Editorial: Globale Augenheilkunde – Was der Blick auf die zurückliegende APAO über die Zukunft von Wissenschaft, Technologie und Versorgung verrät2. März 2026 In Hongkong (Foto: © Pleyer) fand im Februar die 41st Asia-Pacific Academy of Ophthalmology statt, über die Uwe Pleyer (Foto: © Charité – Universitätsmedizin Berlin) in seinem aktuellen Editorial berichtet. Prof. Uwe Pleyer von der Augenklinik der Charité – Universitätsmedizin Berlin berichtet dieses Mal in seinem Editorial von der 41. Tagung der Asia-Pacific Academy of Ophthalmology. Die 41. Tagung der Asia-Pacific Academy of Ophthalmology (APAO), die im Februar 2026 in Hongkong stattfand, war in vieler Hinsicht interessant und verdeutlicht meines Erachtens die gegenwärtige Neuordnung der globalen ophthalmologischen Wissenschaft. Die APAO ist traditionell stark asiatisch geprägt, doch 2026 zeigte sich eine bemerkenswerte Trias internationaler Expertise. Mit mehr als 10.000 Teilnehmenden und über 1000 Referentinnen und Referenten aus allen Weltregionen präsentierte die Veranstaltung ein wissenschaftliches Spektrum, das sowohl in seiner thematischen Breite als auch in seiner technologischen Tiefe bemerkenswert war. Die Tagung, laut offizieller Mitteilung „die größte und maßgeblichste ophthalmologische Fachkonferenz im asiatisch‑pazifischen Raum“ [1], bot ein Abbild der aktuellen Dynamiken, die die Augenheilkunde in den kommenden Jahren vermutlich prägen wird. Hohe Dynamik des ophthalmologischen Marktes in Asien Diese Dynamik lässt sich durch objektive Kennzahlen untermauern: Der asiatisch‑pazifische Raum hält inzwischen 25 Prozent des globalen ophthalmologischen Marktes, nur knapp hinter Europa (26%), jedoch mit deutlich höherer Dynamik [2]. Asien — insbesondere China, Südkorea, Japan und Singapur — weist die weltweit höchste Wachstumsrate in der Implementierung neuer ophthalmologischer Technologien auf. Zudem ist Asien weltweit führend in der Umsetzung KI‑gestützter Screening‑Systeme, Tele‑Ophthalmologie und mobiler Diagnostiklösungen [3]. Die Kombination aus sehr großen Patientenkohorten, massiven staatlichen Investitionen und hoher technologischer Akzeptanz führt zu einer Umsetzungsgeschwindigkeit, die international kaum erreicht wird. Die USA hingegen bleiben das Zentrum der technologischen Grundlageninnovation. Sie dominieren weiterhin die Bereiche Gen‑ und Zelltherapie, hochauflösende Bildgebung, Laser‑ und Robotik Technologie sowie die KI‑Grundlagenforschung. Mit einem Marktanteil von 43 Prozent sind die USA wirtschaftlich führend und halten zugleich die höchsten Publikations- und Zitationsraten [4]. Europa nimmt eine Zwischenposition ein: wissenschaftlich stark, klinisch exzellent, regulatorisch anspruchsvoll – und nicht zuletzt dadurch – mit deutlich geringerer Wachstumsdynamik als Asien und geringerer Innovationsgeschwindigkeit als die USA. Dies ist sicherlich nur (m)ein vereinfachter Blick auf die aktuelle Situation und künftige Entwicklungen. Zurück zur APAO und einigen Eindrücken, die ich von der Tagung mitgenommen habe. Jose‑Rizal‑Lecture: Refraktive Lensektomie Europa war bei APAO 2026 unter anderem durch die Keynote Jose‑Rizal‑Lecture von Prof. Jorge L. Alió (Spanien) zur refraktiven Lensektomie prominent vertreten. Dieser Eingriff hat sich – so der Referent- von einer elektiven Visuskorrektur zu einem funktionellen Eingriff entwickelt, der die optischen Eigenschaften des Auges optimiert. Alió betonte, dass moderne Linsenchirurgie heute darauf abzielt, „optische Funktionen des Auges