Erhebliche Lücken bei der Regulierung von Lippenkosmetika11. August 2026 Symbolbild: © NDABCREATIVITY – stock.adobe.com Lippenkosmetika können über das Lippengewebe resorbiert oder unbeabsichtigt geschluckt werden. Forschende sehen dafür in internationalen Sicherheitsbewertungen erhebliche Lücken. Lippenstifte, Lipglosse, Balsame, Öle, Masken und Lip Stains werden als topische Kosmetika ausschließlich zur äußerlichen Anwendung eingestuft. Die Produkte werden über das Lippengewebe resorbiert, wodurch ein dualer Expositionsweg entsteht, für dessen Bewertung jedoch keine Rahmenwerke konzipiert wurden. Nun untersuchten Forschende aus den USA und dem Vereinigten Königreich, wie die Resorption über Lippengewebe und die unbeabsichtigte orale Aufnahme im Rahmen der Kosmetikregulierung im Vereinigten Königreich, in den USA, der Europäischen Union (EU), Kanada, China und Südkorea bewertet werden. Zusätzlich verglichen sie, wie dieselben Expositionswege in den Rahmenwerken für Kosmetika, Lebensmittel und Arzneimittel unterschiedlich behandelt werden. Die von der Lip Service Alliance in Partnerschaft mit Forschenden der University of Birmingham in Auftrag gegebenen Studien wurden in „Integrated Environmental Assessment and Management“ veröffentlicht. Die Lip Service Alliance ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation, die daran arbeitet, Sicherheitsstandards für Lippenprodukte zu modernisieren und das Verbraucherbewusstsein in dieser zunehmend beliebten Kosmetikkategorie zu stärken. Aktuelle Sicherheitsbewertungen nicht ausreichend Die Prüfungen und Regulierungen der meisten Länder berücksichtigen die Resorption von Inhaltsstoffen aus Lippenkosmetika über das Lippengewebe nicht. In strengeren Regionen wie dem Vereinigten Königreich, der EU und China werden Resorptionsdaten aus Modellen normaler Haut abgeleitet, die eine intakte Barriere aufweist und sich biologisch vom Lippenrot unterscheidet. Das Lippenrot weist im Vergleich zur Gesichtshaut ein deutlich dünneres, gering keratinisiertes mehrschichtiges Plattenepithel auf. Dies führt dazu, dass Lippengewebe sich eher wie die orale Mukosa, die Auskleidung des Mundes, als wie konventionelle Haut verhält. Die pharmazeutische Wissenschaft nutzt diesen Weg über die orale Mukosa bereits, um Arzneimittel rasch unter Umgehung der Leber in die Blutbahn zu überführen. Die Übersichtsarbeiten zitieren Studien, die für Verbindungen wie Benzoesäure, Koffein und Hydrocortison eine wesentlich höhere Resorption über orales Schleimhautgewebe als über Haut zeigen. Trotzdem verlangt keines der in den Studien untersuchten regulatorischen Rahmenwerke, dass Lippenkosmetika an Modellen geprüft werden, welche diese Unterschiede im Hautgewebetyp widerspiegeln. Prof. Iseult Lynch von der University of Birmingham und Mitglied des Forschungsteams der Lip Service Alliance, sagt: „Diese kritischen Übersichtsarbeiten sind ein wichtiger erster Schritt bei der Schließung einer erheblichen Evidenzlücke in unserem Verständnis, wie Substanzen in Lippenprodukten mit dem Körper interagieren. Über die Lip Service Alliance haben wir Fachwissen aus Wissenschaft, Industrie und Regulierungswissenschaft zusammengeführt, um zu untersuchen, ob die in gegenwärtigen Sicherheitsbewertungen verwendeten Annahmen die einzigartige Biologie der Lippen zutreffend widerspiegeln. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Lippen nicht einfach als gewöhnliche Haut behandelt werden sollten. Sie teilen wichtige Eigenschaften mit den Schleimhautgeweben im Mundinneren, die bekanntermaßen erheblich permeabler sind. Dies weist klar darauf hin, dass spezifischere Methoden zur Expositionsbewertung von Lippen auf Grundlage der besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse entwickelt werden sollten.“ Durch die Identifizierung dieser Wissenslücke hoffen die Forschenden, weitere Studien und Unterstützung für die Entwicklung von Prüfansätzen anzuregen, die Regulierungsbehörden, Industrie und Verbrauchern mehr Vertrauen in die Sicherheit von Lippenprodukten geben. Fehlende oder veraltete Annahmen zur oralen Aufnahme Während die EU und das Vereinigte Königreich bestimmte Aufnahmeraten ausdrücklich anerkennen, beruhen die Annahmen zu Anwendung und Exposition auf Studien, die mehr als zwei Jahrzehnte alt sind. Die EU-Bewertung geht davon aus, dass ein vollständig aufgetragenes Lippenprodukt in den Körper gelangt, und verwendet für Lippenstift und Lippenpflege 0,057 g täglich im 90. Perzentil. Die USA beziehen sich für Lippenstift auf 87 mg täglich im 95. Perzentil, haben diese Aufnahmemenge jedoch nur für die Bleiexposition angewendet. Beide Angaben stammen aus Studien, die zwischen 2003 und 2005 durchgeführt wurden, und keine wurde aktualisiert. Kanada, China und Südkorea haben nie gemessen, wie viel Lippenprodukt ihre jeweiligen Bevölkerungen verwenden, und stützen sich stattdessen auf europäische Zahlen. Das bedeutet, dass die Sicherheit in China, dem zweitgrößten Kosmetikmarkt der Welt, anhand einer zwanzig Jahre alten Befragung europäischer Verbraucher bewertet wird. Die Übersichtsarbeiten beziehen sich auch auf Studien, die Mikroplastik, Spurenmetalle und Mineralölkohlenwasserstoffe in Lippenprodukten identifizieren. Im Jahr 2022 verbot die EU Titandioxid als Lebensmittelzusatzstoff wegen Bedenken, dass es nach oraler Aufnahme DNA schädigen könnte. In Lippenkosmetika bleibt es ohne Konzentrationsbegrenzung zulässig und ist in Lippenprodukten allgegenwärtig, auch in solchen, die als natürlich, „clean“ und biologisch gekennzeichnet sind. Dies gilt ähnlich für Duftstoffe und aus Kunststoffen abgeleitete Inhaltsstoffe. Die Autoren kommen nicht zu dem Schluss, dass Lippenprodukte unsicher oder sicher sind, sondern veranschaulichen vielmehr, dass die Risiken bei heutigen Anwendungsraten über zwei Expositionswege (orale Aufnahme und Resorption) nicht präzise bewertet werden. (ins)
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