Die Vorbereitung auf den Ernstfall – eine „immense Herausforderung“

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Das Thema „Katastrophen, Krisen, Krieg“ (3K) ist inzwischen die neue Normalität, die auch auf O&U-Kongressen abgebildet wird. In Baden-Baden wurde ein Rückblick, Up-date und Ausblick zur zivil-militärischen Zusammenarbeit geboten.

Von Harald Raabe

Tägliche Schlagzeilen zu Kriegen oder den Konflikten in der Nato mit den USA machen es laut Oberfeldarzt Prof. Gerhard Achatz mehr als deutlich, dass die geopolitische Lage auch in Deutschland eine zivil-militärische Zusammenarbeit erfordert. „Unser Leben hat sich verändert, die Bedrohung steigt spürbar für jeden“, konstatierte der Leiter der Orthopädie und Unfallchirurgie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm auf dem VSOU-Kongress 2026. „Wo die Reise hingeht, ist unbekannt“, so Achatz, aber die Herausforderungen darauf vorbereitet zu sein, seien „immens“.

In den vergangenen Jahren konnte man es beobachten, Ärzte in Uniform wurden auch auf Kongressen von O&U immer präsenter. Sie sind dort laut Achatz nicht nur keine Besonderheit mehr, sondern auch Abbild einer zunehmenden zivil-militärischen Zusammenarbeit.

Was bedeutet zivil-militärische Zusammenarbeit im Ernstfall?

Doch was bedeutet es vor den Ernstfall vorbereitet zu sein? Für den Sanitätsdienst der Bundeswehr gelte es im Fall des Falles einen Spagat zu bewältigen: im Grundbetrieb die medizinische Versorgung und Einsatzbereitschaft der Truppe zu garantieren und bei der Landesverteidigung oder im Bündnisfall verwundetet Soldaten zu versorgen, rehabilitieren und einen „Return-to-duty“ zu ermöglichen. Letzteres ist laut Achatz aber nur möglich, wenn die zivil-militärische Zusammenarbeit funktioniert. Denn im Ernstfall befinde sich der Sanitätsdienst an der Ostfront und nicht in den fünf Bundeswehrkrankenhäusern in Deutschland. „Das heißt, die Verletzten, die nach Deutschland verlegt werden, müssen in zivilen Einrichtungen versorgt werden.“

Verletztenversorgung bei immer brutalerer Kriegsführung

Aus den Erfahrungen mit der perfiden Kriegsführung in der Ukraine wisse man, dass Verletzungen durch Kriege nicht nur mehr, sondern immer heftiger werden. „Die Genauigkeit von Drohneneinsätzen die Brutalität, alles hat sich verschärft.“ Habe man zuvor im Afghanistaneinsatz maximal drei bis vier bereits top-versorgte Soldaten in Deutschland weiterversorgt, würde dies bei einem Kriegsszenario mit Russland mit täglich prognostizierten 1000 Verletzten, die nach Deutschland transportiert würden, auf eine Struktur treffen, die zwischen Bund- und Länderzuständigkeiten zerfasert ist. Deshalb habe man Deutschland zunächst einmal in vier Versorgungs-Cluster oder „Hubs“ Nord, Süd, Ost und West aufgeteilt. Neben den rund 1800 Betten in den fünf Bundeswehrkrankenhäusern sowie den Betten der neun BG-Kliniken sei man in den Hubs auf zusätzlich 14.000 bis 15.000 Zivilbetten angewiesen.

Verletztentransport auf zivile Kooperation angewiesen

Ein erhebliches Problem ist Achatz zufolge der Verletztentransport. Denn Sanitätsfahrzeuge befinden sich im Ernstfall an der Front. „Das muss zivil organisiert werden und wir haben deshalb auch schon Kooperationen mit Hilfsorganisationen wie den Johannitern beschlossen, um die große Zahl an Patienten dann vor allem auch innerhalb Deutschlands zu verteilen“, erläuterte er. Darin sei zum Beispiel geregelt, dass 100 Transportwagen mit einer personellen und materiellen Ausstattung für 90 Tage bereitgestellt werden können. Auch denkbar sei es, andere Transportmittel wie Züge oder Schiffe einzubinden. „Wir brauchen also Menschen in der Zivilgesellschaft, die bereit sind, uns zu begleiten und mit uns zusammenzuarbeiten“, so Achatz. Die Reserve der Bundeswehr, aber auch von Zivilisten, „die immer wieder bereit sind, eine Uniform anzuziehen“, wird dabei eine entscheidende Rolle spielen. Vorhandene Strukturen, wie das Traumanetzwerk DGU müssen konsequent eingebunden, ertüchtigt und beübt werden“, forderte Achatz weiter. Dazu gehöre aber auch eine geregelte Finanzierung.