wiederherzustellen“ und nicht nur die Sehschärfe zu verbessern. Diese Entwicklung wird durch Premiumlinsen, Extended‑Depth‑of‑Field‑Optiken, multifokale und akkommodative Linsen sowie durch präzisere IOL‑Berechnungsmodelle angestrebt. Alió verwies dabei auf die Notwendigkeit präziser präoperativer Diagnostik, sorgfältiger Patientenselektion, klarer ethischer Grenzen, und eines umfassenden Verständnisses der Risiken bei Myopie und Hyperopie. Eine vertiefende Darstellung zu diesem Thema von Alió et al. geht aus der kürzlich erschienenen Publikation im „Asia-Pacific Journal of Ophthalmology“hervor [5]. Auflösung traditioneller Trennungen Unter dem Leitmotiv „Eyes on the Future: Innovating Ophthalmology“ standen bei der APAO 2026 Entwicklungen im Mittelpunkt, die die traditionelle Trennung zwischen klinischer Versorgung, technologischer Innovation und Public Health zunehmend auflösen. Besonders deutlich wurde dies im Bereich der digitalen Diagnostik. Die Keynote De‑Ocampo‑Lecture von Haotian Lin (Guangzhou/Kanton) demonstrierte eindrucksvoll, wie KI‑gestützte Bildanalyse, portable Spaltlampen, IoT‑Funduskameras (=Internet of Things) und 5G‑basierte mobile Augenkliniken eine „nicht invasive, Echtzeit‑Diagnostik und Verlaufskontrolle“ ermöglichen [6]. Dabei betonte Lin, dass diese Technologien keine technischen Spielereien sind, sondern Antworten auf gesundheitspolitische Herausforderungen, die gerade in Asien mit riesigen Bevölkerungen (Indien, China), regional großen Versorgungsunterschieden, und hoher Prävalenz von Myopie und Diabetes bestehen. Gleichzeitig definieren sie neue Standards für Skalierbarkeit und Zugänglichkeit, wie dies bereits aus einer Metaanalyse in einem Cochrane Report hervorgeht [7]. Für europäisches Behörden-Verständnis sicherlich ein „Albtraum“ mit vielen „Red Flags“ am Horizont … Mobilere, patientennähere und datenreichere Augenheilkunde Allerdings: Diese Entwicklung ist kein isoliertes Phänomen. Die WHO selbst hat mit „WHOeyes“ eine kostenlose App veröffentlicht, die Nah‑ und Fern-Visus niedrigschwellig erfasst. „WHOeyes ist ein globales Screening‑Instrument, das die Sehschärfe misst und Bildungsbotschaften zur Augengesundheit vermittelt“, heißt es dazu im Informationsblatt [8]. Die App nutzt die klassische Prüfung mittels „E“-Haken, automatisierte Distanzmessung (iOS) und liefert Ergebnisse, die eine hohe Übereinstimmung mit ETDRS‑Charts zeigen. Damit liegt ein niedrigschwelliges Verfahren vor, das zum Beispiel die Früherkennung von Refraktionsfehlern im Kindesalter global verbessern kann. Gleichzeitig entsteht damit ein neues Spannungsfeld. Die Augenheilkunde wird mobiler, patientennäher, aber auch datenreicher. Und sie wird stärker mit systemischen Erkrankungen verknüpft — ein weiteres Thema, das in Hongkong ebenfalls präsent war und mich interessierte. Die Erkenntnis klingt zunächst banal und altbekannt: Die Uveitis wird nicht mehr als isolierte Augenkrankheit verstanden, sondern bei vielen Betroffenen als systemisches Syndrom. Biomarker, genetische Risikoprofile und differenzierte infektiologische Abgrenzung stehen im Mittelpunkt. Welche Muster sprechen für eine Sarkoidose? Welche für eine Spondyloarthritis? Welche für infektiöse Ursachen? Dies ging aus mehreren Beiträgen im Rahmen der APAO 2026 hervor. Wiederholt wurde hier auf aktuelle Entwicklungen zur standardisierten, multimodalen Bildgebung im Rahmen des „MUV“-Projektes eingegangen, die in einer aktuellen Publikations-Serie im „American Journal of Ophthalmology“ aufgearbeitet