Editorial: Revolution in der Ausbildung – Die digitale Lösung1. Juni 2026 Mit der Nachwuchssituation in der deutschen Medizin-Landschaft und einer möglichen digitalen Lösung für die Ausbildung zukünftiger Ophthalmochirurgen beschäftigt sich Detlef Holland in seinem Juni-Editorial (Foto li.: Image/stock.adobe.com [KI-generiert]; Foto re.: Holland/Augenzentrum one) Dr. Detlef Holland vom Augenzentrum One – Kiel informiert an dieser Stelle regelmäßig über interessante Themen und neue Erkenntnisse aus dem Bereich der Ophthalmochirurgie. Im Mittelpunkt des folgenden Beitrags steht die Zukunft der medizinischen Versorgung in Deutschland, die Rekrutierung von Nachwuchs und eine neue Möglichkeit für die Aus- und Weiterbildung desselben mittels Telemedizin. In unserem Juni Editorial möchte ich mich mit einem wachsenden Problem in der Ophthalmochirurgie befassen. Betrachten wir aber zunächst eine entsprechende allgemeine Situation in der medizinischen Versorgung Deutschlands. Bundesweit fehlen derzeit laut Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung unglaublich viele Ärzte. Alleine etwa 4000 bis 5000 Hausarztstellen sind unbesetzt. In manchen Planungsbereichen liegt die Unterversorgung bei bis zu 20 Prozent. Besonders betroffen sind strukturschwache, ländliche Kreise in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Teilen Bayerns. Demografischer Wandel, Abwanderung ins Ausland, fehlende Attraktivität des Berufes Die Ursachen dieser Unterversorgung sind multifaktoriell. So sind zum Beispiel rund 40 Prozent der derzeit niedergelassenen Hausärztinnen und -ärzte älter als 60 Jahre, und bis 2035 gehen voraussichtlich mehr als 40.000 Vertragsärzte in den Ruhestand. Zwar steigt die Zahl der Medizinstudienplätze langsam, aber viele Absolventen arbeiten später nur Teilzeit, unter anderem aufgrund der Tatsache, dass die Mehrzahl der Medizinstudierenden heute weiblich ist. Auch die Abwanderung in das europäische Ausland ist nach wie vor ein Thema – ein Brain-Drain, der nicht nur in der Medizin negativen Einfluss auf unsere Gesellschaft hat. Auch das Thema Work-Life-Balance spielt natürlich eine Rolle. Hohe Fallzahlen, umfangreiche Bürokratie und Rufbereitschaft schrecken junge Mediziner ab. Viele wollen lieber angestellt in einem Medizinischen Versorgungszentrum oder in Teilzeit arbeiten. Für die Patientenversorgung hat dies weitreichende Folgen wie beispielsweise längere Wartezeiten auf Termine oder längere Wege zum Facharzt in ländlichen Regionen. Die Politik versucht mit organisatorischen Gegenmaßnahmen zu reagieren. Hier ist zum Beispiel die Landarztquote zu nennen. In mehreren Bundesländern erhalten Studierende einen Studienplatz, wenn sie sich verpflichten, später mindestens zehn Jahre auf dem Land zu arbeiten. Höhere Honorarzuschläge für Praxen in unterversorgten Regionen, Darlehens-Tilgungen und einmalige Niederlassungsprämien in Höhe von bis zu 50.000 Euro können in unterversorgten Gebieten hilfreich sein. Das Delegieren bestimmter medizinischer Tätigkeiten an medizinische Fachangestellte kann auch ein äußerst hilfreicher Weg sein, um Ärzte von Routineaufgaben zu entlasten. Aber auch technische Neuerungen wie Telemedizin und elektronische Patientenakten sowie der elektronische Austausch von Befunden und Briefen können die Arbeitswelt vereinfachen und die Ressource „Zeit“ optimieren. Situation in der Ophthalmologie Das Schlagwort „Telemedzin“ soll uns nun zu unserem Fachgebiet zurückbringen. Auch die Augenheilkunde ist in der Zukunft vor demografische Probleme gestellt. Allein in der DACH-Region rechnet man mit einer Abnahme der aktiv tätigen Augenärzte bis 2030 um 18 Prozent. Gleichzeitig werden möglicherweise die notwendigen operativen Prozeduren um bis zu 25 Prozent ansteigen. Gleichzeitig sehen wir immer größer werdende MVZ-Einheiten mit mehreren OP-Standorten. Schauen wir einmal genauer auf die Kataraktchirurgie. Laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) und den Krankenhaus-Statistiken werden in Deutschland jährlich circa 800.000 bis 850.000 Kataraktoperationen durchgeführt. Damit ist der Eingriff der mit Abstand häufigste in deutschen Kliniken und Praxen. