EAN-Kongress 2026: „Brains, Bytes & Beyond: Tech in Neurology“

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Am 27. Juni 2026 startet der Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Genf unter dem Motto „Brains, Bytes & Beyond: Tech in Neurology“. Im Vorfeld spricht Prof. Daniela Berg im Interview über neue Perspektiven in der Parkinson-Forschung, die Bedeutung der Hirngesundheit und darüber, wo Deutschland im europäischen Vergleich Nachholbedarf hat.

Berg ist seit 2025 Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und hält beim diesjährigen EAN Kongress einen Vortrag im Presidential Symposium.

Ihr Vortrag trägt den Titel „What research and patients may teach us: Parkinson’s disease – a history and perspective of learning“. Was war die zentrale Botschaft, die Sie mit diesem Titel verbinden?

Berg: Die zentrale Botschaft meines Vortrags ist, dass ich in den Jahren meiner wissenschaftlichen und klinischen Arbeit einige grundlegende Lektionen gelernt habe, die meinen Blick auf die Neurowissenschaften, auf die Versorgung von Patientinnen und Patienten und letztlich auch auf unsere Rolle in der Gesellschaft geprägt haben.

Im Mittelpunkt stehen vier Aspekte:

  • Fascination and Awe: Wissenschaft beginnt mit Faszination und Staunen.
  • Observe and Persist: Fortschritt entsteht durch sorgfältige Beobachtung und die Bereitschaft, auch unter schwierigen Bedingungen an wichtigen Fragen dranzubleiben.
  • Listen to Learn: Wir müssen unseren Patienten wirklich zuhören und bereit sein, von ihnen zu lernen. Niemand kennt eine Erkrankung besser als die Menschen, die mit ihr leben.
  • Discover and Share: Es ist ein Privileg, die Funktionsweise des Gehirns besser zu verstehen. Daraus erwächst die Verantwortung, dieses Wissen weiterzugeben und es zum Wohl von Patienten und Gesellschaft einzusetzen.

Sie befassen sich seit Jahren mit der Früherkennung und dem besseren Verständnis des Parkinson-Spektrums. Welche Erkenntnis aus Ihrer Forschung hat Ihr Denken über Parkinson am stärksten verändert? Wo sehen Sie im Verständnis der Erkrankung weiterhin die größten blinden Flecken?

Berg: Eine der wichtigsten Erkenntnisse war für mich die Beobachtung, dass Parkinson-typische Veränderungen viele Jahre, möglicherweise sogar Jahrzehnte vor der eigentlichen Diagnosestellung nachweisbar sein können.

Unsere Untersuchungen zur hyperechogenen Substantia nigra im transkraniellen Ultraschall haben dazu beigetragen, Parkinson als einen langjährigen biologischen Prozess zu verstehen, der Jahre bis Jahrzehnte vor dem Auftreten der klassischen motorischen Symptome beginnt. Diese Erkenntnis hat den Weg für die Erforschung sogenannter Prodromalmarker geebnet – also von frühen noch nicht eine endgültige Diagnose erlaubenden Symptomen, die der Erkrankung voran gehen können – und damit auch für die Untersuchung von Risiko- und Schutzfaktoren.

Heute wissen wir, dass die Förderung von Hirngesundheit ein entscheidender Schlüssel für die Prävention neurologischer Erkrankungen sein könnte. Gleichzeitig verstehen wir noch immer nicht ausreichend, warum die Krankheit bei verschiedenen Betroffenen so unterschiedlich verläuft, manche Menschen trotz Risikofaktoren gesund bleiben und welche Mechanismen das Gehirn langfristig schützen. Hier liegen wichtige Fragen für die zukünftige Forschung.

Wie hat die Einbindung von Patientinnen und Patienten Ihre Forschung beeinflusst? Gibt es ein konkretes Beispiel, bei dem Rückmeldungen von Betroffenen neue wissenschaftliche Fragen ausgelöst haben?

Berg: Patientinnen und Patienten waren für meine klinische und wissenschaftliche Arbeit immer eine unverzichtbare Quelle des Lernens. Viele wichtige Fragen entstehen erst, wenn man ihren Erfahrungen aufmerksam zuhört.

