Erhöhtes Schlaganfall-Risiko bei schwerer COVID-19-Erkrankung19. Oktober 2020 Foto: ©sudok1 – stock.adobe.com Neuere Beobachtungen brachten COVID-19 mit thromboembolischen Komplikationen in Verbindung, die möglicherweise durch eine erhöhte Blutgerinnungsfähigkeit und entzündliche Endothelstörungen vermittelt werden. Eine Studie aus Sachsen zeigt nun, dass das Schlaganfallrisiko bei schwerer COVID-19-Erkrankung höher ist als bei leichterem Infektionsverlauf. Neben einer multizentrischen Beobachtungs-Kohortenstudie mit vier teilnehmenden Krankenhäusern in Sachsen führten Timo Siepmann vom Universitätsklinikum Dresden und Kollegen eine Literaturanalyse nach den PRISMA-Richtlinien durch. Die so ermittelten Daten wurden mit multizentrischen Daten gepoolt, um Risikoverhältnisse (RR) und 95 %-Konfidenzintervalle (95 %-KI) für akuten Schlaganfall in Abhängigkeit vom Schweregrad von COVID-19 unter Verwendung eines Modells mit zufälligen Effekten zu berechnen. Die Heterogenität zwischen den Studien bewerteten die Forscher anhand von Q- und I2-Statistiken nach Cochran. Unter 165 Patienten, die wegen COVID-19 hospitalisiert (49,1% Männer, medianes Alter 67 Jahre [Spanne 57–79], 72,1% schwer oder kritisch erkrankt) und in die multizentrische Studie eingeschlossen wurden, betrug die Gesamt-Schlaganfallrate 4,2 Prozent (95 %-KI 1,9–8,7). Die systematische Literaturrecherche erbrachte zwei Beobachtungsstudien mit insgesamt 576 Patienten, die für eine Metaanalyse in Frage kamen. Unter 741 gepoolten COVID-19-Patienten betrug die Gesamt-Schlaganfallrate 2,9 Prozent (95 %-KI 1,9–4,5). Bei Patienten mit schwerem Schlaganfall war das Risiko für einen akuten Schlaganfall im Vergleich zu nicht schweren COVID-19-Patienten erhöht (RR 4,18; 95%-KI 1,7–10,25; p = 0,002), wobei es keinen Hinweis auf eine Heterogenität der Studien gab (I2 = 0%, p = 0,82). Verschluss großer Gefäße ist häufig, auch ohne Risikofaktoren Ebenfalls mithilfe einer systematischen Literaturstudie und unveröffentlichten Daten verschiedener Zentren in Kanada, den USA und dem Iran untersuchte ein internationales Forscherteam die Hypothese, dass Schlaganfälle, die bei Patienten mit COVID-19 auftreten, besondere Merkmale aufweisen. Dabei zeigte sich, dass ein Verschluss großer Gefäße deutlich häufiger aufzutreten scheint als bislang vermutet. Dazu führten Sebastian Fridman von der Western University in London, Kanada, und Kollegen eine systematische Suche durch, die zu zehn Studien mit Angaben zur Schlaganfallhäufigkeit bei COVID-19-Patienten führte. Diese Daten poolten die Forscher mit einer unveröffentlichten Serie aus Kanada. Mithilfe von Metaanalysen, die zufällige Effekte berücksichtigten, bestimmten Fridman und Kollegen dann den Anteil der Schlaganfälle unter Patienten mit COVID-19-Infektion und führten eine zusätzliche systematische Suche nach Fallserien von Schlaganfällen bei COVID-19-Patienten (n=125) durch, wobei diese Daten mit 35 unveröffentlichten Fällen aus Kanada, den USA und dem Iran gepoolt wurden. Darüber hinaus analysierten sie klinische Merkmale und die Mortalität im Krankenhaus, stratifiziert nach Altersgruppen (<50, 50–70, >70 Jahre), und wendeten Clusteranalysen an, um spezifische klinische Phänotypen und deren Zusammenhang mit dem Tod zu identifizieren. Dabei stellten sie fest, dass der Anteil der COVID-19-Patienten mit Schlaganfall (1,8 %; 95 %-KI 0,9–3,7 %) und Krankenhausmortalität (34,4 %; 95 %-KI 27,2–42,4 %) hoch war. Bei Patienten <50 Jahren war die Mortalität um 67 Prozent niedriger als bei Patienten >70 Jahren (OR 0,33; 95 %-KI 0,12–0,94; p = 0,039). Ein Verschluss großer Gefäße trat doppelt so häufig (46,9 %) auf wie zuvor berichtet und war in allen Altersgruppen hoch, selbst wenn keine Risikofaktoren oder Komorbiditäten vorlagen. Ein klinischer Phänotyp, der durch höheres Alter, eine höhere Belastung durch Komorbiditäten und schwere respiratorische Symptome von COVID-19 gekennzeichnet war, war mit der höchsten Krankenhausmortalität (58,6 %) und einem dreifach erhöhten Sterberisiko im Vergleich zum Rest der Kohorte assoziiert (OR 3,52; 95 %-KI 1,53–8,09; p = 0,003). Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass Schlaganfälle bei COVID-19-Patienten relativ häufig vorkommen und in allen Altersgruppen verheerende Folgen haben. Das Zusammenspiel von höherem Alter, Komorbiditäten und Schweregrad der respiratorischen Symptome von COVID-19 war mit einem extrem erhöhten Sterblichkeitsrisiko verbunden. Originalpublikationen:Siepmann T et al. Increased risk of acute stroke among patients with severe COVID-19: a multicenter study and meta-analysis. Eur J Neurol, 12. September 2020Fridman S et al. Stroke Risk, phenotypes, and death in COVID-19: Systematic review and newly reported cases. Neurology, 15. September 2020
Mehr erfahren zu: "Potenzial statt Defizit: die synergetische Verbindung von ADHS und Kreativität" Potenzial statt Defizit: die synergetische Verbindung von ADHS und Kreativität Wie kann ADHS gleichzeitig eine tägliche Herausforderung für Millionen von Menschen und ein gemeinsames Merkmal erfolgreicher Künstler und Innovatoren wie Justin Timberlake oder Simone Biles sein? Die gemeinsamen neurologischen Mechanismen […]
Mehr erfahren zu: "Wie sich das zentrale Nervennetzwerk im Hippocampus entwickelt" Wie sich das zentrale Nervennetzwerk im Hippocampus entwickelt Die neueste Studie der Gruppe rund um Prof. Peter Jonas am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) zeigt, wie sich das zentrale Nervennetzwerk im Hippocampus nach der Geburt entwickelt.
Mehr erfahren zu: "Krankheit durch Übergewicht: Neues Modell sagt Risiko besser vorher als BMI" Krankheit durch Übergewicht: Neues Modell sagt Risiko besser vorher als BMI Ein internationales Forschungsteam hat ein Modell entwickelt, das auf der Basis von 20 Gesundheitswerten das Risiko für 18 verschiedene Komplikationen von Übergewicht und Adipositas vorhersagen kann – und zwar besser […]