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird diese Zahl voraussichtlich weiter steigen, da der Anteil der über 65-Jährigen bis 2040 deutlich zunehmen wird. Menschen leben länger und wünschen sich auch im hohen Alter eine gute Sehleistung. Aufgrund der ständig wachsenden Anforderungen – wie Autofahren, Computer- und Smartphone-Nutzung – werden die Eingriffe häufig auch schon früher bei leichter Beeinträchtigung und geringer Trübung bei jüngeren, noch berufstätigen Patienten durchgeführt. Fachgesellschaften wie beispielswiese die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft rechnen bis 2030/2035 mit einem weiteren Anstieg auf etwa 900.000 bis 1000.000 Eingriffe pro Jahr, sofern keine gravierenden Kapazitäts- oder Finanzierungsengpässe auftreten. Ophthalmochirurgische Ausbildung: Telemedizin und Online-Unterstützung durch erfahrene Operateure Ob diese Steigerung tatsächlich realisierbar ist, hängt unter anderem von der Verfügbarkeit von Operateuren und OP-Kapazitäten ab. Es müssen folglich wenige Operateure für die Ausbildung des operativen Nachwuchses sorgen und dies häufig an verschiedenen Standorten, was eine große logistische Herausforderung darstellt. Noch lassen sich Ausbilder ja bekannterweise nicht klonen. Wie wäre es also, wenn ein erfahrener Operateur jederzeit online zur Verfügung stehen würde, um Kollegen im OP beraten zu können? Zu diesem Thema wurde gerade eine spannende Arbeit von Kretz und Kollegen im „Journal of Cataract und Refractive Surgery“ zur Publikation akzeptiert. Das System medHub OP Supervisor ermöglicht es dem erfahrenen Chirurgen, mehreren fortgeschrittenen Assistenzärzten gleichzeitig in Echtzeit beratendes Feedback zu geben und unterstützt die ortsunabhängige Supervision. Sowohl Live-Videos als auch die verbale Kommunikation in Echtzeit sind möglich. Das System nutzt die geläufigen Videoausgänge (HDMI, DVI, SDI oder S-VHS) vorhandener Systeme und ist mit allen gängigen OP-Mikroskopen kompatibel. Diese Ausgänge sind mit ONVIF-kompatiblen Hardware-Konvertern verbunden, die das Mikroskopsignal in standardisierte IP-Videostreams umwandeln. Die Konverter sind in eine lokale Netzwerk-Videomanagementplattform integriert, die vollständig innerhalb der institutionellen Firewall arbeitet. Der Lehrer kann so jederzeit beispielsweise aus der Sprechstunde an einem anderen Standort zugeschaltet werden und hilfreiche Ratschläge geben. Dies ist ein wichtiger Schritt hin zu einem nachhaltigeren Modell für die Ausbildung der nächsten Generation von Chirurgen. Die Sicherheit der Ausbildung kann damit sicherlich auch zum Wohl der Patienten erhöht werden. Der Supervisor hat die Möglichkeit, sich abzeichnende Probleme während kritischer Operationsschritte zu erkennen und rechtzeitig Korrekturmaßnahmen einzuleiten, wodurch die Notwendigkeit einer persönlichen Übernahme reduziert und gleichzeitig die Sicherheitsaufsicht aufrechterhalten werden kann. Der Supervisor hat zusätzlich jederzeit Einblick in die relevanten Patientendaten wie Alter oder die zu implantierende Kunstlinse, was ebenfalls zur Einordnung der Situation und der optimalen Unterstützung hilfreich ist. Die Abläufe können sicher vor Ort aufgezeichnet und für die postoperative Analyse sowie für strukturierte Schulungszwecke zur Verfügung gestellt werden. Auszubildende und Ausbilder können die vollständigen Aufzeichnungen einsehen, um Entscheidungspunkte und Möglichkeiten zur Verfeinerung der Techniken zu identifizieren. Dies unterstützt strukturiertes Feedback und die kontinuierliche Qualitätsverbesserung. Kein Ersatz menschlicher Expertise, sondern Ergänzung Die ersten Erfahrungen zeigten eine nahtlose Workflow-Integration ohne erhöhte Komplikationsraten. Die Sicherheit wurde also keinesfalls reduziert. Das System ist darauf ausgelegt, menschliche Expertise zu ergänzen, nicht zu ersetzen. Der zuständige Chirurg bleibt weiterhin der Entscheidungsträger. Alle Bild und Audiodateien werden intern gespeichert und sind unabhängig von Cloud-Systemen. Zukünftige Versionen könnten möglicherweise auch in eine geschütze IT-Umgebung KI-gestützte Verfahrensanalysen integrieren, um die Überwachungsmöglichkeiten und das strukturierte Feedback weiter zu verbessern. Daraus ergibt sich eine Vielzahl unterschiedlicher Nutzungsmöglichkeiten, die in der Lehre und möglicherweise auch in der Forschung gleichermaßen genutzt werden können. Soweit es die Recherche zeigt, ist dies das erste System dieser Art, über das publiziert wurde. Es könnte helfen, einige der im ersten Teil beschriebenen Probleme zu reduzieren und die begrenzte Ressource „Arzt“ optimal einzusetzen. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie unsere Arbeitswelt durch moderne Technologien immer weiter zum Wohle der Patienten und der tätigen Ärzte optimiert werden kann. Man darf also positiv in die Zukunft blicken. Ihr Detlef Holland
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