Ein Beispiel ist die im Vortrag erwähnte sogenannte Dranginkontinenz bei Parkinson. Betroffene haben mir geholfen zu verstehen, dass die Beschwerden häufig nicht oder nicht allein auf Veränderungen der Blasenfunktion zurückzuführen sind. Eine Harnblase wird schließlich nicht plötzlich voll, weil jemand eine Toilettentür sieht. Vielmehr scheint die Verarbeitung bestimmter Reize im Gehirn eine wichtige Rolle zu spielen.

Diese Beobachtung hat neue wissenschaftliche Fragestellungen eröffnet, hat einen wichtigen Einfluss auf die Therapie (z.B. Vermeiden von nebenwirkungsreichen Medikamenten) und zeigt zugleich, wie wertvoll die Perspektive von Patienten für das Verständnis neurologischer Symptome sein kann.

Der EAN-Kongress 2026 steht unter dem Motto „Brains, Bytes & Beyond: Tech in Neurology“. Welche Rolle werden Daten, digitale Methoden oder KI aus Ihrer Sicht künftig in der Parkinson-Forschung spielen?

Berg: Digitale Technologien, große Datensätze und künstliche Intelligenz verändern die Medizin bereits heute grundlegend und werden auch die Parkinson-Forschung nachhaltig prägen. Wir sind inzwischen in der Lage, enorme Datenmengen zu analysieren und komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen, die noch vor wenigen Jahren nicht zugänglich waren. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten, Krankheitsmechanismen besser zu verstehen und individuelle Risiken genauer abzuschätzen.

Gleichzeitig ermöglichen digitale Methoden und Wearables eine kontinuierliche und objektive Erfassung von Symptomen im Alltag. Dadurch gewinnen wir ein wesentlich realistischeres Bild der Erkrankung und können Diagnostik, Therapie und Prävention gezielter weiterentwickeln.

Gibt es eine konkrete medizinische Fragestellung, auf die Sie hoffen, auf dem Kongress eine Antwort zu erhalten?

Berg: In diesem Jahr beschäftigen mich weniger einzelne medizinische oder wissenschaftliche Fragestellungen als vielmehr die Frage, wie wir das Thema Hirngesundheit in Europa stärker voranbringen können.

Neurologische Erkrankungen gehören weltweit zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Deshalb interessiert mich besonders, wie wir Forschung, Versorgung, Prävention und gesellschaftliches Bewusstsein besser miteinander verbinden können, um die Gehirngesundheit der Bevölkerung nachhaltig zu stärken.

Sie sind sowohl in der EAN als auch in der DGN in wichtigen Funktionen aktiv. Gibt es konkrete Themenfelder, in denen Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch Aufholbedarf hat? Welche Themen sollten aus Ihrer Sicht in der neurologischen Forschung und Versorgung in den nächsten Jahren (inter)national stärker priorisiert werden?

Deutschland hat insbesondere im Bereich der Prävention Nachholbedarf. Das gilt für viele Erkrankungen, ganz besonders aber für neurologische Erkrankungen. Neurologische Erkrankungen verursachen weltweit die höchste Krankheitslast und gehören auch in Deutschland zu den wichtigsten Ursachen für Behinderung, Pflegebedürftigkeit und Gesundheitskosten. Gleichzeitig wissen wir, dass ein erheblicher Teil dieser Belastung durch präventive Maßnahmen reduziert werden könnte.

Dennoch investieren wir in Deutschland bislang nur einen sehr kleinen Teil unserer Gesundheitsausgaben in Prävention, es ist gerade mal ein Tausendstel! Das muss sich ändern! Investitionen in Hirngesundheit sind Investitionen in die Zukunft unserer Gesellschaft. Sie betreffen nicht nur die Gesundheit des Einzelnen, sondern auch Bildung, Teilhabe, Produktivität und die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes. Deshalb muss die Förderung der Gehirngesundheit in den kommenden Jahren zu einer zentralen gesundheitspolitischen Priorität werden.

Das Interview führte Milo Klesse.

Presidential Symposium „Zugang zur Versorgung und Forschung in herausfordernden Zeiten
Sonntag, 28. Juni, 10:30 – 12:30 Uhr, Main Auditorium


Prof. Dr. Daniela Berg ist seit 2016 Direktorin der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, und seit 01. Januar 2025 Präsidentin der DGN. Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich neurodegenerativer Erkrankungen, mit besonderem Fokus auf der Parkinsonerkrankung.