Traumanetzwerke müssen politisch verankert werden

Dem pflichtete der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), Prof. Sasche Flohé, zu. Auch die DGU müsse dabei ihre Rolle finden. Mit dem Weißbuch der Schwerstverletzen-Versorgung habe man zwar ein Konzept für die Versorgung bei einem Massenanfall von Verletzten vorgelegt, dies betreffe aber eher Regionen und Einzelfälle. Bei einem Bündnisfall sei jedoch das TraumaNetzwerk DGU essenziell. Doch bisher seien die Traumanetzwerke eher ein O&U-Hobby, „sie müssen aber in der zivil-militärischen Gesellschaft auch politisch verankert werden“, forderte er. Das sei Aufgabe der Fachgesellschaft, des Sanitätsdienstes sowie der Bundes- und vor allem auch der Landespolitik. Letztere erschwere jedoch den Prozess, da mit 16 Landesregierungen verhandelt werden müsse.

Traumanetzwerke 3K-tauglich machen

Insgesamt gebe es immer noch kein richtiges Konzept dafür, die Traumanetzwerke „richtig 3K-tauglich zu machen“, gestand Flohé ein. Dabei ist über die Zeit auch einiges entstanden, wie er berichtete: So ist 2013 die AG „Einsatz-, Katastrophen- und Taktische Chirurgie (EKTC) gegründet worden, die seit 2022 eine eigene Sektion innerhalb der DGU ist. Auch Notfallkonferenzen existieren seit 2016 und werden immer wichtiger. Dies zeigt sich dem DGU-Generalsekretär zufolge daran, dass sich dort auch immer mehr Politiker blicken lassen.

Weißbuch der traumatologischen Versorgung in Katastrophe, Krise, Krieg in Arbeit

„Seit 2017 ist dann richtig viel passiert“, so Flohé weiter. Es wurde eine offizielle Kooperationsvereinbarung zwischen Fachgesellschaft und der Bundeswehr unterschrieben und eine langfristige Strategie zur gemeinsamen Weiterbildung entwickelt. TDSC(Terror and Desaster Surgical Care)-Kurse wurden implementiert. Für dieses Jahr sind laut Flohé mehr als 20 geplant und inzwischen ließen sich darin ganze Netzwerke ausbilden, berichtete er. Außerdem stellte Flohé das erste Mal das Weißbuch der traumatologischen Versorgung in Katastrophe, Krise, Krieg (3K) vor. Dieses werde gerade erst gedruckt und am Montag nach dem VSOU-Kongress dem Sanitätsdienst der Bundeswehr vorgestellt. Inhalt seien konkrete Verbesserungen mit klaren Rollen und Zuständigkeiten, einer optimierten Kommunikationsstruktur und der Vorbereitung auf Ressourcenengpässe.

Gemeinsame DNA: Sanitätsdienst und BG-Kliniken

Auch die BG-Kliniken spielen im Ernstfall mit ihren 5330 Betten eine entscheidende Rolle. Darüber berichtete der Direktor der Klinik für Rehabilitation am BG-Unfallklinikum in Frankfurt, Dr. Christoph Reimertz. Alle neun BG-Kliniken sind überregionale Traumazentren und pflegten seit einem „Letter of intent“ von 2019 schon sieben Jahre eine sehr enge und breit aufgestellte Kooperation mit dem Sanitätsdienst, betonte er. „Denn wir verstehen uns eben auch beide als Krankenhaussysteme, die im Auftrag des Bundes handeln. Wir decken Prävention, medizinische Behandlung, Rehabilitation, Reintegration und Entschädigung ab. Wir nennen das die gemeinsame DNA“, so Reimertz.

Die Kooperation der BG-Kliniken mit dem Sanitätsdienst erfolgt in sechs Arbeitsgruppen sowie einen ein- bis zweimal im Jahr tagenden Lenkungsausschuss. Laut Reimertz sind die Bundeswehrkrankenhäuser schon einigen BG-Kliniken zugeordnet, etwa das Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz der BG-Unfallklinik Frankfurt und BG-Klinik Ludwigshafen. Die übergeordnete Struktur sind die von der Bundeswehr eingeteilten vier Hubs in Deutschland.

Wesentliche Fragen im Hinblick auf einen möglichen Bündnisfall sind laut Reimertz: „Wie viele Reservisten arbeiten in den Krankenhäusern? Welche anderen Assignationen hat das Personal an dieser Stelle auch noch? Bei welcher Freiwilligen Feuerwehr sind die Mitarbeiter beschäftigt? Wie viele sind beim THW und vor allen Dingen auch wer? Für diesen Teil der zivil-militärischen Zusammenarbeit habe man der Bundesregierung zusammen mit den Universitätskliniken angeboten, die Koordinierung zu übernehmen.

