Sozialer Jetlag der Operierenden als Risiko für Patienten?10. Juni 2026 Foto: gpointstudio/stock.adobe.com Unregelmäßige Schlafenszeiten als Problem? Patienten, die von Chirurgen mit ausgeprägtem sozialem Jetlag operiert wurden, hatten ein höheres Risiko für unerwünschte Ereignisse. Einen Kausalzusammenhang zeigt die aktuelle Studie nicht. Jeden Tag zur selben Zeit einschlafen und aufstehen, idealerweise in Übereinstimmung mit dem eigenen Chronotyp? Das funktioniert oft nicht, weil wir uns an die Erfordernisse von Arbeit und Alltag anpassen müssen. Das Ergebnis: sozialer Jetlag. Gerade für medizinisches Personal mit anstrengenden Arbeitszeiten und wechselnden Schichten ist regelmäßiger Schlaf nicht immer einzuhalten. Dabei wird die Regelmäßigkeit des Schlafs zunehmend als wichtiger Faktor für die kognitive Leistungsfähigkeit erkannt. Sozialer Jetlag beim Chirurgen – Einfluss auf das OP-Ergebnis Welchen Einfluss haben regelmäßiger Schlaf und sozialer Jetlag auf das Wohlbefinden von Chirurgen und die Patientensicherheit hat? Ein französisches Team um Léa Pascal von der Université Claude Bernard in Lyon (Frankreich) hat eine Studie vorgelegt, die den Zusammenhang zwischen regelmäßigen Schlafenszeiten von Chirurgen und schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse bei ihren Patienten untersuchte. Die multizentrische prospektive Kohortenstudie wurde zwischen dem 1. November 2020 und dem 31. Dezember 2021 in 14 chirurgischen Abteilungen an vier Universitätskliniken in Frankreich durchgeführt. Es nahmen Chirurgen aus sieben Fachrichtungen (Gastroenterologie, Orthopädie, Kardiochirurgie, Urologie, Endokrinologie, Thoraxchirurgie) teil. Patienten wurden ausgeschlossen, wenn sie jünger als 18 Jahre waren, sich einer palliativen Operation unterzogen, Operationszeitstempel unvollständig waren oder wenn sie von Chirurgen mit ungültigen Schlafdaten operiert wurden. Der Schlaf der teilnehmenden Chirurgen wurde kontinuierlich mittels Aktigraphie überwacht. Die Regelmäßigkeit des Schlafzeitpunkts in den 30 Tagen vor der Operation wurde anhand des Mittelschlafzeitpunkts (Mittelpunkt zwischen Zubettgehzeit und Aufstehzeit) quantifiziert. Als sozialen Jetlag definierten die Studienautoren die absolute Differenz zwischen den Mittelschlafzeitpunkten an freien Tagen und Arbeitstagen. Die Variabilität des Mittelschlafzeitpunkts war die Standardabweichung der täglichen Mittelschlafzeiten. Auf den Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit kommt es an Zu den Endpunkten gehörten schwerwiegende unerwünschte Ereignisse innerhalb von 30 Tagen postoperativ, einschließlich stationärem Tod, verlängertem Aufenthalt auf der Intensivstation, Revision oder schweren Komplikationen. Die Autoren passten gemischte multivariable Modelle an und berücksichtigten dabei die Schlafdauer des Chirurgen, den Mittelschlafzeitpunkt, Alter, Geschlecht, beruflichen Status, Arbeitszeiten, Nachtschichten, den Patientenfallmix (d. h. ein zusammengesetzter Risikoscore, der Komorbiditäten der Patienten und Operationscharakteristika berücksichtigt) sowie den Zeitpunkt des Hautschnitts, mit einem zufälligen Effekt für die Chirurgen. Burnout erfasste das Autorenteam mittels „Maslach Burnout Inventory“. Unter 7117 Operationen (7117 Patienten; mittleres Alter 55,9±17,5 Jahre; 3877 Frauen [54,5 %]) durchgeführt von 38 Fachärzten (mittleres Alter zu Studienbeginn 46,1±8,5 Jahre; 30 Männer [79 %]) traten bei 1410 (19,8 %) der Operierten schwerwiegende unerwünschte Ereignisse auf. Ein sozialer Jetlag von mindestens zwei Stunden (342 Operationen [4,8 %]; 7 Chirurgen) war mit einem moderat erhöhten Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse assoziiert, im Vergleich zu weniger als einer Stunde (adjustiertes relatives Risiko [RR] 1,36; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,04–1,69) und ein bis zwei Stunden (RR 1,45; 95 %-KI 1,12–1,81). Allerdings konnten die Autoren für eine Variabilität des Mittelschlafzeitpunkts von 60 Minuten oder länger (864 Operationen [12,1 %]; 20 Chirurgen) keinen Zusammenhang mit ungünstigen Ergebnissen beobachten. Damit liegt nicht für jede Art der Schlafunregelmäßigkeit eine Assoziation vor. Chirurgen mit Burnout wiesen einen höheren medianen [IQR] sozialen Jetlag (75 [47–94] vs. 52 [38–61] Minuten; P = ,04) und eine höhere Variabilität des Mittelschlafzeitpunkts (54 [44–68] vs. 43 [36–48] Minuten; P = ,01) auf verglichen mit Chirurgen ohne Burnout. Grenzen der Untersuchung: Stichprobengröße und Störfaktoren Die Autoren der in „JAMA Surgery“ veröffentlichten Studie weisen auch auf die Grenzen ihrer Untersuchung hin. Die Stichprobe besteht aus einer begrenzten Anzahl an Chirurgen aus einer einzigen Region. Zudem war die Teilnahme freiwillig. Deshalb sei es möglich, dass sich die Studienteilnehmer von der allgemeinen Chirurgenpopulation unterscheiden, etwa in Schlafverhalten oder Arbeitsorganisation. Damit seien ihre Ergebnisse möglicherweise nicht generalisierbar, so die Autoren. Zudem handelt es sich um eine Beobachtungsstudie. Auch können Störfaktoren nicht ausgeschlossen werden – trotz der Tatsache, dass die Autoren ihre Daten für eine Reihe von Störgrößen adjustiert haben. Insgesamt stellte das Team um Pascal jedoch fest, dass von Chirurgen mit ausgeprägtem sozialem Jetlag operierte Patienten ein etwas höheres Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse hatten. Die Autoren heben hervor, dass diese Dimension der Schlafgesundheit anscheinend unabhängig von traditionellen Messgrößen wie etwa Schlafdauer, Schichtarbeit oder Arbeitszeiten mit Patientenergebnissen assoziiert ist. Der soziale Jetlag könnte also ein bislang unterschätzter Risikomarker für die Patientensicherheit sein. „Interventionen zur Förderung regelmäßiger Schlafzeiten und zur Reduktion zirkadianer Fehlanpassung könnten das Burnout von Chirurgen sowie die Patientensicherheit verbessern“, schlussfolgern die Autoren. (ja/BIERMANN) Mehr zum Thema Schlafbiologie und den Folgen für Jugendliche, wenn der frühe Schulstart nicht zum Teenager-Schlafrhythmus passt: https://biermann-medizin.de/spaeterer-schulstart-unterstuetzt-beim-lernen/
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