DKOU 2026 – Kongresspräsidenten im Interview: „Versorgung vom Patienten aus denken“

Die DKOU-Kongresspräsidenten Frank Hildebrand, Wolfgang Böker und Jörn Dohle. Foto: Tobias Tanzyna/Intercongress GmbH

Im Interview sprechen die drei Präsidenten des DKOU 2026 über Gesundheitspolitik, Herausforderungen für O & U und Programm-Highlights

Ob Spar- und Reformzwang, Krisenvorsorge oder demografischer Wandel – das Gesundheitssystem und das Fach Orthopädie und Unfallchirurgie stehen vor Herausforderungen. Im Interview sprechen die Präsidenten des diesjährigen DKOU Prof. Frank Hildebrand, Dr. Jörn Dohle und Dr. Wolfgang Böker darüber, wie und wo das Fach – ganz nach dem diesjährigen Kongress-Motto – „Neue Wege gehen“ kann, sowie über Schwerpunkthemen und Programm-Highlights des DKOU 2026.

Hildebrand: Mich treibt die Frage um, wie wir die medizinische Versorgung im Falle von Katastrophen, Krisen und Krieg organisieren. Solche 3K-Szena­rien verlangen ein Gesundheitswesen, das auch längerfristig über die Standardversorgung hinaus belastbar bleibt. Wir müssen Konzepte etablieren, die Krisenversorgung, personelle und materielle Ressourcen sowie Führungsstrukturen klar regeln. Das 3K-Konzept­papier der Deutschen Gesellschaft für Unfall­chirurgie zeigt, wie bewährte Strukturen des TraumaNetzwerks DGU® im Ernstfall bei der Verteilung Verletzter und Verwundeter genutzt werden können. Dass der Sanitätsdienst der Bundeswehr und verschiedene Fach­gesellschaften dieses Konzept unterstützen, ist ein wichtiges Signal.

Dohle: Für mich heißt „Neue Wege gehen“, Fort- und Weiterbildung unter veränderten Rahmenbedingungen neu zu gestalten. Orthopädie und Unfallchirurgie haben eine enorme Breite – von hochspezialisierten Themen wie Fuß- und Sprunggelenkchirurgie bis zu konservativer Medizin, Operation, Rehabilitation und Forschung. Der DKOU ist dafür ein „Markt der Möglichkeiten“: Er bringt fachspezifische Inhalte, interdisziplinäre Impulse und den Blick über den Tellerrand zusammen. Neue Wege brauchen wir vor allem dort, wo Versorgung zunehmend ambulant stattfindet. Dann müssen auch Weiterbildung, Qualitätskontrolle und wissenschaftliche Evaluation sektorübergreifend gedacht werden.

Böker: Für mich bedeutet „Neue Wege gehen“, die Grenzen zwischen den Versorgungssektoren stärker zu überwinden. Als niedergelassener Orthopäde erlebe ich täglich, dass gute Patien­tenversorgung nicht an der Sektorengrenze enden darf. Ambulante und stationäre Versorgung, konservative und operative Orthopädie müssen enger verzahnt werden. Wir sollten vorhandene Expertise besser ver­netzen, statt neue Strukturen neben bestehenden zu schaffen. Das hilft Patientinnen und Patienten und nutzt knappe Ressourcen sinnvoller.

Hildebrand: In Nordrhein-Westfalen ist die Krankenhausreform bereits in Kraft getreten. Mit den Leistungsgruppen können einige Krankenhäuser seit Anfang 2026 bestimmte Eingriffe, etwa in der Primär- oder Revisions­endoprothetik, nicht mehr durchführen. Dadurch werden Patientenströme umgeleitet. Das hat aber auch Folgen für die Weiterbildung, wenn Assistenzärztinnen und Assistenzärzte ihre Ausbildung nicht mehr vollständig an einer Weiterbildungsstätte absolvieren können. Hinzu kommen Ambulantisierung und Hybrid-DRGs. Gerade Groß­kliniken sind strukturell oft nicht ideal auf ambulante Abläufe eingestellt. Wir brauchen deshalb Krankenhaus-interne Lösungen und sektorenübergreifende Kooperationen, um ­Versorgung und Weiterbildung sicherzustellen.

Dohle: Die Reformdebatten zeigen, dass Versorgung, Weiterbildung und Personalbedarf stärker zusammen­gedacht werden müssen. Die Alterung der Gesellschaft erhöht den Versorgungs­bedarf, während viele Beschäftigte in Ruhestand gehen und der Mangel an Pflegekräften und ärzt­lichem Nachwuchs zunimmt. Ambulantisierung ist deshalb dringend geboten, darf aber nicht allein als Sparinstrument verstanden werden. Wenn Leistungen verlagert werden, müssen Strukturen, Finanzierung, Weiterbildung und Qualitäts­kontrolle mitwandern. Der Gesundheitsminister sollte zuerst dafür sorgen, dass Reformen keine neuen Brüche zwischen ambulant und stationär erzeugen, sondern echte sektorenübergreifende Behandlungspfade ermöglichen.

