Doxycyclin nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr kann sexuell übertragbare Infektionen unterbinden6. April 2023 Trotz guter Studienergebnisse halten Experten eine antibiotische “Pille danach” nur bei speziellen Risikogruppen für sinnvoll. Foto: luchschenF – stock.adobe.com Eine Dosis von 200 mg Doxycyclin nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr soll bei Risikogruppen bakterielle sexuell übertragbare Infektionen (STIs) wie Syphilis, Tripper oder Chlamydien verhindern. Dies berichtet das „New England Journal of Medicine“. Experten loben zwar die Studie, äußern jedoch Bedenken zur Antibiotika-Anwendung. Die Autoren um Anne F. Luetkemeyer von Abteilung für HIV, Infektionskrankheiten und globale Medizin am Zuckerberg San Francisco General Hospital (USA) führten eine randomisierte Studie durch, um zu untersuchen, ob die Antibiotikagabe nach dem Geschlechtsverkehr Infektionen verhindern konnte. Sie nahmen in die Studie einerseits Männer auf, die Sex mit Männern haben (MSM), und andererseits Transfrauen, die eine HIV-Präexpositionsprophylaxe (HIV-PrEP) einnahmen (PrEP-Kohorte) oder mit einer HIV-Infektion lebten (persons living with HIV infection (PLWH). Alle Probanden hatten im Jahr vor Studienbeginn eine STI durchgemacht. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in einem Verhältnis von 2:1 entweder für die Einnahme von 200 Milligramm Doxycyclin innerhalb von 72 Stunden nach Geschlechtsverkehr ohne Kondom (Doxycyclin-Postexpositionsprophylaxe, DoxyPEP) oder für die Standardbehandlung ohne Doxycyclin ausgewählt. STI-Tests wurden vierteljährlich durchgeführt. Der primäre Endpunkt der Studie war die Inzidenz von mindestens einer STI pro Nachbeobachtungsquartal. Im Studienzeitraum konnte die DoxyPEP in der Versuchsgruppe etwa zwei Drittel aller STIs verhindern. Das Medikament wurde durchschnittlich vier Mal pro Monat von den Versuchsteilnehmern verwendet, wobei 25 Prozent sogar zehn Dosen oder mehr einnahmen. Laut den Studienautoren seien keine Bedenken hinsichtlich des Nebenwirkungsprofils, der Sicherheit oder der Akzeptanz festgestellt worden. Hoher Vorteil bei spezieller Subgruppe Prof. Georg Stary vom Institut für Dermatologie an der Medizinischen Universität Wien (Österreich) und PD Dr. Christoph Spinner von der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München loben das klare Studiendesign und das gute Konzept der Studie. Stary betont, dass es sich bei den Studienteilnehmern um Personen mit hohem STI-Risiko handelt. Zudem sei bekannt, dass Patienten, die eine HIV-PrEP nehmen, häufig ungeschützten Geschlechtsverkehr haben. „Bei dieser speziellen Subgruppe scheint die Anwendung von DoxyPEP als Prophylaxe einen hohen Vorteil zu bieten“, so Stary. „Wenn sich aufgrund der DoxyPEP in dieser Kohorte weniger Personen mit jenen drei bakteriellen STIs anstecken, dann sind insgesamt weniger STIs im Umlauf. Dementsprechend werden unter Umständen auch diejenigen geschützt, die das Medikament nicht prophylaktisch einnehmen.