DOC-Lecture 2024: Eine Zeitreise durch die Erforschung der Restitution verlorener Sehkraft25. Juni 2024 Karl-Ulrich Bartz-Schmidt wurde von der DOC mit der DOC-Lecture 2024 geehrt. Laudatorin Susanne Binder überreichte die zugehörige Auszeichnung. Foto: Schulz/Biermann Medizin Zu einer Zeitreise hatte die DOC-Lecture 2024 eingeladen. Insgesamt 30 Jahre durchstreifte Prof. Karl-Ulrich Bartz-Schmidt (Tübingen) in seiner Ehrenlecture: von 1995 bis heute … und darüber hinaus. Sein Thema war die Wiederherstellung brauchbarer Wahrnehmung mittels Netzhautprothesen, und hier insbesondere mithilfe des einst von Prof. Eberhart Zrenner initiierten subretinalen Implantates. Ausgangspunkt der Zeitreise war die Überlegung, wie man an Retinitis pigmentosa erkrankten Menschen – circa zwei Millionen weltweit – unter Verwendung von elektronischen Netzhaut-Implantaten zur Wiedererlangung nutzbarer Seheindrücke verhelfen könnte. Das Jahr 1995 markierte den Beginn mit dem Aufsetzen von Machbarkeitsstudien in Köln und Tübingen. Bartz-Schmidt, heute Ärztlicher Direktor des Departments für Augenheilkunde der Universitäts-Augenklinik Tübingen, arbeitete damals noch an der Kölner Universitäts-Augenklinik und erinnerte an seine dortigen ersten Schritte auf dem Gebiet der Netzhautprothetik mit Prof. Peter Walter (heute Direktor der Universitäts-Augenklinik Aachen) und Prof. Klaus Heimann (gest. 1999), damals Direktor der Klinik für Netzhaut- und Glaskörperchirurgie im Zentrum für Augenheilkunde der Universität zu Köln. Der von Bartz-Schmidt später in Tübingen miterforschte Ansatz des subretinalen Netzhaut-Implantates konnte nach fünfjähriger Testung im Tierversuch 2005 seine Funktion belegen und so erfolgte noch Ende desselben Jahres die Implantation (Gabel V-P, Sachs H) beim ersten Patienten. Ein OP-Video zeigte eindrücklich, wie hochkompliziert das chirurgische Vorgehen war – ein Eingriff, der insgesamt etwa einen ganzen Tag beanspruchte, berichtete Bartz-Schmidt. Konnte der erste Patient der Phase-I-Studie nur Lokalisationen wahrnehmen, so war der letzte in der Lage, (sehr große) Buchstaben zu erkennen und seinen eigenen Namen zu lesen. Dieser Erfolg öffnete den Weg zur Weiterführung des Projektes im Rahmen einer Phase-II-Studie. Diese untersuchte die optimale Platzierung des Implantates und widmete sich auch technischen Problemen wie der Haltbarkeit der Kabel oder der Lebensdauer und Weiterentwicklung des Chips. Insgesamt, so resümierte Bartz-Schmidt, wurden 56 Patienten mit subretinalen Implantaten versorgt. Die Weiterentwicklung des Produktes habe sich zwar als zuverlässig erwiesen, die OP-Zeit habe auf rund acht Stunden verkürzt werden können und das System habe den Vorteil gehabt, ohne externe Kamera (vgl. epiretinales Implantat) zu funktionieren, aber: „Die Erwartungen waren höher.“ Vereinfacht gesagt, sei es den Patienten nicht nur darum gegangen, wo etwas und wie viel zu erkennen sei, sondern vor allem darum, was zu erkennen sei. Der Mehrwert der wiedergewonnenen Seheindrücke sei daher nicht so groß gewesen, als dass das System erfolgreich hätte vermarktet werden können. Auch der epiretinale und weitere Ansätze der Netzhaut-Prothetik seien letztlich nicht weiterverfolgt worden, berichtete Bartz-Schmidt. Die Nutzung von Netzhauthaut-Chips war damit jedoch nicht beendet. Als ein Folge-Beispiel der Implantat-Anwendung nannte Bartz-Schmidt das System von Pixium/Science für Patienten mit Geographischer Atrophie bei Altersbedingter Makuladegeneration. Bei hereditären Netzhauterkrankungen geht die Forschung mittlerweile einen neuen Weg zur Wiederherstellung von Sehvermögen: die Genersatztherapie. Erreichbare Erfolge dokumentierte ein kurzes Video, das Probanden bei der Bewältigung eines Test-Parcours zeigte. Als Ausblick auf mögliche künftige Hilfen für Sehbehinderte und Blinde verwies Bartz-Schmidt auf das KI-Forschungsprojekt Seeing AI von Microsoft: Die Smartphone-Kamera wird hierbei nicht nur genutzt, um Aufnahmen zu machen, sondern mithilfe einer ergänzenden App kann das Handy Texte vorlesen, Gegenstände und Personen erkennen. So wird Blinden die Welt, die sie umgibt, gewissermaßen „erzählt“. Solche KI-gestützten Systeme könnten womöglich die Zukunft sein, schloss Bartz-Schmidt seine Lecture und ließ erkennen, dass die „Zeitreise“ keinesfalls beendet ist. (dk)
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