Neuer Delabeling-Pass soll falsche Penicillinallergie dauerhaft aus Patientenakte entfernen

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Häufig liegt gar keine Penicillinallergie vor, auch wenn Patienten diese angeben – mit Nachteilen für die Betroffenen. Ein Delabeling-Pass soll künftig dokumentieren, wenn eine Penicillinallergie dauerhaft widerlegt ist.

Ein vermeintliche Penicillinallergie hat für Betroffene und das Gesundheitssystem handfeste Nachteile: Statt bewährter β-Laktam-Antibiotika kommen dann häufig alternative Wirkstoffe zum Einsatz. Diese können teils zu mehr Nebenwirkungen und schlechteren Behandlungsergebnissen führen und die Resistenzentwicklung befeuern.

Das Penicillin Allergie Netzwerk Deutschland PANDA hat deshalb einen Penicillinallergie-Delabeling-Pass entwickelt, der dokumentiert, wenn eine Penicillinallergie sicher widerlegt wurde. Ziel ist, dass die Information langfristig in der medizinischen Dokumentation erhalten bleibt und bei späteren Behandlungen berücksichtigt werden kann.

Penicillinallergie: Annahme trifft in 90 Prozent der Fälle nicht zu

Der Penicillinallergie-Delabeling-Pass ist sowohl für erwachsene als auch pädiatrische Patientinnen und Patienten geeignet und wurde mit der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin e.V. (GPA) und der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) konsentiert.

Bis zu zwölf Prozent der erwachsenen Patienten geben bei Klinikaufenthalten an, schon einmal allergisch auf ein Penicillin reagiert zu haben. Bei etwa sechs Prozent der Kinder berichten die Eltern von einer entsprechenden Reaktion. Meist sind eher harmlose Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden oder Juckreiz der Grund für die Allergie-Vermutung. Allergologische Tests aber zeigen: In rund 90 Prozent der Fälle ist die Annahme der Penicillinallergie falsch.

Ausweichen auf andere Antibiotika hat relevante Nachteile

Dennoch wird in Akutfällen oft auf die Gabe sämtlicher β-Laktam-Antibiotika, zu denen die Penicilline gehören, verzichtet, weil die Zeit für allergologische Tests nicht ausreicht. Anstelle der hochwirksamen und gut verträglichen β-Laktam-Antibiotika erhalten Betroffene dann häufig Antibiotika anderer Substanzklassen, die teils weniger effektiv sind, mit stärkeren Nebenwirkungen einhergehen oder aufgrund ihres breiten Spektrums die Entstehung von Resistenzen begünstigen.

Gleichzeitig ist es Ziel von Antibiotic Stewardship-Programmen, das sogenannte Delabeling, also die medizinische Überprüfung und Entfernung einer fälschlich angenommenen Allergie aus der Patientenakte, stärker im klinischen Alltag zu verankern. Dabei werden durch eine strukturierte Allergieanamnese und ein standardisiertes Risiko-Assessment Patientinnen und Patienten mit niedrigem Risiko für eine Penicillin-Allergie identifiziert. Je nach Befund kann das Delabeling direkt erfolgen, also ohne weitere Tests, oder durch eine direkte orale Provokation (DOP) geprüft werden.

Penicillinallergie-Delabeling-Pass: Relabeling verhindern

Ein relevantes Problem ist allerdings die hohe Rate von Relabeling – durch unvollständige Dokumentation oder unzureichenden Datenfluss zwischen Klinik und hausärztlicher oder kinderärztlicher Praxis taucht die bereits widerlegte Penicillinallergie in Akten, Arztbriefen oder der Selbstauskunft bei der nächsten Behandlung wieder auf. Um den langfristigen Nutzen des Delabelings sicherzustellen, hat PANDA den Penicillinallergie-Delabeling-Pass entwickelt.

Der Pass dokumentiert, auf welcher Grundlage das Delabeling erfolgt ist und welche Penicillinderivate zukünftig eingesetzt werden können. Der Pass dient als persönlicher Nachweis, den Patienten beziehungsweise deren Eltern bei zukünftigen Arztkontakten oder Krankenhausaufenthalten vorlegen können. Zusätzlich enthält er eine Einlegerkarte für die hausärztliche und kinderärztliche Praxis. Diese soll die Aktualisierung der Allergiedokumentation unterstützen und verhindern, dass ein bereits ausgeräumter Verdacht erneut in der (elektronischen) Patientenakte übernommen wird.

Wissenschaftliche Begleitung geplant – Akzeptanz im Fokus

Die Einführung und Ausgabe des Penicillinallergie-Delabeling-Passes wird von PANDA wissenschaftlich begleitet. Dabei stehen die Akzeptanz bei behandelnden Ärzten sowie bei Patienten im Fokus. Zudem wird untersucht, ob die Information über das Delabeling langfristig in der medizinischen Dokumentation erhalten bleibt und bei späteren Behandlungen berücksichtigt wird.

Der Pass richtet sich in erster Linie an Kliniken, die Delabeling durchführen, und den Pass an ihre Patientinnen und Patienten ausgeben möchten. Die Pässe können beim PANDA – Penicillin-Allergie-Netzwerk Deutschland bestellt werden.


Literatur:

Brockow K et al. Recommendations on how to proceed in case of suspected allergy to penicillin/β-lactam antibiotics: Position paper of the German Society for Allergology and Clinical Immunology (DGAKI) in cooperation with the German Society for Pediatric Allergology (GPA), Austrian Society for Allergology and Immunology (ÖGAI) and the Swiss Society for Allergology and Immunology (SGAI). Allergol Select. 2025 Mar 6;9:28-39.

Baxter M et al. Point prevalence of penicillin allergy in hospital inpatients. Journal of Hospital Infection. 2020;106(1):65-70.

Jani YH et al. Sustaining and spreading penicillin allergy delabelling: A narrative review of the challenges for service delivery and patient safety. Br J Clin Pharmacol. 2020 Mar;86(3):548-559.