Eine neue Lösung für die Stromversorgung von Herzpumpen16. Februar 2024 Andreas Kourouklis hat einen Pioneer-Fellowship der ETH Zürich erhalten, um ein neues Kabelsystem für Herzpumpen zu entwickeln. Foto: ©Nici Lebküchner/ETH Zürich Fast jeder zweite Träger eines Kreislaufunterstützungssystems hat mit Infektionen zu kämpfen. Der Grund dafür ist das dicke Kabel für die Stromversorgung. Forschende von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich arbeiten an einer Lösung für das Problem. Viele Patientinnen und Patienten, die auf ein Spenderherz warten, können nur mithilfe einer Pumpe weiterleben, die direkt an ihrem Herzen angebracht ist. Diese Pumpe braucht etwa so viel Strom wie ein Fernseher, den sie über ein sieben Millimeter dickes Kabel aus einer externen Batterie zieht. Das System ist zwar handlich und zuverlässig, hat aber eine große Schwäche: Trotz medikamentöser Maßnahmen kann die Austrittsstelle des Kabels am Bauch zum Einfallstor für Bakterien werden. Geht es nach ETH-Forscher Andreas Kourouklis soll dieses Problem bald der Vergangenheit angehören. Gemeinsam mit ETH-Professor Edoardo Mazza und Ärztinnen und Ärzten des Deutschen Herzzentrums in Berlin hat der Ingenieur ein neues Kabelsystem entwickelt, das die Herzpumpe mit Strom versorgt, ohne dass es dabei zu Infektionen kommt. Das ist besonders relevant, da drahtlose Methoden zur Stromübertragung in absehbarer Zeit nicht für Patientinnen und Patienten zur Verfügung stehen werden. Kourouklis hat ein Pioneer-Fellowship der ETH Zürich erhalten, um die Technologie voranzutreiben. Dünne Drähte mit Kratern ersetzen dickes Kabel „Durch das dicke Kabel in bestehenden Kreislaufunterstützungssystemen entsteht eine offene Wunde, die nicht verheilt und die Lebensqualität von Patient:innen stark beeinträchtigt“, erklärt Kourouklis. Um die Austrittsstelle herum bildet sich schlecht durchblutetes Narbengewebe, das nicht nur die Selbstheilung der Haut beeinträchtigt, sondern auch das Infektionsrisiko erhöht. Da die äußeren Hautschichten auf der glatten Oberfläche des Kabels nur schlecht anhaften, wachsen sie nach unten ein. Dadurch gelangen Bakterien von der Hautoberfläche in tiefere Gewebeschichten. Die Folge: Trägerinnen und Träger des Systems haben regelmäßig mit Infektionen zu kämpfen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Die Technologie von Kourouklis soll nun Abhilfe schaffen: Statt eines dicken Kabels, das steifer als die menschliche Haut ist, sollen mehrere dünne und flexible Drähte mit einer gewölbten, unregelmäßigen Oberfläche die Stromversorgung der Herzpumpe sicherstellen. Die Forschenden vergleichen ihren Ansatz mit menschlichen Haaren, die die Haut durchbrechen, ohne Infektionen zu verursachen: „Flexiblere Drähte mit einer Oberfläche voller kleiner, unregelmäßiger Krater unterstützen die Wundheilung der Haut“, sagt Kourouklis. Der Grund: Die äußersten Hautschichten haften besser an diesen Drähten und wachsen nicht nach unten ein. Es bildet sich schneller neues Gewebe und die Haut bleibt als Barriere gegen bakterielle Infektionen eher intakt. Wassertropfen erzeugen kleine Krater Um die Krater auf der Kabeloberfläche zu erzeugen, haben Kourouklis und Kollegen ein neues Verfahren entwickelt. Damit können sie auch Oberflächen, die nicht flach sind, mit sehr kleinen, unregelmäßigen Mustern versehen, was bislang nicht möglich war. Die Methode, die aktuell an der ETH Zürich patentiert wird, funktioniert wie folgt: Die Forschenden überziehen die flexiblen Drähte mit einer dünnen Silikonschicht und kühlen sie auf minus 20 Grad Celsius ab. Dadurch wird die Oberfläche formbar. Anschließend kommen die Drähte in die Kondensationskammer, wo sich kleine Wassertropfen in die fluide Silikonschicht drücken so unregelmäßige Krater erzeugen. Dazu Pioneer-Fellow Kourouklis: „Wir können die Position der Krater über die Feuchtigkeit und die Temperatur in der Kondensationskammer verändern.“ Dünne, flexible Kabel mit Kratern an der Oberfläche sollen das Infektionsrisiko mindern. Foto: ©Nici Lebküchner/ETH Zürich Die Herausforderung dabei ist, dass die Krater weder zu groß noch zu klein sein dürfen: Sind sie zu groß, können sich Bakterien darin einnisten und das Infektionsrisiko steigt. Sind sie hingegen zu klein, bleibt die Haut daran nicht haften und wächst nach unten – auch in diesem Fall steigt die Gefahr von Infektionen. Ein klassisches Optimierungsproblem, das Kourouklis und sein Team durch computergestützte Modelle und Experimente zu lösen versuchen. Erste Tests bestätigen geringere Infektionsgefahr Die ersten Tests führte Kourouklis’ Team an Hautzellkulturen durch. Erst dann wurden sowohl das neue Kabelsystem als auch das alte, dicke Kabel einem Schaf implantiert. Die Ergebnisse stimmen den ETH-Forscher optimistisch: Während die dicken Kabel mit glatter Oberfläche zu schweren Entzündungen führten, kam es bei den dünnen, flexiblen Kabeln nur zu milden Entzündungsreaktionen. Kein Schaf erlitt bei den Versuchen bleibende Verletzungen. Wichtiger noch: Die Haut der Schafe haftete besser an den neuen Kabeln an und wuchs im Vergleich zu den dicken Kabeln kaum nach unten. Dementsprechend kam es bei den dünnen Kabeln mit Kratern auch nicht zu Infektionen der Austrittswunde bei den Tieren. Kourouklis arbeitet derzeit mit Expertinnen und Experten aus der Medizintechnik und Herzchirurgie daran, das Kabelsystem zu verbessern. Sein Ziel ist, die Technologie so bald wie möglich auf den Markt zu bringen. Bevor das neue Kabelsystem jedoch bei Herzkranken eingesetzt werden kann, sind noch eine Reihe von Tests an Hautmodellen, Tieren und schließlich an Menschen notwendig.
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