EAN: Experten wollen Versorgungslücken schließen19. Juni 2018 Foto: © oneinchpunch – Fotolia.com Die Zahl der Menschen, die aufgrund von neurologischen Erkrankungen sterben oder behindert sind, ist in den vergangenen 25 Jahren weltweit drastisch gestiegen. Das sollte ein Weckruf für die Politik sein, die Gesundheitsversorgung zu optimieren, forderten Experten beim Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Lissabon. „Neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Demenz, Kopfschmerz, Multiple Sklerose oder Parkinson sind in Europa Ursache Nummer eins für Behinderungen und Ursache Nummer zwei für Todesfälle. Was das menschlich aber auch ökonomisch bedeutet – von verlorenen Lebensjahren bis hin zu den direkten und indirekten Kosten – sollte nicht nur die Forschung beschäftigen, sondern vor allem die Politik“, sagte Prof. Günther Deuschl, Präsident der European Acadamy of Neurology (EAN) zum Auftakt des 4. EAN-Kongresses in Lissabon. Eine internationale Recherchegruppe hat in der „Global Burden of Disease Study“ dargelegt, wie verbreitet neurologische Erkrankungen sind: 2015 wurden aufgrund neurologischer Erkrankungen weltweit 250,7 Millionen DALYs (disability-adjusted life years) verzeichnet, also gesunde Lebensjahre, die durch Krankheit beeinträchtigt sind oder durch frühzeitiges Ableben verloren gehen. Das sind mehr als zehn Prozent aller DALYs insgesamt. Störungen des zentralen Nervensystems haben im selben Jahr zu 9,4 Millionen Todesfällen geführt, das heißt zu fast 17 Prozent aller Todesfälle weltweit. Schlaganfall und Demenz Hauptursache für Tod oder Behinderung Die Studie ermittelte auch, inwieweit neurologische Erkrankungen in den vergangenen 25 Jahren zugenommen haben. Sie kam bei den Todesfällen auf einen weltweiten Anstieg von 36,7 Prozent zwischen 1990 und 2015, und das, obwohl die Sterberaten bei Schlaganfall oder übertragbaren neurologischen Erkrankungen deutlich zurückgegangen sind. Auch die Zahl der DALYs stieg im gleichen Zeitraum um 7,4 Prozent an. „Ein Ende dieses Trends, der hauptsächlich dem Bevölkerungswachstum und demografischen Wandel geschuldet ist, lässt sich nicht absehen. Haupttreiber für diese Entwicklung sind vor allem Schlaganfall und demenzielle Erkrankungen“, betonte Deuschl. Schlaganfall verursacht global betrachtet die meisten DALYs (47,3 %) von allen neurologischen Erkrankungen und auch die meisten Todesfälle (67,3 %). Alzheimer und andere Demenzformen liegen bei den Behinderungen auf Platz vier, bei den Todesfällen auf Platz 2. „Die neue Studie beweist eindringlich, dass sich neurologische Erkrankungen von einer vielfach unterschätzten, oft unterbehandelten Krankheitsgruppe zu einer massiven Herausforderung für die Gesundheits- und Sozialpolitik entwickeln“, so Deuschl. EAN fordert mehr Ressourcen für Forschung und Prävention Die European Academy of Neurology ist gerade dabei, detailliertere Daten zur Verbreitung neurologischer Krankheiten in Europa auszuwerten. „Wir möchten weitere Zahlen und Fakten erarbeiten und diese den nationalen Fachgesellschaften und der Politik zur Verfügung stellen“, sagte EAN-Vizepräsident Prof. Franz Fazekas. „Die EU-Staaten müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie jetzt Geld in die Hand nehmen wollen, damit sich künftig neurologische Krankheiten verhindern, hintanhalten oder heilen lassen. Oder ob sie dieses Geld künftig ohnehin ausgeben müssen, weil die Zahl der Patienten immer mehr zunimmt.“ Die EAN fordert daher mehr Präventionsmaßnahmen und abgestufte Versorgungsstrukturen für die wichtigsten neurologischen Erkrankungen. Wie Fazekas betonte, tragen die wissenschaftlichen und politischen Anstrengungen jetzt schon erste Früchte, etwa bei Schlaganfall, wo die Sterbe- und Behinderungsraten immer mehr zurückgehen. „Die bessere Vorbeugung oder die Einführung von Stroke Units beginnen sich auszuwirken. Es gibt aber immer noch gewaltige Unterschiede innerhalb Europas, oft sogar innerhalb einzelner Länder.“ Das bestätigt auch „Value of Treatment“, eine umfangreiche Arbeit des European Brain Councils: In Europa erhalten von zehn Patienten mit einer Erkrankung des Zentralnervensystems bis zu acht keine oder nur unzulängliche Behandlungen, obwohl es effektive Therapien gäbe. Dabei scheitert es oft auch am Fehlen von definierten Behandlungspfaden oder Spezialeinrichtungen, an verabsäumter Rehabilitation oder an nicht vorhandener psychosozialer Unterstützung der Betroffenen und ihres Umfelds. „Die Studie benennt nicht nur die Versorgungslücken, sondern gibt auch anhand von Best-Practice-Beispielen evidenzbasierte Empfehlungen, wie die Versorgung kosteneffizient optimiert werden könnte. Es liegt nun an der Politik, diese wertvollen Informationen zu nutzen“, so Fazekas. Quellen: GBD 2015 Neurological Disorders Collaborator Group: Global, regional, and national burden of neurological disorders during 1990–2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015. Lancet Neurol 2017; 16: 877–897. European Brain Council: The Value of Treatment.
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