Böker: Die Reformen spüren wir bereits deutlich. Die Gefahr besteht, dass bei notwendigen Strukturreformen die ambulante Versorgung zu wenig berücksichtigt wird. Niedergelassene Orthopädinnen und Orthopäden übernehmen einen erheblichen Teil der Versorgung – von Diagnostik und konservativer Therapie bis zur Nachbehandlung nach Operationen. Wird Ambulantisierung politisch gewollt, müssen ambulante Strukturen personell, räumlich und finanziell gestärkt werden. Leistungen lassen sich nicht einfach aus dem Krankenhaus ver­lagern, ohne die Voraussetzungen in der Praxis zu schaffen. Mein Wunsch an den Gesundheitsminister: Versorgung vom Patienten aus denken und Sektorengrenzen überwinden.

Dohle: Ambulantisierung ist notwendig, darf aber nicht nur eine Verlagerung von Leistungen sein. Wenn Behandlung ambulant erfolgt, müssen auch Behandlungspfade, Qualitäts­sicherung und Weiterbildung ambulant mitgedacht werden. Traditionell haben wir Aus- und Weiterbildung stark dem stationären Sektor über­lassen. Künftig brauchen wir eine deutlich bessere Verzahnung. Ein Primärarztsystem kann Wege strukturieren, löst die Probleme aber nicht allein. Entscheidend ist, dass Patientinnen und Patienten früh in den passenden Behandlungspfad gelangen und sektor­übergreifend beurteilt wird, welche Versorgung medizinisch sinnvoll ist.

Böker: Ich sehe die Ambulantisierung grundsätzlich positiv. Viele Behandlungen können heute ambulant sicher und patientenorientiert durchgeführt werden. Sie funktioniert aber nur, wenn ambulante Strukturen gezielt gestärkt und Patientinnen und Patienten sinnvoll gesteuert werden. Ein reines Primärarztsystem halte ich nicht für die alleinige Lösung. Gerade bei Beschwerden des Bewegungsapparats ist es häufig sinnvoll, dass Betroffene direkt eine fachorthopädische Einschätzung erhalten. Wir brauchen qualifizierte Patientensteuerung statt zusätzlicher Zugangshürden. Entscheidend ist, dass der Patient oder die Patientin möglichst schnell beim richtigen Ansprechpartner landet.

Dohle: Die größte Herausforderung ist der Nachwuchsmangel. Medizin bleibt personalintensiv; Technik und Digitalisierung können Prozesse unterstützen, aber das persönliche Gespräch, die operative Verantwortung und die Begleitung von Patientinnen und Patien­ten nicht ersetzen. O & U ist ein attraktives Fach, weil es manuelle Tätigkeit, wissenschaftliche Reflexion und unmittelbare Wirkung für Betroffene verbindet. Gerade diese Mischung sollten wir dem Nachwuchs sichtbarer vermitteln. Entscheidend ist, Weiter­bildung verlässlich gut neu zu strukturieren und mit veränderten Erwartungen an Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben in Einklang zu bringen. Dazu gehören auch neue Formate auf dem DKOU, etwa Instructional Course Lectures und Angebote speziell für Kolleginnen und Kollegen in Weiterbildung.

Böker: Die Weiterbildung muss sich an der zukünftigen Versorgung orientieren. Wenn mehr Leistungen ambulant erbracht werden, muss auch ein größerer Teil der Weiterbildung ambulant stattfinden können. Niedergelassene Kolleginnen und Kollegen verfügen über große Erfahrung in konservativer Behandlung, Diagnostik, ambulanter Operation und langfristiger Begleitung. Dieses Wissen sollte stärker einbezogen werden. Ich wünsche mir eine Weiterbildung, die Klinik und Praxis verbindet. Gerade konservative Orthopädie, Rheumatologie und ambulante operative Versorgung lassen sich in der Praxis sehr gut ver­mitteln.