Große Versorgungslücke: Traumarehabilitation

Derzeit liefen in regionalen Kooperationen bereits mehr als 40 unterschiedliche Projekte, etwa im Bereich der Forschung oder aber der Rehabilitation. „Ich muss es aber deutlich sagen, derzeit existiert keine Struktur für Traumarehabilitation beim Sanitätsdienst, schlimmer noch, im Grunde ist sie in ganz Deutschland nicht abgebildet“, berichtete er. „Wir haben 1079 Rehakliniken in Deutschland, die allermeisten sind aber ausgelegt auf die Indikationen Hüft- und Knieprothese, Rückenschmerzen und Psyche.“

Die Traumarehabilitation finde außerhalb des SGB 7 nicht statt, was am Übergang des Kostenträgers von der Kranken- zur Rentenversicherung liege, erläuterte Reimertz. Letztere sehe sich erst zuständig, wenn der Patient Reha-fähig ist, also in der Lage sein muss, sich selbst anziehen und zu waschen, auf Stationsebene frei zu bewegen und keine komplizierte Keimbesiedlung mitzubringen. „Auf die allermeisten Kriegsverletzten trifft dies nicht zu.“

Dem Traumaregister zufolge bleibt im Frieden ein polytraumatisierter Patient ungefähr 15 Tage im Krankenhaus. Bei den erwarteten 1000 Patienten pro Tag, 15 Tage, ergibt das im Kriegsfall einen Bettenbedarf von 15.000. „Rehabilitation ist jedoch langwieriger und dauert bei schweren Verletzungen deutlich länger. Derzeit haben wir aber nur rund 10.000 Rehabilitationsbetten und keine existente Traumarehabilitation. Das muss erst noch in Deutschland aufgebaut werden“, konstatierte der Klinikdirektor des Unfallklinikums Frankfurt. Außerdem stelle sich die Frage, was mit den Soldaten nach beendeter Reha passiere: „Können sie zurück in den Dienst, möglicherweise in anderer Rolle?“

Talente finden und Personal weiterbilden

Gemeinsam arbeiten Sanitätsdienst und BG-Klinken derzeit zudem an einem System der Talentförderung. So sollen etwa Führungskräfte detektiert werden, die gerade im Sanitätsdienst vonnöten sind. Ein reger Personalaustausch zwischen den Krankenhäusern sowie gemeinsame Fort- und Weiterbildungen finden bereits statt. Der Sanitätsdienst profitiert dabei etwa von der traumatologischen Expertise der BG-Kliniken, während dieser wiederum Wissen zu Stich- Schuss- oder Explosionsverletzungen einbringt. Beim Szenario von täglich 1000 Personen mit solchen Veletzungen sei man auf weitere Partner angewiesen. Hierfür steht Reimertz zufolge das „Konzept 5 + 9 + 37 + X“ (fünf Bundeswehrkrankenhäuser, neun BG-Kliniken 36 Universitätskliniken + X) mit einem Verteilmechanismus von oben nach unten, je nach Schwere der zu versorgenden Verletzungen.

Schon jetzt müsse man anfangen, das Klinikpersonal auf diese speziellen Verwundungen, etwa thermoplastische- oder infizierte Hautweichteilverletzungen, zu schulen. Es gelte dabei deren Resilienz zu stärken und Personalreserven aufzubauen.

Daneben gelte es, natürlich auch die Sachbedarfe zu ermitteln. „Antibiotika oder Fixateure sind im Ernstfall nicht ohne Weiteres für den Bedarf zu beschaffen.“ Als dritten wichtigen Punkt nannte Reimertz die Härtung der Infrastruktur.

Regionales Konzept vorerst auf Eis gelegt

Wie zivil-militärische Zusammenarbeit funktionieren kann beziehungsweise soll wurde 2024 in einem regionalen Konzept zwischen dem Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz und der BG-Klinik in Frankfurt exemplarisch erarbeitet. „Wir haben versucht, uns an dieser Stelle ehrlich zu machen, wie viele schwerverletzte Patienten können wir denn wirklich pro Tag versorgen, wenn jeden Tag neue Patienten kommen? Wie lange reicht das Personal? Wie lange reicht das Material, welche Engpässe werden sich aufzeigen?“, berichtete Reimertz. Das Konzept sei jedoch zunächst nicht weiterverfolgt worden, weil zunächst das Gesamtkonzept „5 + 9 + 37 + X“ (fünf Bundeswehrkrankenhäuser, neun BG-Kliniken 36 Universitätskliniken + X) regional umgelegt werden müsse, was bedeutet: „Jedes Bundesland und jede Region muss definieren, welche Kliniken wie an dem System sinnvollerweise teilhaben – und zwar nicht nur im Akut-, sondern auch im Reha-Bereich“, erläuterte Reimertz.

Mehr Netzwerkarbeit erforderlich

Ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Versorgung im Kriegsfall ist laut Reimertz, dass man sich gegenseitig und die Ressourcen des Partners kennt, dass man weiß, mit wem man es in einem solchen Fall zu tun hat, und wie verlässlich die Mitarbeitenden sind. „Wir müssen uns an dieser Stelle selbst vernetzen und persönliche Kontakte aufbauen, das braucht keinen politischen Auftrag. Im Ernstfall geht es darum, dass man einfach zum Hörer greifen kann mit den Fragen: Wie sieht es bei euch aus? Kannst Du uns helfen?“, so Reimertz.