. Die jungen Kolleginnen und Kollegen bringen neue Ideen und Perspektiven in die Schlafmedizin ein, und ihre Arbeit sollte entsprechend gesehen und gewürdigt werden. Wenn Sie den Menschen in Deutschland nur einen Rat für besseren Schlaf geben dürften: Welcher wäre das? Weeß: Machen Sie abends rechtzeitig Feierabend und lassen Sie die großen und kleinen Probleme des Lebens vor der Schlafzimmertür. Mann: Nehmen Sie Ihren Schlaf ernst und kümmern Sie sich darum genauso wie um Bewegung und Ernährung. Schlechter Schlaf hat mehr Einfluss auf unterschiedliche Organsysteme als uns manchmal bewusst ist.
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