Einmonatiger COVID-19-Lockdown kostet Herzinfarktpatienten bis zu zwei Jahre Lebenszeit

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Eine aktuelle Hochrechnung gelangt zu dem Schluss, dass Patienten, die während des ersten COVID-19-Lockdowns im Vereinigten Königreich oder in Spanien einen ST-Hebungs-Infarkt erlitten haben, eine um 1,5 beziehungsweise zwei Jahre kürzere Lebenserwartung besitzen als Patienten, die mit gleichen Merkmalen ein Jahr zuvor einen Herzinfarkt hatten.

Während der ersten Welle der Pandemie suchten etwa 40 Prozent weniger Herzinfarktpatienten ein Krankenhaus auf, da die Regierungen die Menschen aufforderten, zu Hause zu bleiben, die Menschen Angst hatten, sich mit dem Virus anzustecken, und routinemäßige Notfallbehandlungen teilweise eingestellt wurden. Im Vergleich zu einer rechtzeitigen Behandlung hatten Herzinfarktpatienten, die zu Hause blieben, ein mehr als doppelt so hohes Sterberisiko, während bei denjenigen, die den Gang ins Krankenhaus hinauszögerten, die Wahrscheinlichkeit schwerer Komplikationen, die hätten vermieden werden können, fast doppelt so hoch war.

Für eine aktuell im „European Heart Journal – Quality of Care and Clinical Outcomes“ publizierte Studie schätzten Wissenschaftler um Prof. William Wijns vom Lambe Institute for Translational Medicine der Universität Galway (Irland) die langfristigen klinischen und wirtschaftlichen Auswirkungen einer eingeschränkten Herzinfarktbehandlung mittels Perkutaner Koronarintervention (PCI) während der Pandemie im Vereinigten Königreich und in Spanien anhand eines speziell entwickelten Modells ab. Die Forscher verglichen  die prognostizierte Lebenserwartung und die Lebensqualität von Patienten, die während des ersten Lockdowns einen ST-Hebungsinfarkt (STEMI) erlitten, mit der von Patienten, die zur gleichen Zeit im Vorjahr einen STEMI erlitten hatten. Außerdem betrachteten sie die Kosten, die durch STEMIs in den entsprechenden Zeiträumen entstanden.

In der Analyse der britischen Daten wählten sie den Zeitraum vom 23. März 2020 (Beginn des Lockdowns) bis zum 22. April 2020 im Vergleich zu dem entsprechenden Zeitraum im Jahr 2019. Die spanische Analyse verglich den März 2019 mit dem März 2020 (der Lockdown begann am 14. März 2020). Die prognostizierten Überlebenswahrscheinlichkeiten berücksichtigten das Alter, den Hospitalisierungsstatus und die Zeit bis zur Behandlung anhand der für jedes Land veröffentlichten Daten. Anhand dieser wurde beispielsweise geschätzt, dass 77 Prozent der STEMI-Patienten im Vereinigten Königreich vor der Pandemie ins Krankenhaus eingeliefert wurden, verglichen mit 44 Prozent während des Lockdowns. Die entsprechenden Raten für Spanien lagen bei 74 Prozent und 57 Prozent. Die Forscher verglichen auch, wie viele Jahre bei bester Gesundheit für Patienten mit einem STEMI vor und während der Pandemie verloren gingen.

Die Berechnung ergab, dass Personen, die während des ersten Lockdowns im Vereinigten Königreich einen STEMI erlitten, im Durchschnitt 1,55 Lebensjahre verlieren würden, verglichen mit jenen, die den STEMI im Jahr zuvor aufwiesen. Darüber hinaus berechneten die Forscher, dass Menschen, die während des Lockdowns einen STEMI erlitten, etwa ein Jahr und zwei Monate ihres Lebens bei bester Gesundheit verlieren würden. Die entsprechenden Zahlen für Spanien beliefen sich auf 2,03 verlorene Lebensjahre und etwa ein Jahr und sieben Monate verlorenen Lebens bei bester Gesundheit.

In die Kostenanalyse schlossen die Wissenschaftler die Kosten für die anfängliche Krankenhauseinweisung und -behandlung, die Nachbehandlung, das Management der Herzinsuffizienz und den Arbeitsausfall der STEMI-Patienten ein. Unter normalen Bedingungen belaufen sich die Kosten für eine STEMI-Einweisung mit Perkutaner Koronarintervention (PCI) im Vereinigten Königreich demnach auf 2837 Pfund und in Spanien auf 8780 Euro. Die Kosten für die Herzinsuffizienz wurden für das Vereinigte Königreich auf 6086 Pfund im ersten Jahr und 3882 Pfund in den folgenden Jahren der Erkrankung geschätzt. Die entsprechenden Zahlen für Spanien betrugen 3815 Euro im ersten Jahr und 2930 Euro in den Folgejahren.

Den aktuellen Berechnungen zufolge beliefen sich im Vereinigten Königreich die zusätzlichen Kosten für einen STEMI während der Pandemie im Vergleich zu vorher auf 8897 Pfund, einschließlich 214 Pfund für den nationalen Gesundheitsdienst und 8684 Pfund für Arbeitsausfälle. Ausgehend von einer Inzidenz von 49.332 STEMIs pro Jahr prognostizieren Wijns und Kollegen, dass der eingeschränkte Zugang zu PCI während des ersten Monats des Lockdowns zusätzliche Kosten in Höhe von 36,6 Millionen Pfund (41,3 Millionen Euro) über die gesamte Lebensdauer dieser Patienten verursachen könnte.

Für Spanien schätzten die Forscher die zusätzlichen Kosten pro STEMI während des Lockdowns auf 20.069 Euro. Ausgehend von einer jährlichen STEMI-Inzidenz von 52.954 STEMIs prognostizieren sie, dass der eingeschränkte Zugang zu PCI im März 2020 zusätzliche Kosten in Höhe von 88,6 Millionen Euro über die Lebenszeit dieser Patienten verursachen könnte. Den größten Anteil daran haben die Arbeitsausfälle, die sich pro Patient auf 23.224 Euro zusätzlich belaufen (81.062 Euro vor vs. 104.286 Euro nach der Pandemie). Dies sei jedoch teilweise durch geringere Kosten für Herzinsuffizienz-bedingte Krankenhausaufenthalte ausgeglichen worden, da mehr STEMI-Patienten während des Lockdowns starben.

„Die Ergebnisse verdeutlichen die Auswirkungen einer verzögerten oder unterlassenen Versorgung“, sagt Wijns. „Die Patienten und die Gesellschaft werden den Preis für die eingeschränkte Herzinfarktbehandlung während nur eines Monats des Lockdowns noch jahrelang bezahlen.“ Seiner Ansicht nach brauchen die Gesundheitsdienste eine Liste mit lebensrettenden Therapien, die jederzeit zur Verfügung stehen sollten, und es müssten belastbare Gesundheitssysteme geschaffen werden, die ohne Verzögerung auf Notfallpläne umschalten können. „Kampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit sollten die Vorteile einer rechtzeitigen Behandlung betonen, auch während einer Pandemie oder einer anderen Krise.“

(ah)