Einsamkeit könnte Wundheilung verzögern

Seniorin wird von Fachkraft versorgt
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Chronische Wunden und Einsamkeit könnten enger verknüpft sein als gedacht: Eine Studie belegt, dass soziale Faktoren die Expression entzündungsrelevanter Gene beeinflussen und so die Wundheilung verzögern können.

US-amerikanische Forschende haben bei Patienten mit chronischen Bein- und Fußulzera einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und einer erhöhten Expression proinflammatorischer Gene festgestellt. Die mit Entzündungsprozessen verknüpften Gene werden bei Verletzung oder Krankheit aktiviert, müssen für die Wundheilung aber wieder deaktiviert werden. Wenn sie aktiviert bleiben, heilen Wunden nicht regelhaft ab.

Die Studie konzentrierte sich auf Patienten, die mit Wunden leben, die länger als vier Wochen offen bleiben. Die Ergebnisse, kürzlich in „Advances in Skin & Wound Care“ veröffentlicht, tragen zu einem zentralen Gebiet der medizinischen Forschung bei: dem Einfluss von Einsamkeit auf die Wundversorgung.

Beobachtungen in der Praxis geben erste Hinweise

Erstautorin Dr. Teresa Kelechi von der Medical University of South Carolina, USA, beobachtete diesen Einfluss in ihrer Wundambulanz sowie im Rahmen der Studie. Sie bemerkte, dass einige Patienten langsamer heilten. „Sie hatten saubere Wunden. Sie hatten eine gute Ernährung. Sie hatten eine ausreichende Exposition gegenüber natürlichem Licht. Sie hatten all die Dinge, die Menschen dazu bringen sollten zu heilen und gesund zu sein“, so Kelechi. „Es fehlte jedoch etwas, das wir nie genau benennen konnten.“

Dr. Laurie Theeke von der George Washington University in Washington, USA, und Kelechi vermuteten, dass Einsamkeit dieser fehlende Faktor war. Theeke untersucht die Zusammenhänge zwischen Einsamkeit und Gesundheit seit mehr als 15 Jahren. Wenn Menschen einsam seien, befänden sie sich in einer Fight-or-Flight-Reaktion, so Theeke. „Sie haben einen verminderten Immunstatus und sind weniger heilungsfähig als jemand, der sich nicht in diesem Zustand befindet.“

Soziale Genomik stellt Zusammenhang her

Die beiden Forscherinnen wollten untersuchen, ob es einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Bein- und Fußulzera mit verzögerter Heilung gibt uns arbeiteten mit Prof. Steve Cole von der University of California, Los Angeles, USA, zusammen. Cole hat einen Großteil seiner Laufbahn darauf verwendet, eine Gruppe von Genen zu untersuchen, die durch soziale Faktoren wie Einsamkeit beeinflusst wird.

„Soziale Genomik beschreibt, wie unser soziales Leben beeinflusst, wie sich unsere Gene in unserem Körper verhalten. Wie soziale Erfahrungen – in diesem Fall Einsamkeit, Isolation, Zugehörigkeit – verändern können, wie unsere Gene exprimiert werden oder ein- oder ausgeschaltet werden“, so Theeke.

In ihrer Studie analysierten Kelechi und Theeke eine Gruppe von Genen, die durch die „conserved transcriptional response to adversity“ (CTRA) definiert ist – ein biologisches Muster, das erstmals von Cole beschrieben wurde und bei dem bestimmte Gene als Reaktion auf widrige psychologische Stressoren ein- oder ausgeschaltet werden. Die ausgewählte Gruppe von Genen war ebenfalls mit Entzündung verknüpft.

Gefühlt einsam versus nicht allein

Um die Rolle von Einsamkeit bei chronischen Bein- und Fußulzera zu untersuchen, teilten die Forschenden die Teilnehmenden anhand der 20‑Item-UCLA-Loneliness Scale in Gruppen mit viel Einsamkeit (L+) oder wenig Einsamkeit (L) ein. Diese Skala misst subjektiv empfundene Einsamkeit mithilfe von Aussagen wie „Ich fühle mich von anderen isoliert“, wobei die Befragten angeben, wie häufig sie jedes Gefühl erleben – von „nie“ bis „oft“.

Einsamkeit sei nicht mit sozialer Isolation gleichzusetzen, die durch die Anzahl der sozialen Kontakte einer Person definiert werde, so Kelechi. Einsamkeit spiegelt die subjektiv empfundene Qualität dieser Beziehungen wider.

Von jedem Mitglied der Gruppen wurden Blutproben entnommen und zur Messung der Expression proinflammatorischer Gene verwendet. Die Forschenden fanden heraus, dass die L+-Gruppe eine signifikant höhere Expression proinflammatorischer Gene aufwies, was die Heilung verzögern kann. Konkret bildeten 18 Gene ein charakteristisches Profil, das die Gruppe mit hoher Einsamkeit kennzeichnete – und zu einer wachsenden Evidenz beiträgt, dass subjektiv empfundene Einsamkeit die körperliche Gesundheit beeinflussen kann.

Weitere Forschung mit Praxisbezug

Während zukünftige Forschung diese Daten nutzen kann, um zusätzliche Effekte von Einsamkeit auf Gesundheitsoutcomes zu untersuchen, sind Kelechi und Theeke mehr daran interessiert, die Gesundheitsoutcomes für diese Patientengruppe bereits jetzt zu verbessern. Sie haben einen Förderantrag für eine randomisierte Studie eingereicht, in der Personen in Wundambulanzen eine individuelle kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung von Einsamkeit erhalten. Der Plan der Forschenden ist, die Genexpression vor und nach der Therapie zu messen.

„Wir können die Genexpression in nur drei Monaten verändern“, so Theeke. „Vielleicht können wir Verzögerungen in der Heilung umkehren, wenn wir den Faktor adressieren, der die erhöhte Expression bestimmter Gene verursacht.“

„Chronische Wunden und Einsamkeit können sich gegenseitig verstärken, und Einsamkeit könnte mit einem messbaren proinflammatorischen Genexpressionsprofil verknüpft sein“, sagt Kelechi. „Dies legt nahe, dass die Wundversorgung nicht nur Verbände und Prozeduren, sondern auch psychosoziale Diagnostik und Unterstützung umfassen sollte.“ (ins)