“ Zudem hätten auch bei regelmäßiger Anwendung von durchschnittlich vier Doxycyclin-Dosen pro Monat die Patienten insgesamt nicht mehr Antibiotika eingenommen als die Kontrollgruppe, denn eine akute Infektion mit STIs wird teilweise auch über mehrere Tage antibiotisch behandelt. Bedenken wegen Resistenzbildung und Mikrobiom „Besorgniserregend ist allerdings, dass es in dieser Patientengruppe zu vermehrten Resistenzen bei Gonokokken kam“, gibt Stary zu bedenken. Während bei Chlamydien und Syphilis wenige Resistenzen auftreten, sei das bei Gonokokken ein großes Problem. „Da stellt sich mir die Frage, wo das hinführen wird, weil in dieser Gruppe schon häufig Resistenzen aufgetreten sind. In diesem Sinne scheint mir die langfristige Verwendung von DoxyPEP nicht sehr zukunftsträchtig.“ Es sei jedenfalls wichtig, Gonokokken-Abstriche regelmäßig durchzuführen und das Resistenzprofil der Kulturen zu bestimmen. „Abschließend bleibt zu betonen, dass die Anwendung nicht generell empfohlen werden kann. Eine Empfehlung wäre – wenn überhaupt – nur für eine selektive Gruppe sinnvoll und auch da ist das mit den Resistenzen ein Problem, welches sehr ernst genommen werden muss.“ Auch Spinner gibt zu bedenken, der unkritische Einsatz von antimikrobellen Substanzen für Resistenzen und Problemkeime sei mitverantwortlich, dass ein breiter ungezielter Einsatz von Antibiotika nicht mehr gewünscht ist. „Für die Übersetzung der klinischen Studienergebnisse in den medizinischen Alltag braucht es daher dringend auch entsprechende Leitlinien und Empfehlungen.“ Die Zahl der STIs hat in den vergangenen Jahren auch in Deutschland wieder zugenommen und tritt gehäuft in der Gruppe MSM auf (1). Laut Prof. Norbert Brockmeyer, Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit und Medizin am Katholischen Klinikum Bochum und Vorsitzender der Deutschen-STI-Gesellschaft ist die Studie aber nicht unmittelbar auf die Situation in Deutschland übertragbar: „Bedeutsam ist, dass die Resistenzraten für Gonokokken in den USA bezüglich Doxycyclin mit etwa 25 Prozent deutlich geringer sind als in Europa mit etwa 60 bis 70 Prozent und in Deutschland mit nahezu 80 Prozent. Also können wir in der EU nur noch (…) mit einer Verringerung der Infektionen bei Chlamydien und Syphilis rechnen.“ Auch Brockmeyer warnt vor noch stärkerer Resistenzentwicklung: „Die Gefahr der Bildung von Resistenzen ist sehr groß, gerade gegen Gonokokken, aber auch bei anderen STI-Erregern und anderen Bakterien insgesamt, die mitbehandelt werden.“ Zudem sieht er Gefahren in der Anwendung: „Man muss davon ausgehen, dass es eine deutliche Veränderung des Mikrobioms geben wird und bei langer Anwendung auch vermehrt Nebenwirkungen auftreten werden. Auch Wirkungen auf die Spermatogenese (…) und Wirkungen auf die Entzündungsreaktion sind zu erwarten.“ Wichtig sei daher, alle Behandelten in einer Studie zu erfassen, „anders sehe ich die Vergabe kritisch“. Der Direktor für Forschung und Lehre an der Klinik für Dermatologie, Venerologie, und Allergologie, Ruhr-Universität Bochum, rät stattdessen: „Wir sollten vielmehr über die Impfung von Risikopersonen bezüglich Gonokokken mit dem MenB-Impfstoff nachdenken, bei einer zu erwartenden Immunität von 30 bis 40 Prozent“ (2). (Science Media Center Germany / ms) Literatur: Jansen K et al. (2020): STI in times of PrEP: high prevalence of chlamydia, gonorrhea, and mycoplasma at different anatomic sites in men who have sex with men in Germany. BMC Infectious Disease. DOI: 10.1186/s12879-020-4831-4. Abara WE et al. (2022): Effectiveness of a serogroup B outer membrane vesicle meningococcal vaccine against gonorrhoea: a retrospective observational study. The Lancet Infectious Diseases. DOI: 10.1016/S1473-3099(21)00812-4.
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