wird [9]. Uveitis als potenzielles Frühzeichen systemischer Autoimmunität „The relationship between uveitis and systemic autoimmune disease (IMID) appears to be less a one-way street and more a busy intersection“ und „IMIDs are strongly associated with uveitis, with significant bidirectional risk“. Diese beiden Sätze gehen aus einer aktuellen Publikation in „American Journal of Ophthalmology“hervor, die Daten aus einem US‑weiten Netzwerk mit rund 120 Millionen Patientenakten (!) auswerteten [10]. Die Untersuchung verfolgte drei komplementäre Fragestellungen: das Risiko, nach einer IMID‑Diagnose eine Uveitis zu entwickeln; die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten mit Uveitis bereits eine IMID hatten; und das Risiko, nach einer Uveitis‑Diagnose später eine IMID zu manifestieren. Trotz einiger methodischer Einschränkungen sind die Ergebnisse eindrücklich. Für Erkrankungen wie die ankylosierende Spondylitis und die juvenile idiopathische Arthritis (JIA) wurden sehr hohe Assoziationsmaße gefunden, sowohl in Bezug auf das Risiko, eine intraokulare Entzündung zu entwickeln, als auch auf die Wahrscheinlichkeit, nach einer später eine systemische Erkrankung zu diagnostizieren. Klinisch bedeutet dies, dass die Uveitis nicht nur als okuläre Manifestation einer bekannten Systemerkrankung betrachtet werden darf, sondern auch als potenzielles Frühzeichen systemischer Autoimmunität, das interdisziplinäre Abklärungen rechtfertigt. Fortschritte in Pathogenerkennung und Charakterisierung der Immunantwort Parallel zu diesen epidemiologischen Erkenntnissen zeigen Fortschritte in der Pathogenerkennung und in der Charakterisierung der Immunantwort, wie komplex die diagnostische Landschaft der Uveitis geworden ist. Metagenomisches Deep Sequencing (MDS) und Next‑Generation‑Sequencing‑Verfahren (NGS) erlauben heute in Einzelfällen die Identifikation unerwarteter Erreger direkt aus intraokularen Proben. Dies demonstrieren unter anderem Fallberichte mit Nachweis von unter anderem aktiv replizierenden Viren im Auge [11]. Diese Technologien sind besonders dann wertvoll, wenn konventionelle Tests (Kultur, PCR) negativ bleiben, der klinische Verdacht auf eine infektiöse Genese jedoch hoch ist. Gleichzeitig ist die praktische Anwendung (neben den erheblichen Kosten) durch das extrem begrenzte Probenvolumen im Auge limitiert. Deshalb werden pragmatische Strategien wie ein gestaffeltes Vorgehen mit initialer Kultur, antimikrobieller Therapie, und erneuter Punktion für molekulare Tests ein Weg sein, um diagnostische Ausbeute und therapeutische Sicherheit zu balancieren. Zweifelsohne zeigen die bei der APAO gewonnenen Eindrücke, dass digitale „Tools“ und KI das Potenzial haben, Diagnostik und Versorgung zu verbessern. Doch ihr Erfolg wird vor allem in Europa weniger von algorithmischer Perfektion als von systemischer Integration abhängen. Entwickler müssen frühzeitig regulatorische Pfade, klinische Workflows und Erstattungsmodelle berücksichtigen. Kliniker müssen von Anfang an als Schrittmacher in die Entwicklung eingebunden werden, um Relevanz und Nutzbarkeit sicherzustellen. Und Forscher müssen Real‑World‑Daten nutzen, um Modellrobustheit und Fairness über diverse Populationen hinweg zu belegen. Wenn das kein gutes Schlusswort ist…? Ihr Uwe Pleyer und das gesamte Redaktions-Team Lesen Sie hier auch das Januar-Editorial von Prof. Pleyer: Editorial: Augen auf 2026! FLORetina im Rückspiegel, die Zukunft im Fokus
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