Diabetes: Früherkennung durch Risiko-Screening von Haushaltsmitgliedern?27. August 2025 Symbolbild ©MstTasmiya/stock.adobe.com Durch die Auswertung elektronischer Patientenakten kann laut einer neuen Studie das Diabetesrisiko bei Haushaltsmitgliedern von Erwachsenen mit Prädiabetes identifiziert werden. Die Methode könnte neue Möglichkeiten der Früherkennung bieten. Bisherige Studien deuten darauf hin, dass eine Diabetesdiagnose innerhalb einer Familie das Gesundheitsverhalten im entsprechenden Haushalt verbessern kann. Denn die Erkrankung schärft potenziell das Bewusstsein für Risikofaktoren wie Fettleibigkeit, Bluthochdruck und abnormale Blutfette. Ein Großteil dieser Studien konzentriert sich jedoch auf Ehepartner/Lebensgefährten und Personen mit voll ausgeprägtem Typ-2-Diabetes und schließt andere Haushaltsmitglieder, wie heranwachsende Kinder oder Personen mit hohem Diabetesrisiko, nicht ein. Im Voraus der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD), die vom 15. bis 19. September in Wien stattfindet, wurden die Ergebnisse einer neuen Studie bekannt gegeben, die nahelegen, dass eine Früherkennung von Personen mit Diabetesrisiko durch die Auswertung elektronischer Patientenakten ihrer Haushaltsmitglieder möglich ist. Erwachsene mit Prädiabetes als Indexkohorte Unter der Leitung von Dr. Tainayah Thomas von der Stanford University (USA) identifizierten die Autoren in ihrer Studie mitversicherte Haushaltsmitglieder im Alter von mindestens zehn Jahren von erwachsenen Patienten mit Prädiabetes und bewerteten ihre Diabetes-Risikofaktoren. Dazu nutzen sie elektronische Daten eines großen Gesundheitsversorgungssytems in Nordkalifornien. Prädiabetes ist ein Zustand, in dem eine Person ein abnormales Blutzuckerprofil aufweist und ohne Behandlung und/oder Lebensstilveränderung normalerweise zu einem ausgeprägten Diabetes fortschreiten würde. Die Indexkohorte von Erwachsenen mit Prädiabetes wurde im Jahr 2023 anhand der Nüchternplasmaglukose- (100 bis 125 mg/dl) oder HbA1c-Werte (5,7 bis 6,4 Prozent) ermittelt und umfasste 356.626 Erwachsene. Etwa die Hälfte von ihnen war weiblich und das Durchschnittsalter lag bei 51 Jahren. Eine Adipositas lag bei 59 Prozent der Indexkohorte vor. Übergewicht häufigster Risikofaktor Die Autoren identifizierten insgesamt 364.563 gemeinsam lebende Haushaltsmitglieder, darunter 238.247 Erwachsene (ab 18 Jahren) und 126.316 Kinder im Alter von 17 Jahren und jünger. Risikofaktoren für Diabetes* wurden bei 65 Prozent der Erwachsenen und 35 Prozent der Kinder festgestellt, wobei Übergewicht/Adipositas mit 55 Prozent der Erwachsenen und 34 Prozent der Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren der am häufigsten identifizierte Risikofaktor war. Die Blutwerte von rund 20 Prozent der erwachsenen Haushaltsmitglieder deuteten auf Prädiabetes hin, die Ergebnisse von 12 Prozent der Erwachsenen sogar auf Typ-2-Diabetes. Die Studie identifizierte damit fast 30.000 erwachsene Haushaltsmitglieder mit voll ausgeprägtem Typ-2-Diabetes. Allerdings ist unklar, ob bei ihnen bereits eine Diagnose vorlag. „Natürlich wird bei vielen dieser Menschen Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes bereits diagnostiziert worden sein. Aber eine beträchtliche Anzahl könnte sich ihrer Diagnose gar nicht bewusst sein und durch unsere Studie identifiziert werden“, erklärt Thomas. „Das ist eine enorme Anzahl von Menschen, bei denen sowohl Prädiabetes als auch Typ-2-Diabetes diagnostiziert wurden. Selbst wenn nur ein kleiner Teil dieser Menschen neu diagnostiziert würde, hätte dies erhebliche Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit.“ Früherkennung besonders im jungen Alter relevant Durch die Studie könnten demnach potenziell sowohl die Entwicklung von Typ-2-Diabetes bei der Indexperson gestoppt als auch das Risiko bei anderen Haushaltsmitgliedern frühzeitig erkannt werden. Angesichts der steigenden Diabetes-Inzidenz bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist vor allem letzteres von besonderer Bedeutung. Weniger als ein Prozent der ausgewählten Kinder wiesen Anzeichen von Typ-2-Diabetes auf. Das Ergebnis beruht allerdings auf Registerdaten, die möglicherweise weder Bluttestergebnisse noch formale Diagnose enthalten und das Kind nicht als Typ-1-Diabetes ausschließen. Da die Autoren für die Studie keine Laborergebnisse von Kindern analysierten, konnten sie auch keinen Prädiabetes feststellen. Dies ist jedoch für zukünftige Analysen geplant. Familien-orientierte Prävention „Bei Kindern, die an Übergewicht oder Adipositas leiden und Diabetes-Risikofaktoren aufweisen, aber noch nicht diagnostiziert wurden, könnten Eltern weitere Tests in Erwägung ziehen. Außerdem besteht sowohl für die Erwachsenen als auch ihre Kinder natürlich die Möglichkeit, den Lebensstil zu ändern und somit das Risiko für Stoffwechselkomplikationen zu reduzieren”, erläutert Thomas. „Unsere Studie zeigt, dass innerhalb von Haushalten ein gehäuftes Diabetesrisiko auftritt. Allerdings nehmen nur sehr wenige Studien und Präventionsprogramme ganze Haushalte und Familien auf, was eine verpasste Chance zur Diabetesprävention auf Bevölkerungsebene widerspiegelt”, fasst sie abschließend zusammen. Im nächsten Schritt wollen Thomas und ihr Team weitere Untersuchungen der Haushaltsmitglieder durchführen, unter anderem hinsichtlich der Nachsorge: die Diagnose von Diabetes oder anderen Erkrankungen, die Teilnahme an Lebensstilinterventionen und die Verschreibung von blutzuckersenkenden Medikamenten. (mkl/BIERMANN) *Für Erwachsene ab 18 Jahren wurden Diabetes-Risikofaktoren wie folgt definiert: BMI über 25 oder Schwangerschaftsdiabetes in der Vorgeschichte, Bluthochdruck, abnormale Blutfettwerte oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen; oder anstelle dieser Faktoren Prädiabetes basierend auf Laborwerten. Für Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren galten Übergewicht (alters- und geschlechtsspezifischer BMI in den oberen 15 Prozent) oder Adipositas (alters- und geschlechtsspezifischer BMI in den oberen 5 Prozent) als Diabetes-Risikofaktoren.
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