Böker: In der Rheumatologie haben zielgerichtete Therapien, insbesondere Biologika und andere moderne Medikamente, die Behandlungsmöglichkeiten deutlich erweitert. Entscheidend ist heute, entzündlich-rheumatische Erkrankungen früh zu erkennen und konsequent nach dem Treat-to-Target-Prinzip zu behandeln. Orthopädisch wichtig ist, Rheuma nicht nur als Gelenkerkrankung zu sehen. Es betrifft den ganzen Menschen und kann langfristig erhebliche struktu­relle Schäden verursachen. Die orthopädische Rheumatologie verbindet Diagnostik, konservative Therapie, medikamentöse Ansätze, operative Behandlung und Rehabilitation. Das Problem ist weniger die Medizin als die Versorgungsstruktur: Wir haben zu wenige rheumatologisch qualifizierte Ärztinnen und Ärzte. Darum müssen internis­tische und orthopädische Rheumatologie enger zusammenarbeiten.

Hildebrand: Beim Thema 3K sind wir in mehreren Bereichen vorangekommen. Das Konzeptpapier 3K der DGU beschreibt, wie die Versorgung im Ernstfall über bestehende TraumaNetzwerke DGU® koordiniert werden kann. Wichtig ist, keine neuen Parallelstrukturen aufzubauen, sondern bewährte Strukturen krisenfest zu machen. Die Versorgung ukrainischer Kriegsverletzter zeigt zudem, auf welche Verletzungsmuster wir vorbereitet sein müssen: ­knöcherne Verletzungen sind bei diesen Patienten häufig mit großen Weichteildefekten verbunden und erfordern die Zusammenarbeit mit der Plastischen Chirurgie. Deshalb wurden innerhalb des TraumaNetzwerks DGU orthoplas­tische Kompetenzzentren etabliert. Für Verbrennungsverletzungen sind ähnliche Strukturen in Vorbereitung. ­Verbindliche Regelungen zu Personalqualifikation, Übungen, Materialvorhaltung, Führungsstrukturen und Finanzierung sind mit der Politik noch zu vereinbaren. 3K-Situationen lassen sich zudem nur zivil-militärisch und sektorenübergreifend bewältigen.

Hildebrand: Europäische Zusammen­arbeit ist in 3K-Szenarien unverzichtbar. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr führt mit NATO-Partnern und zivilen Organisationseinheiten internationale Übungen durch, um Zusammenarbeit zu ­trainieren. Auch auf Fachgesellschaftsebene wird der Austausch gesucht. Die European ­Society of Trauma and Emergency Surgery, in der die DGU institutionelles Mitglied ist, arbeitet in der Sektion „Military & Disaster Surgery“ an einem europäischen Konzeptpapier für Kriegs- und Katastrophenszenarien. Auch beim European Congress of ­Trauma and Emergency Surgery 2025 in Aachen wurde dieses Thema euro­päisch diskutiert. Die Gastländer des DKOU 2026 Nieder­lande und Polen sind in solche Aktivitäten eingebunden, wurden aber nicht wegen einer besonderen 3K-Rolle ausgewählt.

Hildebrand: Hitzeschutz wird im Klinik­alltag zunehmend relevant. Viele Kliniken haben insbesondere auf Normal­stationen keine Klimaanlage; hohe Temperaturen belasten Patientinnen und Patienten zusätzlich zu ihrer Erkrankung. Im chirurgischen Bereich ist starkes Schwitzen auch deshalb ungünstig, weil es die Wundheilung beeinträchtigen kann. Einige Kliniken erstellen bereits Heat-Maps, um heiße und kühlere Zonen im Gebäude zu identifizieren und Erholungsbereiche für Patientinnen, Patienten und Mit­arbeitende zu finden. Langfristig reicht das nicht aus. Angesichts häufiger Extrem­wetterereignisse brauchen wir klimaresiliente Sanierungen medizinischer Einrichtungen, damit Versorgung auch in Hitzekrisen gewährleistet bleibt.

Dohle: Hitzeschutz ist aus meiner Sicht eine Frage der Leistungsfähigkeit des gesamten Gesundheitssystems. Wenn wir ganzjährig vollumfänglich versorgen wollen, müssen alle Einrichtungen der Gesundheitsversorgung entsprechend vorbereitet sein. Dabei geht es nicht nur um bauliche oder tech­nische Maßnahmen, sondern auch um Arbeitsbedingungen, Personalplanung und verlässliche Abläufe. Gerade in einem personalintensiven Fach wie O & U kann Hitze die ohnehin knappen Ressourcen zusätzlich belasten. Hitzeschutz ist deshalb Teil moderner Resilienzplanung – und damit auch ein Faktor für die Attraktivität des Arbeitsplatzes Medizin.

