Till Roenneberg auf der DGSM-Jahrestagung: „Unser Körper und unser Büro liegen oft in verschiedenen Zeitzonen“29. Oktober 2026 Foto: Destina/stock.adobe.com Warum unser Körper und unser Arbeitsalltag oft „in verschiedenen Zeitzonen“ unterwegs sind und welche Folgen das für Gesundheit, Produktivität und Unternehmen hat, erläutert der Chronobiologe Prof. Till Roenneberg auf der DGSM-Jahrestagung. Schlaf ist weit mehr als eine persönliche Gesundheitsfrage. Schlaf ist einer der wichtigsten, aber zugleich am meisten unterschätzten Faktoren für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und wirtschaftlichen Erfolg. Genau diesem Thema widmet sich die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) auf ihrer Jahrestagung 2026 vom 5.–7. November in Wiesbaden. In seinem Eröffnungsvortrag auf dem Hauptsymposium macht der Roenneberg auf die weitreichenden Folgen eines verbreiteten Schlafdefizits aufmerksam. „Schlaf nimmt dem Wachsein nichts weg“ Roennebergs Forschungen zeigen seit Jahren, wie sehr moderne Arbeitswelten mit der inneren Uhr des Menschen kollidieren. „Schlaf nimmt dem Wachsein nichts weg, er macht es erst möglich“, betont der Chronobiologe. Dennoch schlafen rund 40 Prozent der Erwachsenen in Deutschland an Arbeitstagen weniger als sieben Stunden. Die Folgen zeigen sich nicht nur in Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten.Chronischer Schlafmangel beeinträchtigt nahezu alle Bereiche körperlicher und psychischer Gesundheit, erhöht das Risiko für zahlreiche Erkrankungen und wirkt sich unmittelbar auf Leistungsfähigkeit und Produktivität aus. Roenneberg veranschaulicht dies mit einem einfachen Vergleich: „Sie arbeiten in einem Raum mit einem lauten Kühlschrank und nehmen das Geräusch irgendwann nicht mehr bewusst wahr. Erst wenn der Kühlschrank abschaltet, merken Sie, wie belastend der Lärm tatsächlich war. Mit Schlafmangel ist es ähnlich. Viele Menschen haben sich daran gewöhnt und unterschätzen, wie leistungsfähig sie nach ausreichend Schlaf sein könnten.“ Wenn die innere Uhr gegen den Arbeitsalltag arbeitet Im Zentrum von Roennebergs Forschung steht die Frage, wie biologische und gesellschaftliche Zeitstrukturen zusammenwirken. „Drei Uhren bestimmen unseren Tag: die Sonnenuhr, die biologische Uhr und die soziale Uhr“, erklärt der Wissenschaftler. Während sich die innere Uhr über Millionen Jahre an den Wechsel von Licht und Dunkelheit angepasst habe, würden moderne Arbeits- und Lebenswelten zunehmend andere Taktgeber vorgeben. Viele Menschen verbringen tagsüber zu wenig Zeit im natürlichen Licht und sind abends künstlichem Licht ausgesetzt. Die Folge: Die innere Uhr verschiebt sich nach hinten, während Arbeits- und Schulzeiten unverändert früh beginnen. Das Resultat ist der sogenannte Social Jetlag. „Unser Körper und unser Büro liegen chronisch in verschiedenen Zeitzonen“, sagt Roenneberg. „Der Wecker beendet den Schlaf häufig, bevor das biologische Programm abgeschlossen ist.“ Dabei kann sozialer Jetlag negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Jugendlichen haben oder die Ergebnisse von Operationen beeinflussen. Milliardenverluste durch ein gesellschaftliches Schlafdefizit Dass Schlafmangel längst auch ein wirtschaftliches Thema ist, zeigen aktuelle Berechnungen Roennebergs. Auf Basis wissenschaftlicher Daten zu Produktivitätsverlusten, Krankheitstagen, Verkehrsunfällen und Gesundheitskosten hat er die volkswirtschaftlichen Folgen für Deutschland abgeschätzt. Das Ergebnis: Rund 40 Milliarden Euro pro Jahr könnten demnach auf Schlafdefizite zurückzuführen sein. Fast die Hälfte davon entfällt auf die Folgen des Social Jetlag.„Dabei handelt es sich eher um eine vorsichtige Schätzung“, sagt Roenneberg. „Die gesellschaftlichen Kosten vorzeitiger Todesfälle sind darin noch gar nicht berücksichtigt.“ Thema mit wachsender Relevanz für Unternehmen Für die DGSM machen diese Zahlen deutlich, warum Schlaf zunehmend auch für Arbeitgeber, Führungskräfte und Personalverantwortliche relevant wird. Arbeitszeiten, Schichtsysteme und die Gestaltung von Lebens- und Arbeitswelten beeinflussen nicht nur das Wohlbefinden Beschäftigter, sondern auch Gesundheit, Leistungsfähigkeit und wirtschaftlichen Erfolg. Das Hauptsymposium „Schlaf als Wirtschafts- und Karrierefaktor“ (Freitag, 6.11., 10:15 – 11:45 Uhr) greift diese Zusammenhänge auf und zeigt, warum moderne Erkenntnisse der Schlafforschung künftig stärker in gesellschaftliche und betriebliche Entscheidungen einfließen sollten.
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