Böker: Auch in der Praxis werden Extrem­temperaturen zunehmend zum organisatorischen Thema. Ältere, chronisch Kranke und in ihrer Mobilität eingeschränkte Patientinnen und Patienten reagieren besonders empfindlich auf große Hitze. Für mich gehört Hitzeschutz deshalb zu einem breiteren Verständnis von Resilienz. Ambulante Strukturen müssen auch unter schwierigen äußeren Bedingungen funktionieren: mit geeigneten Räumen, digitaler Infrastruktur und ausreichend Personal. Von der Politik wünsche ich mir, dass Resilienz nicht nur für Krankenhäuser gedacht wird. Auch Arztpraxen sind Teil der kritischen Versorgungsinfrastruktur.

Hildebrand: Roboterassistierte Opera­tionen und Echtzeitnavigation halten zunehmend Einzug in den OP-Saal. KI-gestützte Arztbriefe, digitale OP-Planung und Telemedizin können die Arbeit abseits der Operation unterstützen und die Zusammenarbeit ­zwischen Kliniken und Praxen erleichtern. Digitale Gesundheitsanwendungen können Patientinnen und Patienten in der Nachbehandlung begleiten. Der Arbeitsalltag digitalisiert sich also, allerdings könnte dies schneller geschehen. Digitalisierung kann helfen, dem Fachkräftemangel zu begegnen, wenn sie Prozesse vereinfacht und Zusammenarbeit erleichtert.

Dohle: Digitale Tools und KI können dort unterstützen, wo sie ärztliche Entscheidungen vorbereiten, Qualität sichtbar und Behandlungspfade nachvollziehbar machen. Bei der Auswahl eines Operationsverfahrens kann ein multi­dimensionales Assessment differenzierter sein als eine reine Anam­nese. Ebenso wichtig ist die Qualitätskontrolle nach operativen Eingriffen. Digitale Anwendungen können Daten erfassen, die später wissenschaftlich ausgewertet werden – unabhängig davon, ob eine Behandlung stationär oder ambulant erfolgt. Voraussetzung ist eine sektor­übergreifende Evaluation des gesamten Behandlungspfades.

Böker: Digitalisierung ist in der Praxis selbstverständlich geworden, aber nicht immer mit dem erhofften Effi­zienzgewinn. Elektronische Patientenakten, digitale Kommunikation und KI-Anwendungen sind vorhanden, zugleich bleibt der Bürokratieaufwand hoch. Digitalisierung muss Ärztinnen und Ärzte entlasten. Wenn Befunde, Röntgenbilder oder Arztbriefe sektorenübergreifend verfügbar wären, wäre das ein großer Fortschritt. KI kann Dokumentation, Befundaufbereitung und Diagnostik unterstützen; die medizinische Verantwortung bleibt ärztlich.

Hildebrand: Der DKOU 2026 bietet viele Highlights. Besonders interessant sind für mich die Sitzungen zur zivil-militärischen Zusammenarbeit mit hochrangigen Vertretern des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Außerdem freue ich mich auf die Kooperationssitzung der AG Lehre mit den Gastländern Polen und Niederlande zur Weiterbildung in den drei Ländern und auf neue For­mate wie das „Albtrauma“ des Jungen Forums. Meine Einladung: Besuchen Sie den DKOU 2026 und erleben Sie die Vielfalt des größten europäischen O & U-Kongresses selbst.

Dohle: Der Kongress ist ein „Markt der Möglichkeiten“ – mit fachspezifischen Themen, Blick über den Tellerrand und Angeboten für alle Erfahrungsstufen. Besonders wichtig sind mir neue Formate für Kolleginnen und Kollegen in Weiterbildung, darunter Instructional Course Lectures, praxisnahe Sitzungen und Diskussions­formate. Sie sollen den Kongress für den Nachwuchs attraktiver machen und den Transfer in den Alltag erleichtern. Inhaltlich interessiert mich, wie O&U 2030 aussehen muss: mit souveränem Wissensmanagement, trainierten manuellen Fertigkeiten, Teamfähigkeit und psychologischer Kompetenz in der Begleitung von Menschen in Krisensituationen. Ich wünsche mir, dass Teilnehmende inspiriert nach Hause gehen – mit Wissen, Begeisterung und neuem Elan für Patientenversorgung, Forschung und Weiterbildung.

Böker: Mein persönliches Highlight ist die thematische Breite des DKOU 2026. Wir wollen zeigen, dass Orthopädie und Unfallchirurgie weit mehr sind als operative Medizin: konservative Orthopädie, Rheumatologie, Rehabilitation, Digitalisierung und sektorenübergreifende Versorgung gehören ebenso dazu. In der President’s Session möchte ich die Frage auf­greifen, wie wir die Versorgung der Zukunft gemeinsam gestalten. Klinik und Praxis dürfen dabei nicht als Gegenspieler verstanden werden. Neue Wege gehen heißt für mich: vorhandene Kompetenzen besser zusammenbringen und Versorgung konsequent aus Patientensicht organisieren.